Nr. 40/2020 vom 01.10.2020

Die Revolution wird keine Instagram-Story sein

Das mysteriöse Kollektiv Sault hat nicht nur in beeindruckendem Tempo gleich zwei herausragende Alben dieses Jahres produziert. Sie liefern den Soundtrack zur politischen Gegenwart, provozieren aber auch die Frage: Was ist das eigentlich – eine Band?

Von David HunzikerMail an AutorIn

Sie falten die Hände und heben die Faust: Sault bleiben anonym … Cover: «Untitled (Rise)»

Das Mysterium von Sault ist kaum ohne Instagram denkbar. Die App, die ursprünglich dem Teilen von Handyfotos diente, ist längst zum wichtigsten sozialen Netzwerk für die Musikindustrie geworden. Nicht nur, dass sich diese immer stärker auf die Verbandelung mit der Plattform und deren effektiven Marketingtools einlässt; durch seine Dominanz des Visuellen und seine Aura des Intimen hat Instagram auch eine starke Affinität zu Pop, der sich immer auch um die Frage dreht: Was ist das für eine Person, die da singt und spielt? Was sagt sie, was trägt sie?

Es gibt kaum PopmusikerInnen, die heute nicht auf Instagram aktiv sind. Sie dokumentieren ihre Arbeit im Studio oder im Proberaum, solidarisieren sich mit sozialen Bewegungen, basteln an ihrer visuellen Identität. Ob sie es gern machen oder nicht, es wird faktisch von ihnen erwartet. Vielleicht kann man es als Widerstand gegen diesen Zwang verstehen, wenn sich nun eine Band der persönlichen Inszenierung im Netz komplett verweigert; vielleicht macht sie sich aber auch nur das Vakuum zunutze, das unsere Erwartung erzeugt.

Keine Styles, keine Meinungen

Sault werden uns wohl auch keine Begründung dafür geben. Ausser durch seine Musik gibt das Kollektiv kaum etwas von sich preis. Die erste Platte, «5», ein wunderbares, geschichtsbewusstes sowie retrofreies Werk aus R’n’B, Soul, Funk und Postpunk, erschien im Mai 2019 wie aus dem Nichts – keine Bandfotos, keine Interviews, keine Konzerte, nicht einmal Namen von MusikerInnen. Sault haben zwar ein Profil bei Instagram, doch dort erscheinen bloss die ikonischen Albumcovers mit Zündhölzern oder schwarzen Händen auf schwarzem Grund oder Schnipsel von Songs zur Ankündigung neuer Alben. Aber: keine Emotionen, keine Styles, keine Meinungen. Oder ist diese ganze Verweigerungshaltung, die ja auch eine Inszenierung ist, als Statement zu verstehen: Die Kunst soll für sich sprechen, ohne Kontext und ohne Erklärungen?

… doch das hat nichts Obskures, sondern wirkt im Gegenteil öffnend. Cover: «Untitled (Black Is)»

Im letzten Juni sah es dann so aus, als würde die politische Realität für das Theater sorgen und Sault für den Soundtrack dazu. Nicht einmal einen Monat nach der Ermordung von George Floyd erschien das dritte Album, «Untitled (Black Is)». Erstaunlich war die Geschwindigkeit, mit der es entstanden sein muss – zu viele Textstellen schienen sich direkt auf die aktuellen Proteste und die Polizeigewalt in den USA zu beziehen. Schon auf «5» gab es neben viel Heartbreak auch einen Song, der von rassistischer Polizeigewalt handelte, doch plötzlich waren Sault komplett auf Politik gedreht. Nur drei Monate später erschien nun sogar ein zweiter Teil, «Untitled (Rise)», der sich stärker an Disco orientiert, insgesamt aber dunkler und verworrener klingt als sein Vorgänger.

Doch Sault verhalten sich anders zur antirassistischen Bewegung als popkulturelle Galionsfiguren wie die Rapper Kendrick Lamar und Killer Mike. Bei Sault gibt es keine Personen, an denen sich die Kraft des Aufstands kristallisiert oder die für politische Botschaften einstehen. «Untitled (Black Is)», auf dessen Cover eine gereckte schwarze Faust auf schwarzem Grund zu sehen ist, beginnt mit einem Chor, der, von Klatschen begleitet, eine Revolution ausruft. Er wird von einer tröstlichen Soundfläche aus dem Synthesizer abgelöst, über die eine Frau mit warmer Stimme spricht: «Black is safety, black is benevolence», Schwarz ist Sicherheit, Schwarz ist Güte.

