Nr. 02/2020 vom 09.01.2020

Ein Kommunist bei der SVP

Bettina Dyttrich würdigt Bio-Pionierarbeit

Von Bettina Dyttrich

Grüne Welle bei den Zürcher Wahlen! Alle machen sich Sorgen um die Umwelt – die Grünen gewinnen achtzehn Sitze dazu. Nein, das war nicht letztes Jahr: Wir reden von 1987. Die Schweiz steht unter Schock: 1986 ist das sowjetische AKW Tschernobyl explodiert, in Schweizerhalle bei Basel hat ein schwerer Chemieunfall den Rhein vergiftet, und saurer Regen bedroht die Wälder.

Unter den neu gewählten Zürcher KantonsrätInnen ist Ernst Frischknecht. Nicht bei den Grünen, sondern – heute undenkbar – als grüner SVPler. Schon seit 1972 bewirtschaften Ernst und seine Frau Dorli ihren Hof im Zürcher Oberland biologisch. Ernsts Kollegen gifteln und spotten. Und jetzt wird er also auch noch Kantonsrat, gerade in der Zeit, als Christoph Blocher die SVP endgültig zu einer rassistischen Partei des Kapitals drillt. Doch Frischknecht vertritt weiterhin grüne Überzeugungen – bis die Konflikte eskalieren und er 1991 zur EVP wechselt. Davor habe ihn Blocher abgekanzelt «wie en Schnuderbueb», erinnert er sich heute.

1993 wird Frischknecht Präsident des Branchenverbands Bio Suisse. Und da geht es fast so turbulent zu wie bei der SVP. Denn jetzt kommt Bio aus der Nische: Gerade in diesem Jahr steigt Coop in den Biohandel ein und prägt fortan Bio Suisse mit. Frischknecht sieht die Risiken des Ungleichgewichts zwischen den vielen kleinen, selbstständigen Biohöfen und dem mächtigen Grossverteiler glasklar. Fast im Alleingang erkämpft er von Coop zwölf Rappen Bioprämie pro Liter Milch. Wenn es ums Ökonomische geht, wird der gesellschaftlich konservative, fromme Bauer schon fast zum Kommunisten: Sogar bei der SP eckt er an, als er in der Zürcher Geschäftsprüfungskommission die hohen Renditen der kantonalen Pensionskasse hinterfragt.

Die Zürcher Autorin Christine Loriol hat Ernst Frischknechts Geschichte aufgeschrieben. Da und dort wird sie zu ausführlich, etwa wenn sie Onlinekommentare zitiert. Dafür bleibt sie beim Wesentlichen manchmal zu knapp: Worum ging es genau bei der Kleinbauern- und bei der Stadt-Land-Initiative, die Frischknecht beide unterstützte? Und da ist auch noch die Frauenfrage: Ernst betont selbst, dass Dorli die treibende Kraft bei der Umstellung auf Bio war und er das alles ohne sie nicht geschafft hätte. Es wäre nur fair gewesen, eine Doppelbiografie zu schreiben.

Doch das Buch bleibt ein spannendes Stück Zeitgeschichte. Erschreckend aktuell ist es etwa beim Thema Pestizide: Schon vor mehr als fünfzig Jahren beobachtete Frischknecht als junger Bauer, wie die Spritzmittel gegen Krankheiten und Schädlinge immer schlechter wirkten. Fast so lange denkt er auch schon über direkte Zusammenarbeit zwischen Bauern und Konsumentinnen nach. Und über den Umgang mit dem Boden und seinen Lebewesen: «Man muss sich selber im Vergleich zum grossartigen Geschehen im Boden so unbedeutend klein vorkommen, wie wenn man in einer klaren Nacht den Sternenhimmel betrachtet.»

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. Christine Loriols Buch «Damit wir auch in Zukunft eine Zukunft haben. Ernst Frischknecht – der Bio-Pionier» ist im Zürcher Verlag elfundzehn erschienen.

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