Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

In den Ruinen der Spassgesellschaft

Einst Gekreisch und Frittendunst, heute Gestrüpp und Graffiti: Auf dem Gelände eines einstigen Badeparadieses in Berlin findet der Fotograf Harf Zimmermann die Überreste kommunaler Selbstüberschätzung.

Von Lennart Laberenz

Badeplausch war vorgestern: Restmüll im Berliner Freizeitbad Blub. Foto: Harf Zimmermann

Von sich aus bedeutet die Ruine nichts. Als Zeichen braucht sie LeserInnen, die ihren lautlosen, wunderlichen Code entschlüsseln wollen, erst dann wachsen ihnen ästhetische Überschüsse, vielleicht auch Begriffe von Schönheit zu: Ruinen sind Zeichen einer noch nicht ganz verwehten Vergangenheit, ein Riss im Verlauf der Dinge. Der Kultur- und Literaturwissenschaftler Hartmut Böhme hat das exakter formuliert: «Die prekäre Balance der noch sichtbaren Formbestimmtheit und der noch nicht endgültigen Formauflösung der Ruinen prädestiniert sie dazu, zur stummen Zeichensprache der Geschichte zu werden.»

Ruinen sind nutzlos, etwas fehlt ihnen oder ist ihnen genommen: eine Funktion. Ein ursprünglicher Zweck ist ausgezogen, transportiert als Fragment aber eine Erinnerung von Sinn und Weltsicht. Entscheidend ist jedoch, dass Ruinen auch in eine Zukunft greifen, dort liegen ihre Möglichkeiten: zur semantischen Umdeutung, zum Umgang mit ihnen, zur ästhetischen Neusortierung. Aus diesen Möglichkeiten schöpfen sie den ästhetischen Überschuss. Den rauchenden Überbleibseln des World Trade Center in New York, dem vielfach zerschossenen Kabul oder den Resten von Aleppo würde niemand Schönheit attestieren. Wenn Ruinen einer Zukunft, die schon in der Gegenwart beginnt, nicht entgegenblicken können, zerfallen sie endgültig, gehen irgendwann in Landschaft über. Die Balance ist gekippt.

Genau diesen Prozess beobachtet der Fotograf Harf Zimmermann mit seinem neuen Bildband «The Sad-Eyed Lady». Ein schon zeichenloses, gerade noch so aus den Wucherungen der Natur ragendes Hinweisschild weist ihm die Richtung zu den Überresten des «Berliner Luft- und Badeparadieses», kurz Blub: ein verblühtes Freizeitbad, gewesene Naherholung und Sorglosigkeit. Gekreisch gab es hier sicher einmal, Pommes-frites-Dunst, Bademeisterstrenge.

Plätschern hinter Zäunen

Der Bau des Blub kostete 44 Millionen Mark, Anfang 1985 wurde es in Westberlin mit Pomp eingeweiht, war dann stets von 10 bis 23 Uhr geöffnet. Eine Saison lang zierte sein Logo die Hemdbrust der Fussballer von Hertha BSC. Dabei war das Blub auch Zeichen kommunaler Selbstüberschätzung. Spassbäder sind teure Haushaltsposten, dafür wird hinter Zäunen mit allerlei Rutschen, Becken und Strömung eine gezähmt plätschernde Natur suggeriert. Weit weg von spartanischen Trainingseinrichtungen mit frugaler Ästhetik steht in ihnen die Überhöhung des Freizeitgedankens im Zentrum, gebaut von einer Gesellschaft der Vollfettstufe, die gelegentlich Ratschläge der Weight Watchers diskutierte. Im Wesentlichen aber: Event, Bespassung, Erlebnis als staatliche Vollversorgung.

Nach Sinkflug und Schliessung 2005 war es um das Blub geschehen, die Bauten zerfielen, Zimmermann konnte los. In Arbeiten zu Brandwänden hat er nach einer Poesie des Vergangenen, nach verwelkten Zeichen, ihren Resten und Botschaften gesucht. Das Blub öffnet sich ihm in seiner Sperrigkeit, mit zerfallenen Holzbrücken, zur Freudlosigkeit demontierten Spassgeräten, zerbrochenen Räumen. Zimmermann arbeitet mit einer analogen Grossbildkamera, selbst eine Art Anachronismus.

Im Dickicht der Zeichen

Erste Bilderreihen verschaffen Überblicke: Einerseits sind da ganze Sekundärwälder gewachsen, andererseits ringen SprayerInnen wohl täglich um letzte freie Flächen. Die Spannung zwischen Zerfall, ephemerer Zwischennutzung und Verwilderung zieht sich durch die Aufnahmen: ein bunt verziertes, fast weitgehend entglastes Gebäude unter Schnee, davor die grosse Aufforderung «SEPIA!», wohl ein Logo, irgendwie aber auch Rückblick und bunte Aufforderung zu Farbvereinheitlichung.

Überhaupt wirken die Winterbilder wuchtig: Der Schnee fasst einzelne Flächen, Hinterlassenschaften und Zeichen wie unregelmässige Passepartouts ein, ein Einkaufswagen steht da noch, als wäre er eben erst abgestellt worden und wartete auf Kundschaft. Dann kommen Serien, in denen grüne Blattwelten spriessen, unter Stegbrücken steht geordnet das Schilf, Pfade führen durchs Dickicht. Eine ordnende Hand könnte hier gute Ergebnisse erzielen.

Trümmer ohne Zukunft

Schliesslich aber übernehmen Wald, Farne, Dornenbüsche. Ein Pavillondach hebt sich nur noch mühsam übers unwegsame Gestrüpp, Wucherungen verleiben sich feste Formen ein, sprengen Beton. Müll kündet von Ausweglosigkeit. Und dann kippt das Gleichgewicht, die Zukunft schliesst sich weniger durch die Kraft einer zweiten Natur als durch Menschenhand: Brandstiftung macht der Ruine endgültig den Garaus, zuletzt findet die Kamera von Zimmermann nur noch Reste.

Hartmut Böhme hatte festgestellt, dass die Ästhetik der Ruine auf Untergang und Verschwinden bezogen sei, wobei sie in ihrer prekären Balance von Form und Materie gleichwohl die Zukunft offenhalte. Wenn das Gleichgewicht dahin ist, verschwinden die Ressourcen, aus denen sich Erinnerung speist. Die lakonischen Aufnahmen von Harf Zimmermann, die niemals der Gefahr der Überhöhung erliegen und weitab von Impressionismus und Instagramability funktionieren, finden ein Memento mori: verkohlte, eingestürzte, unrettbare und zukunftslose Trümmer.

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