Gottvertrauen, aber ohne Demut

Obwohl sie ständig von Rassismus und Polizeigewalt handelt, mobilisiert diese Poesie keine Gegenaggression, sondern ruft Black Pride, Widerstandsparolen, Ermächtigungsgefühle an. Man höre nur einmal die elegante Songminiatur «Don’t Shoot Guns Down», in der eine Frauenstimme einen Polizisten unaufhörlich auffordert, sie nicht zu erschiessen. Es liegt keine Spur von Hass oder Angst in dieser Stimme, sie klingt so stark, gerade weil sie die Aggression nicht erwidert. Ebenso die musikalische Begleitung: eine minimale Basslinie und ein schlanker, geloopter Groove, der am Taktende kurz stolpert. Die Songtexte beschwören Gottvertrauen – «Gottes Liebe ist umsonst», heisst es in «Free» vom neuen Album –, nicht aber Demut: In «The Beginning and the End» steht das Zitat der biblischen Ankündigung von Gottes Sohn neben den Anschlägen vermisster schwarzer Kinder an Laternenpfählen.

Die meiste Protestmusik zeichnet sich durch eine bestimmte Sprechposition aus: «Ich bin wütend, ich singe ein Lied darüber, ich solidarisiere mich mit …». Ein solches Ich fehlt bei Sault, der emotionale Echoraum, der sich in ihren Texten und ihrer Musik auftut, ist ein kollektiver. Die Anonymisierung hat so gesehen nichts Obskures, wirkt im Gegenteil öffnend.

Doch wer sich dafür interessiert, kann mittlerweile leicht die wichtigsten Namen finden, die sich hinter dem mysteriösen Kollektiv verbergen, sogar offizielle Angaben zur Urheberschaft der Songs. Sault gruppieren sich um den Londoner Produzenten Inflo, der in den letzten Jahren bei verschiedenen Indierockbands und einigen starken Alben aus der britischen Black Music involviert war: «Grey Area» (2019) der Rapperin Little Simz, «Kiwanuka» (2019) des Soulmusikers Michael Kiwanuka, der auch in Saults «Bow» zu hören ist, oder «Rose in the Dark» der R-’n’-B-Sängerin Cleo Sol.

Cleo Sol wird neben Inflo bei zahlreichen Sault-Tracks als Songwriterin angegeben, ebenso die US-Rapperin Kid Sister. Die beiden verbindet ein ähnlicher Karriereverlauf: Sie erzielten erste Erfolge mit poporientiertem R’n’B und Rap – Kid Sister kollaborierte sogar mit Kanye West – und kehrten dann nach einer mehrjährigen Pause mit gesteigertem musikalischem Anspruch zurück. Cleo Sol als Sängerin, Kid Sister unter anderem als Sprecherin der Spoken-Word-Tracks: Sie sind nicht nur die charakteristischen Stimmen von Sault, sie stehen auch für transatlantische schwarze Solidarität. Musikalisch drückt sich diese bei Sault auch in Einflüssen von Afrobeat und brasilianischen Rhythmen aus.

Mit Glocken und Streichern

Sault sind eher ein loses Kollektiv als eine Band. Sie treten nicht als geschlossene Gruppe auf, auch ihre Musik entsteht nicht aus einem synchronen Zusammenspiel; ihr Konstruktionsprinzip ist die Montage. Sie kommt filigran und schlicht daher, doch bei genauerem Hinhören zeigt sich, wie üppig produziert sie ist. Zum Beispiel «Hard Life» auf «Untitled (Black Is)»: Ein mächtiger Breakbeat scherbelt direkt ins Ohr, die Basslinie brummt auf einem einzigen Ton, darüber wuchtige, übereinandergelegte, ineinander geschnittene Soulgesänge. «Finally, we reach …», das erlösende Thema des zweiten Teils, wird zuerst nur eingestreut, bevor ein sanft swingender Beat die Beklemmung löst, eine Gitarre vergnügt fabuliert und ein Chor die Stimme der Sängerin umspielt. In den viereinhalb Minuten ist auch noch Platz für einen Gospelchor, der Zuversicht versprüht: «Alles wird gut, Gott ist auf deiner Seite». Oder «Stronger» auf «Untitled (Rise)», mit über sechs Minuten der längste Song von Sault, ein Discotrack im flauschigen Siebzigersound mit perlenden Glocken und Streichern, der zwischenzeitlich in ein wildes Getrommel abtaucht, bevor sich seine Form in Schichten wieder aufbaut. Trotzdem wirkt diese Musik nie überladen, was neben den Arrangements auch ihrem vielschichtigen, dynamischen Sound zu verdanken ist.

Auch das ist dieser Tage eine Form von Protest: gegen den aufdringlichen, auf die Boombox zugeschnittenen Botoxsound.

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