Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Günstige Umstände, ergriffene Chancen

Nirgends sind die Hürden für die Partizipation der Frauen so niedrig wie im Norden Europas. Auch dort zeigt die Geschichte: Entscheidend für die Gleichstellung ist der politische Wille.

Von Reinhard Wolff, Stockholm

«Ich verdanke dem finnischen Wohlfahrtsstaat meine Karriere»: Finnlands frisch gewählte Premier­ministerin Sanna Marin (Zweite von rechts) mit ihrer Regierung. Foto: Jussi Nukari, Reuters

Letzte Woche schaffte es Finnland wieder einmal in die internationalen Schlagzeilen. Überschriften zur neuen «Frauenregierung» und Gruppenbilder ohne Männer machten die Runde: «Der Feminismus wird erwachsen», titelte der «Guardian», und die «Süddeutsche Zeitung» schrieb: «Im Norden sind die Frauen an der Macht.»

Fotos sind Momentaufnahmen. Noch vor einem halben Jahr wären auf dem gleichen Gruppenbild vier Männer und eine Frau zu sehen gewesen. Und die finnische Regierung ist so labil, dass sie in einem halben Jahr womöglich schon wieder ganz anders zusammengesetzt ist. Was aber tatsächlich seit Jahren Realität ist: In den nordischen Ländern gibt es einen hohen Anteil von Frauen in der Politik – höher als in vielen vergleichbaren Ländern. Mit jeweils rund 47 Prozent befindet sich die Frauenvertretung in den Parlamenten Finnlands und Schwedens europaweit an der Spitze. Derzeit werden Island, Norwegen und Dänemark von Frauen regiert, und Stefan Löfven, Schwedens Premierminister, erhebt den Anspruch, einer feministischen Regierung vorzustehen.

Ein Gehör für die Zivilgesellschaft

Wie funktioniert also das «nordische Gleichstellungsmodell», das diese hohe Repräsentation von Frauen in der Politik – und auch in der Wirtschaft – ermöglicht? Ein eigentliches Modell gebe es nicht, sagt Mari Teigen, Soziologieprofessorin am Institut für Sozialforschung in Oslo. Eine grundsätzliche Tendenz hingegen schon: Die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in Gesellschaft, Politik und Gesetzgebung sei in den nordischen Ländern früher als anderswo ein Ziel gewesen und habe auch höhere Priorität genossen. Aus den jeweiligen Kontexten heraus hätten sich bald politische Massnahmen entwickelt, mit unterschiedlichen Ausprägungen.

Historisch betrachtet hätten die nordischen Länder gemein, dass ihre politische Kultur auf einem starken Einheitsstaat basiere, der für Forderungen aus der Zivilgesellschaft oft empfänglich gewesen sei, so Teigen. Kräfte wie die BäuerInnen-, die ArbeiterInnen- oder die Frauenbewegung konnten daher wesentlichen Einfluss auf die Ausgestaltung der Sozialsysteme nehmen. Und für die Sozialdemokratie war das Bemühen um die Beseitigung sozialer Unterschiede und geschlechtsspezifischer Ungleichheit schon früh zentraler Bestandteil der Sozialpolitik.

Gerade das Beispiel Schweden zeigt, wie wichtig politische Massnahmen für die Gleichstellung sind. Ab 1940 konnten dort SozialdemokratInnen mit absoluter Mehrheit regieren. Die Kriegswirtschaft, auf die auch das neutrale Land umstellte, brachte der Regierung eine Machtkonzentration, mit der sie Einfluss auf Wirtschaft und Industrie nehmen konnte wie nie zuvor. Bei der Umsetzung ihres Nachkriegsprogramms stiess sie zunächst kaum auf Hindernisse. Grundlage für deren Finanzierung war die Einführung stark progressiver Einkommens- und Vermögenssteuern sowie einer Erbschaftssteuer. Schon 1946 wurde die Altersrente auf ein Existenzminimum angehoben und der Beschluss zu einer allgemeinen Krankenversicherung gefasst. Ab 1947 gab es Kindergeld ohne Bedürfnisprüfung, die neunjährige obligatorische Gemeinschaftsschule wurde 1950 beschlossen. Eine von Kriegszerstörungen verschonte, boomende Wirtschaft liess zudem den Arbeitskräftebedarf in die Höhe schnellen. Um Familie und Beruf für erwerbstätige Frauen vereinbar zu machen, bedurfte es ausreichender Kinderbetreuungsangebote – worauf mit der Schaffung öffentlicher Betreuungseinrichtungen und grosszügiger Elternzeitregelungen reagiert wurde.

Zwischen 1964 und 1975 führten sämtliche nordische Staaten einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betreuungsplatz bis zum schulpflichtigen Alter ein. Vier Jahre nach Schweden gewährte 1978 auch Finnland Vätern einen Anspruch auf Erziehungsurlaub, 1980 trat in Schweden ein Gesetz über Chancengleichheit im Erwerbsleben in Kraft. Vaterschaftsmonate, die nicht auf die Kindesmutter übertragen werden können, wurden Anfang der neunziger Jahre ausser in Schweden auch in Norwegen beschlossen.

Noch immer kein Selbstläufer

In der Sozialwissenschaft ist unumstritten: Öffentliche Kinderbetreuungsmassnahmen haben zur verbesserten Gleichstellung beigetragen. Zusammen mit den Reformen im Bildungswesen haben sie schon frühzeitig die Voraussetzung für wirtschaftliche Unabhängigkeit geschaffen. Das gilt auch für die Möglichkeit gleichberechtigter Teilnahme an der Politik. Oder, wie es Sanna Marin nach ihrer Wahl zur Ministerpräsidentin formulierte: «Ich verdanke dem finnischen Wohlfahrtsstaat meine Karriere.»

Die nordischen Länder sind also weit gekommen. Der Gender Gap, die geschlechtsspezifische Kluft in der Gesellschaft, ist gemäss dem in dieser Woche veröffentlichten «Gender Gap Report» des World Economic Forum in keiner Region so klein wie dort. Island führt mit 87 Prozent vor Norwegen mit 84 sowie Finnland und Schweden mit 83 und 82 Prozent. Gleichstellungsparadiese sind diese Länder aber nicht. In Schweden liegen die Frauenlöhne unter Berücksichtigung von Beruf, Ausbildung, Alter und Arbeitszeit nach wie vor bei 95 Prozent der Männerlöhne. Und es scheint, dass sich die Entwicklung verlangsamt hat: Schon 1996 waren es 92 Prozent gewesen, und zeitweise ging der Trend seither sogar in die andere Richtung. Gleichstellung ist also weiterhin kein Selbstläufer – in den nordischen Ländern genauso wenig wie irgendwo sonst.

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