Nr. 03/2020 vom 16.01.2020

Als sie mit Goa anfingen, ging es downhill

Alternde Linksalternative im Modus der Selbstzerstörung: Tom Combo rechnet in seinem neuen Roman mit den geordneten Winterthurer Verhältnissen ab.

Von Raul Zelik

Ist die beschriebene Szenerie als ironische Fiktion zu lesen, oder wird hier ein spezifisches Lokalkolorit karikiert? Das ist für Auswärtige nicht immer leicht zu beurteilen im neuen Roman des Winterthurers Tom Combo, zumal «Inneres Lind» in einem eher bizarr anmutenden Milieu angesiedelt ist: der politisierten Mountainbike-Subkultur.

Bruno, Gerda, Miriam und Patrick haben früher illegale Partys und Tanzdemos organisiert, sich dann aber zunehmend von der Szene entfernt: «Zu viele Leute, zu viel Pillenzeugs.» Irgendwann hatten sie nämlich begonnen, ihre Happenings im Wald mit Goapartys zu kombinieren – total unverständlich, wie Bruno fand: «Goa war hier zwar Feld-, Wald- und Wiesenmusik, aber passte nicht zu einem Bike-Event.»

Radfahren ist für die ProtagonistInnen nach wie vor zentrales Thema – Personen werden über ihre Räder eingeordnet, und am nächsten kommt der Erzähler seinen Figuren dann, wenn diese mit dem Mountainbike im Gelände unterwegs sind. Vor allem die Geräusche, die die Räder auf dem Waldboden erzeugen, haben es Combo, der auch Musiker ist, angetan. (Auf seinem eben erschienenen neuen Album «Thaw» präsentiert er eigenwilligen Cellopop, irgendwo zwischen Indie und Punk, und seine Lesungen sind immer auch Konzerte, die Songs spielt er zusammen mit Dominik Dusek.)

Misanthrop im Rollstuhl

Im Mittelpunkt von «Inneres Lind» steht allerdings nicht die linksalternative Mountainbikeszene, sondern die Konflikte der früheren FreundInnen untereinander. Patrick sitzt nach einem Unfall, über dessen Hintergründe man erst spät aufgeklärt wird, im Rollstuhl und gibt den zynischen Misanthropen. Gerda leidet unter einer – man kann es kaum anders ausdrücken – schweren psychischen Störung, die ihr eine normale Kommunikation praktisch verunmöglicht und sie regelmässig in selbstzerstörerische Handlungen treibt. Miriam, Mutter einer kleinen Tochter, hat ihren Freund noch während der Schwangerschaft durch einen Badeunfall verloren und arbeitet in einem kleinen Architektenbüro namens Also. Und Bruno, ihr Arbeitskollege bei Also und Gerdas Exfreund, ist die meiste Zeit damit beschäftigt, die Konflikte im alten Freundeskreis zu kitten.

Aus dieser Konstellation zieht Combos Roman seine Kraft: Hinter der Fassade der geordneten, ökonomisch wohlhabenden Verhältnisse tun sich immer grössere Risse und Verwerfungen auf. Etwas Schreckliches deutet sich an – über den Mountainbikefahrten schwebt immer die Möglichkeit eines schweren, vielleicht tödlichen Unfalls. In der linken Kollektivkneipe, dem «Eck», kommt es regelmässig zu Gewaltausbrüchen, die zeigen, bei wie vielen es unter der Oberfläche brodelt. Und dann sind da die Drogen und die dazugehörige Dealerszene, die im Verlauf des Romans eine immer wichtigere Rolle spielen.

Tom Combo treibt seine Hauptfiguren gezielt in die Konflikte hinein, Gewalt und Selbstzerstörung bahnen sich unaufhaltsam ihren Weg. Zu gross sind die Unfähigkeit, miteinander zu reden, und der Wunsch, die anderen für erlittene Verletzungen zu bestrafen. Man weiss beim Lesen, dass alles auf eine Katastrophe zuläuft; die Frage ist nur, was sie auslösen wird.

Die Balance der anderen

Nicht alles an Combos Roman überzeugt. Die Entwicklung Brunos, der seinen FreundInnen hilft, ein Mindestmass an innerer Balance zu wahren, sich dabei aber zunehmend selbst verliert und dann in die Krise schlittert, ist nicht auserzählt. Andere Stellen hätten vermutlich durch ein sorgfältigeres Lektorat noch gewonnen. Und doch hat der Roman etwas Faszinierendes, weil die Aggression, die die Figuren mal gegen sich selbst, mal gegen andere richten, so einfühlsam und doch knapp geschildert ist, wie man es selten zu lesen bekommt.

Schön ist das auch, weil aus jeder Zeile Combos Empathie für die Gestörten spricht. So geht der Gewaltausbruch am Ende denn auch auf das Konto von Personen, die man davor nicht unbedingt auf dem Schirm hatte. Möglicherweise ist «Inneres Lind» eine persönliche Abrechnung mit den scheinbar so geordneten Winterthurer Verhältnissen. Ganz sicher aber ist es ein Roman über eine Destruktivität, die man auf den ersten Blick für übertrieben hält, mit der Zeit dann aber doch sehr gut versteht.

«Inneres Lind», die lautere Lesung, mit Tom Combo, Anna Diener und Dominik Dusek: St. Gallen, Palace, Freitag, 17. Januar 2020, 20.30 Uhr.

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