Nr. 49/2019 vom 05.12.2019

Das Staatsmassaker

Mit dem faschistischen Bombenanschlag in Mailand am 12. Dezember 1969 begannen Italiens «bleierne Jahre». Die Spuren führten bis in den italienischen Geheimdienst – und die Schuldigen blieben bis heute straffrei.

Von Jens Renner

Als es noch hiess, AnarchistInnen hätten die Bomben gelegt: Menschenmassen beim Trauerzug für die Opfer des Anschlags bei der Piazza Fontana am 15. Dezember 1969. Foto: Mario de Biasi, Sergio Del Grande, Giorgio Lotti; Getty

«‹La bomba› è finita!» Der junge Buchhändler in dem süditalienischen Küstenstädtchen Agrópoli bedauerte: Ausverkauft war das Buch, nach dem ich fragte. Ein paar Tage später bekam ich es doch – in der Feltrinelli-Buchhandlung im Zentrum von Salerno. Gleich am Eingang stapelten sich etliche Exemplare auf dem Regal für Bestseller, Platz neun in der Kategorie Sachbücher: Enrico Deaglios «La bomba. Cinquant’anni di Piazza Fontana». Der Erfolg des Buches, das ein fünf Jahrzehnte zurückliegendes Ereignis zum Thema hat, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. Denn abgeschlossen – eine andere Bedeutung des Adjektivs «finita» – ist die Geschichte der am 12. Dezember 1969 gezündeten Bombe auch heute noch nicht. Rechtskräftig verurteilt wurde niemand. Und so bleibt das ungesühnte Verbrechen Teil einer bis heute fortwirkenden unbewältigten Vergangenheit.

An jenem immer noch nahen Freitagnachmittag sterben bei einem Bombenattentat in der Mailänder Landwirtschaftsbank an der Piazza Fontana 17 Menschen, 88 werden verletzt. Fast zeitgleich detonieren in Rom drei weitere Sprengkörper, zwei am Altar des Vaterlands an der Piazza Venezia, eine in einem unterirdischen Gang der Banca Nazionale del Lavoro: Insgesamt 18 Menschen – Bankangestellte, PassantInnen, ein Polizist – erleiden Verletzungen. Eine fünfte Bombe wird in einer Bank an der Piazza della Scala in Mailand gefunden und von einem Sprengmeister der Polizei gezündet; dadurch werden Spuren vernichtet, die zu den UrheberInnen der Anschläge hätten führen können.

Aus dem Fenster «gefallen»

Bereits Stunden nach dem Blutbad lenkt der Mailänder Präfekt in einem Schreiben an den christdemokratischen Premier Mariano Rumor den Verdacht auf «anarchoide Gruppen». Wegen der Auswahl der Ziele – Banken, ein nationalistisches Denkmal – steht auch für die meisten Medien schnell fest: Nur Linksradikale können die Taten begangen haben. Dutzende der Polizei bekannte AnarchistInnen werden festgenommen, darunter auch der 41-jährige Eisenbahner Giuseppe («Pino») Pinelli. Politisch aktiv ist er seit 1944, als er für die antifaschistische Resistenza Kurierdienste leistete. Nach seiner Festnahme am frühen Abend des 12. Dezember folgt er der Polizei auf dem Moped ins Präsidium; mit Kommissar Luigi Calabresi, der ihn verhört, ist er seit Jahren persönlich bekannt.

Pinelli wird ohne Haftbefehl festgehalten; drei Tage später, in der Nacht auf den 16. Dezember 1969, stürzt er kurz nach Mitternacht aus dem vierten Stock des Polizeipräsidiums und stirbt. Es handle sich um Selbstmord, versichert die Polizei. Pinelli habe geglaubt, AnarchistInnen seien für das Massaker verantwortlich; mit dem Ruf «Das ist das Ende der Anarchie» habe er sich aus dem Fenster gestürzt. Später ersetzt die Polizei diese Darstellung durch eine neue Version: Danach sei Pinelli aufgrund eines plötzlichen Schwindelanfalls aus dem offenen Fenster gestürzt – ein Unfall.

Die radikale Linke beschuldigt nicht nur die Polizei des Mordes an ihrem Genossen, sie benennt auch die mutmasslichen Urheber und Profiteure der Anschläge. Denn das Motiv der mit den Bomben eingeleiteten «Strategie der Spannung» liegt auf der Hand: Nach dem «heissen Herbst» der revoltierenden ArbeiterInnen und Studierenden sollen diese demoralisiert und von den Strassen ferngehalten werden; begleitet von Rufen nach Sicherheit und Ordnung, soll die Aufrüstung des starken Staates durchgesetzt werden. So werden Italiens «bleierne Jahre» von Rechtsextremen eröffnet – mit Bomben gegen Unbeteiligte: Die meisten Opfer sind BäuerInnen, KundInnen der Landwirtschaftsbank.

