Nr. 09/2020 vom 27.02.2020

Der Suchtkranke bleibt ohne Stimme

Der Mikrokosmos Familie bildet den Kern von Pascale Kramers Werk. Auch in ihrem neuen Roman, «Eine Familie», blickt die Wahlpariserin schonungslos hinter die Fassaden.

Von Hans Ulrich Probst

Mit einer schlackenlosen Sprache, die alle Figuren bis auf die Haut entblösst: Schriftstellerin Pascale Kramer. Foto: Corinne Stoll

Vordergründig scheint alles stimmig und erfreulich: Die gesamte Familie fiebert Lous Niederkunft entgegen. Ihre Eltern, Danielle und Olivier, kümmern sich beim Einsetzen der Wehen um deren dreijährige Tochter. Lous älterer Bruder, der selber zwei Kinder hat und in einer etwas lustlosen Ehe steckt, nimmt zwei Tage frei, um seine Schwester zu besuchen. Und auch die jüngste Schwester, die erst vor kurzem aus dem gediegenen Familiennest in Bordeaux ausgeflogen ist und in Barcelona studiert, reist mit dem Fernbus zur Familie, als sie vom Einsetzen der Wehen erfährt.

Im Hintergrund dieses scheinbar stinknormalen Lebens einer gut situierten Familie mit engen Banden lauert jedoch das verstörende Schicksal von Romain, dem 38-jährigen Sohn Danielles aus einer früheren Beziehung. Dieses einst sanfte Kind, verträumt-liebevoller Halbbruder der jüngeren drei Geschwister, hat schon in der Adoleszenz begonnen, sich regelmässig und mit gnadenloser Konsequenz ins Koma zu saufen. Mit seiner Suchterkrankung, die die Familie mit allen Mitteln erfolglos bekämpft, hält er im Alltag alle Familienmitglieder in Atem. Wahlweise belügt und bestiehlt er sie, nützt sie aus und hält kein Versprechen.

Nachdem er acht Jahre vollends abgetaucht war, findet ihn sein Halbbruder zufällig – als Wrack und mit Aids infiziert in der Gosse von Paris unter Obdachlosen. Die Familie ordnet ihm erneute Entzugs- und Integrationsversuche an, doch genau in den Tagen von Lous Niederkunft wird sein jüngster dramatischer Absturz aufgedeckt.

Wie eine antike Tragödie

In ihrem grandiosen neuen Roman «Eine Familie», der als eine Art Kammerspiel konzipiert ist, seziert Pascale Kramer unerbittlich diese bürgerliche Familie, deren geordnete Welt wegen der Alkoholerkrankung des Sohnes heillos aus den Fugen gerät. Das Buch fügt sich ein ins Werk der Autorin, die sich immer wieder in Familienkonstellationen festkrallt und die Tiefen und Untiefen der menschlichen Existenz meisterhaft auszuloten versteht. Intensiv und beharrlich, doch zugleich mit Empathie für ihre Figuren, die sie nie denunziert. Auch in ihrem neuen Buch sind die Sprache sowie auch die Komposition schlicht grossartig: Kramer lässt in fünf Kapiteln je beide Elternteile und alle Kinder – ausser Romain – ihre Erfahrungen mit Romain erzählen und ihre Deutungsversuche über seine Krankheit machen. Der Suchtkranke wird nur aus der Aussensicht seiner Nächsten geschildert, er selber bleibt ohne Stimme – rätselhaft und unerklärlich. Einer, der «weder leben noch sterben» kann. Dabei zeigt sich, dass jedes Familienmitglied seine eigenen Geheimnisse mit und Rettungsideen für Romain hat.

Das Buch, fast wie eine antike Tragödie auf rund 48 Stunden gebündelt, fügt mit jedem Kapitel neue Mosaiksteine aus der Vorgeschichte und den aktuellsten emotionalen Verwerfungen in den Beziehungen untereinander und in Bezug auf Romain hinzu. Selber unfähig zu handeln, zieht er alle in seinen Bann und bestimmt über deren Leben.

Das liest sich so spannend wie beklemmend. Pascale Kramer schreibt eine raffiniert einfache, glasklare Prosa; sie verfügt über ein phänomenales Sensorium, Stimmungen, unausgesprochene Gefühle, Verletzungen und Vorbehalte im System Familie zu benennen, pfeilgerade und unsentimental. Ohne zu urteilen, zeigt sie alle Figuren gefangen in ihren Verpflichtungen und Wünschen, eingezwängt zwischen Liebe und Leidenschaft, zwischen gesellschaftlicher Konvention und dem Leiden daran, zwischen Abgründen und Selbstzweifeln. Alle scheinen geleitet vom erodierenden Wertekanon katholischer Bürgerlichkeit, der einen mal anrührt, dann wieder schaudern lässt.

Vor dem Scherbenhaufen

Denn hinter den Fassaden brodelt es, sei es in den Ehen der jungen Väter und Mütter oder zwischen Danielle und Olivier: Diese «hatten es vermieden, allzu viel über die Jahre der Leere, mit denen Romain sie konfrontiert hatte, zu sprechen. Jeder hatte vor allem versucht, den anderen vor seinem eigenen Grauen zu schützen». Jetzt ist solcher Schutz obsolet, der Scherbenhaufen nicht mehr zu übersehen. Dass Edouard für seinen Halbbruder Romain eine Invalidenrente beantragt, erleben die Eltern als persönliches Scheitern, denn «beide kamen aus derselben alten Welt, den Werten von Verdienst und Anstrengung verpflichtet». Romains Krankheit zu akzeptieren, fällt ihnen schwer: «Würden wir ihm vorwerfen, nicht zu sehen, wenn er blind wäre?», fragt Olivier. «Danielle lachte bitter auf. Ja, wenn er sich selber die Augen ausgestochen hätte, dann schon!»

Staunenswert ist die psychologische Genauigkeit in Kramers schlackenloser Sprache, die alle Figuren bis auf die Haut entblösst und doch ihre hilflose Empathie respektiert. Wir lernen als Lesende dieses halbe Dutzend Menschen bis in ihre verschwiegensten Regungen kennen und können kaum glauben, dass der Roman keine 200 Seiten umfasst. Schade, dass die Bücher von Pascale Kramer, die 2017 mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet wurde, im deutschsprachigen Raum – anders als im frankofonen – noch immer eher als Geheimtipp gelten denn als anerkannte Spitze der Gegenwartsliteratur.

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