Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Wie eine warme Decke

Auf seinem dritten Album übt sich der Musiker und Songwriter in Optimismus. Spannender ist er aber dort, wo der Zweifel aufblitzt.

Von Alice Galizia

Hat zu sich gefunden und will es der ganzen Welt zurufen: Michael Kiwanuka bei einem Konzert in Paris. Foto: David Wolff-Patrick, Getty

Fröhlich beginnt es, motivierte Bläsersets im Hintergrund, ein Chor und Michael Kiwanuka, die singen: Zögere nicht, Zeit heilt alle Wunden, du bist nicht das Problem. «You Ain’t the Problem» heisst dieser Song auch, der erste auf Kiwanukas drittem Album. Ein optimistischer Auftakt von einem, dem der Durchbruch 2016 mit einer herzzerreissend traurigen Ballade namens «Cold Little Heart» gelang, in der er von Schmerz sang und der Unfähigkeit, wieder hinauszufinden. Nun ist es ihm offenbar gelungen: Sein neues Album «Kiwanuka» lebt immer noch von einem melancholischen Kern, will aber ohne positives Denken nicht mehr auskommen.

In Interviews zum Erscheinen des neuen Werks betonte Kiwanuka, wie gross seine Zweifel früher waren und wie froh er ist, sie abgestreift zu haben. Endlich habe er als Künstler das Selbstbewusstsein, das ihm lange gefehlt habe. Der Albumtitel «Kiwanuka» weist darauf hin: Zu Beginn seiner Karriere wurde ihm von seinem Label geraten, einen Künstlernamen anzunehmen – Kiwanuka sei zu kompliziert, das könne sich niemand merken. Trotzig hat er den Namen behalten.

Überhaupt ist es so eine Sache mit der Identität: Aufgewachsen ist Kiwanuka in einer Familie mit ugandischen Wurzeln in Muswell Hill im Norden Londons, einer weissen Mittelstandsgegend. Mit seinem Soul fühlt er sich einer schwarzen Musiktradition zugehörig, während sein Publikum immer noch vornehmlich weiss ist. Gegenüber dem «Guardian» sagte er, ein Repräsentant der schwarzen Community sei er bestimmt nicht, er beneide die, die es sein könnten. Zu diesem neuen Selbstbewusstsein gehört für ihn allerdings auch, seinen eigenen Platz zu behaupten. Auch das besingt er im Eingangssong: Gehörst du nicht dazu, halte es aus – you ain’t the problem.

Seltsam abgedroschen

Auf dem neuen Album singt Kiwanuka mit gewohnt warmer Stimme, die nie untergeht im Viel der Musik mit Streichern, Bläsern, Klavierparts – sauber arrangiert von den Produzenten Inflo und Danger Mouse, der etwa auch Gorillaz oder The Black Keys produziert hat. Ein rundes Album, eins geht ins andere über, die Musik mäandriert zwischen leisen und ein wenig lauteren Passagen. Gitarrensoli gibt es, folkiges Schrummen und lustige Basslines, und auch der Gospel mischt sich hie und da mit ein paar Chören ein. Mal macht das Spass, wie im an die Stones erinnernden «Rolling», mal ist es hinreissend schön, wie im sich langsam aufbauenden «Final Days». Und manchmal ist es auch total überladen, wenn der Chor gegen Schluss gar nicht mehr aufhören will und die Streicher auch nicht. Ein wenig mehr Trockenheit hätte diesem Album gutgetan. Zwar war Kiwanuka auch auf seinen beiden ersten Alben, «Home Again» (2012) und «Love & Hate» (2016), eher dem Ausholenden zugewandt, doch liess er dort mehr Rohheit zu.

Und es wird nicht unbedingt besser durch Kiwanukas unbändigen Willen, die Dinge positiv zu sehen. Man mag es ihm gönnen, dass er zu sich selbst gefunden hat, sodass er es nun der ganzen Welt zurufen möchte. Doch ist diese warme Wolke des Selbstzuspruchs zuweilen auch etwas anstrengend. Lieber würde man ungestört in tiefste Schwermut versinken, anstatt dauernd von Kiwanuka oder seinem Chor daran erinnert zu werden, dass schon wieder alles gut komme: Die Zeit heilt alle Wunden, Liebe ist die Antwort auf alles und andere Phrasen, die im sonst soliden Songwriting seltsam abgedroschen wirken.

Fast ein Protestsong

Spannender wird Kiwanuka dort, wo er einen Blick nach draussen wagt. Samples von Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung sind hie und da eingestreut, in «Hero» verweist er auf Polizeigewalt gegenüber Schwarzen: «I guess they killed another», ich glaube, sie haben noch einen umgebracht. Mit einer folkigen Gitarre blinzelt er hier dem Genre des Protestsongs zu, wenn auch sauberer und weniger explizit im Text: Als Held zu sterben, ist das Einzige, was uns übrig geblieben ist, singt er, und was wir hinterlassen, ist eine gebrochene Gesellschaft. Da ist der Optimismus auf einmal weit weg, er scheint kaum noch angebracht.

Die Ballade «Final Days» fühlt sich zeitlos und aktuell zugleich an: Die letzten Tage auf dem Planeten, wir drehen und drehen weiter – das mag ein Kommentar auf eine gerade verbreitete Befürchtung sein, aber auch darauf, dass diese Vorstellung des baldigen Untergangs kaum eine neue ist. So drehen wir weiter, und die letzten Tage sind schon lange angebrochen. Auch hier ist das Klavier zu Beginn, vermischt mit verzerrten Klängen aus einem Megafon, dick aufgetragen. Aber Kiwanuka vermag es trotz Ratlosigkeit, die Schwere zu ertragen, ohne ein Angebot zur Erlösung machen zu müssen.

Ein Zyniker war Michael Kiwanuka nie. Seine Musik hat sich schon immer warm angefühlt, gesungen von einem netten Menschen, sodass man sich darin einhüllen möchte. Eigentlich ist das doch erfrischend: dass einer ein so schönes, nettes, oft zufriedenes Album macht. Nur die Ratschläge, die könnte er gern für sich behalten.

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