Ein Plan zur Machtergreifung

Ihren Ausgangspunkt nahm die Bombenkampagne allerdings nicht erst am 12. Dezember 1969. Schon am 25. April desselben Jahres, dem Feiertag zur Befreiung vom Faschismus, gingen in Mailand zwei Bomben hoch: eine am Messepavillon von Fiat, eine an der Wechselstube der Banca Commerciale Italiana am Hauptbahnhof. Am 12. Mai folgten zwei Bomben in Rom und eine in Turin. Bei diesen Anschlägen gab es viele Verletzte, aber keine Toten. Am 9. August schliesslich explodierten acht von zehn Bomben, die in Zügen deponiert waren; dabei wurden zwölf Menschen verletzt. Für diese Anschläge wurden später die Rechtsextremen Franco Freda und Giovanni Ventura rechtskräftig zu je fünfzehn Jahren Haft verurteilt.

Beide waren auch unmittelbar in die Verbrechen des 12. Dezember 1969 verwickelt. Das geht nicht nur aus Selbstbezichtigungen einiger ihrer Komplizen hervor, sondern auch aus späteren staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen. Freda, beschrieben als «charismatischer Redner», ist in den sechziger Jahren Anführer der faschistischen Organisation Ordine Nuovo in der Region Veneto; er bewundert Mussolini und Hitler, leugnet den Holocaust, druckt antisemitische Hetzschriften und macht sich mit der Handhabung von Sprengstoff vertraut.

Gegen den Vormarsch der Linken setzen Freda und seine Kumpanen auf rechte Militärs, die – im Fall einer innenpolitischen Krise – den von der Regierung verhängten Ausnahmezustand nutzen sollen, um die Macht zu ergreifen. Dieser Plan scheitert zwar, er ist aber nicht von vornherein aussichtslos: Denn die bewaffneten Faschisten haben Verbündete im Staatsapparat – verantwortlich für subversive Kontakte mit den Rechtsterroristen ist das Büro für spezielle Angelegenheiten des Innenministeriums. Dessen Leiter, Umberto D’Amato, Mitglied der 1981 aufgeflogenen Geheimloge Propaganda Due, versorgt die rechtsextremen Attentäter etwa mit gefälschten linksradikalen Plakaten. Diese werden in der Umgebung faschistischer Anschlagsziele verklebt, um den Verdacht auf die Linke zu lenken. Das Verwischen der Spuren ermöglicht es den wahren Attentätern, ungeschoren davonzukommen. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass dies auf höhere Weisung zurückging. Damit hat sich der – zunächst nur von der radikalen Linken erhobene – Vorwurf, in Mailand habe es sich um ein «Staatsmassaker» («strage di Stato») gehandelt, im Lauf der Jahre bestätigt.

Das Innenministerium selbst wiederum konstruierte einen zentral gesteuerten «linken Terrorismus» mit dem reichen Verleger Giangiacomo Feltrinelli als strategischem Kopf und Financier an der Spitze. Die operative Leitung der Anschläge am 12. Dezember 1969 habe dabei dem Anarchisten Pietro Valpreda oblegen. Ihn will Kommissar Calabresi schnellstmöglich zur Strecke bringen.

Schon am 17. Dezember wird Valpreda von der Presse als «brutale Bestie» präsentiert. Bis Ende 1972 sitzt er in Haft – aber erst 1985 wird er freigesprochen. Calabresi dagegen wird im Mai 1972 vor seinem Haus in Mailand erschossen. In einem skandalösen Prozess wird der Vorsitzende der linksradikalen Organisation Lotta Continua als angeblicher «Anstifter» des Mordes zu 22 Jahren Gefängnis verurteilt, die er vollständig absitzt, die letzten 5 Jahre – wegen schwerer Krankheit – in Hausarrest.

Hoffen auf Salvini

Die meisten der vor fünfzig Jahren Beteiligten leben nicht mehr. Ausgerechnet einer der Haupttäter dagegen erfreut sich trotz seines hohen Alters bester Gesundheit: der 78-jährige Franco Freda. Zusammen mit Giovanni Ventura war er wegen des Mailänder Massenmords zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Da das Urteil – «aus Mangel an Beweisen» – in letzter Instanz aufgehoben wurde, kann er in derselben Sache nicht erneut angeklagt werden. Heute produziert Freda seine rechten Hetzschriften unbehelligt in Avellino – seine Heimatstadt Padova hat er verlassen, da er sie, wie auch Mailand, wegen der «Überfremdung» nicht mehr als Teil Italiens ansieht. Hoffnungen setzt er in Matteo Salvini, den er als den «letzten Verteidiger der weissen Rasse» bewundert.

Während sich der faschistische Täter – wie seinesgleichen überall auf der Welt, von Christchurch bis Halle – zum unschuldig Verfolgten stilisiert, kämpft die italienische Linke gegen das Vergessen. Am 7. Dezember veranstalten die Partisanenvereinigung Anpi und der Gewerkschaftsbund CGIL in Treviso ein Konzert zur Erinnerung an Pino Pinelli und die anderen siebzehn Opfer der Bombe. Für den 14. Dezember ist eine Menschenkette geplant – auf der Piazza Fontana, dem Ort des Verbrechens.

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