Nr. 03/2020 vom 16.01.2020

«Wir haben hier andere Tote als Generäle»

Die Staatstrauer um Kassem Soleimani konnte nur kurz darüber hinwegtäuschen, dass die iranische Regierung unter gewaltigem innenpolitischem Druck steht. Begegnungen in einem gespaltenen Land in turbulenten Zeiten.

Von Rania Schwarz*, Teheran und Marivan

Noch hat es nicht geknallt: StudentInnen der Universität Teheran trauern am 11. Januar um die Opfer des Flugzeugabschusses. Foto: Morteza Nikoubazl, Getty

Als riesige Projektion prangt er von Teheraner Häuserwänden, er blickt von Autobahnbrücken und Hochhäusern herunter, blinzelt einem väterlich aus den Fenstern der Schuhgeschäfte und von Bildschirmen der Geldautomaten entgegen. Sogar in den Bergstrassen des Elburs-Gebirges grüsst Kassem Soleimanis überlebensgrosses Profil die vorbeifahrenden Lkw-Fahrer.

Nach der Ermordung Soleimanis durch das US-Militär am 3. Januar hängen im Iran die Fahnen tief. Über Nacht wird das Konterfei des Generalmajors der Al-Kuds-Brigaden zum vermeintlichen Heilsbringer der Machthaber. Mit allen Mitteln versuchen sie, die Proteste, die sich im November an den steigenden Benzinpreisen entzündet hatten, in weite Ferne rücken zu lassen.

Seit der Grünen Revolution 2009 gingen im Iran nicht mehr so viele Menschen zum Protestieren auf die Strasse wie im vergangenen November. Während Tagen sperrte der Nationale Sicherheitsrat das Internet, um zu vermeiden, dass sich Informationen, Bilder und Videos der Menschenmassen verbreiten. Hunderte Menschen verschwanden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtet von mindestens 106 Toten in 21 Städten. Etwa 1000 Menschen seien festgenommen worden. Bis heute lassen sich die genauen Zahlen nicht eruieren, andere Menschenrechtsorganisationen sprechen gar von bis zu 1000 Getöteten.

Der Tod Soleimanis lässt das Staatsfernsehen wieder andere Bilder in die Welt senden: «Tod den Amerikanern!», skandieren in den Tagen der Staatstrauer Tausende auf den Strassen des Iran. Schluchzend laufen Frauen bei Soleimanis Trauerzug in Richtung der Kameras. Der Schattenkrieg mit den USA rückt die Novemberproteste für kurze Zeit in den Hintergrund. Und er führt zu einer tiefen Spaltung im Land: zwischen jenen, die in ihren Instagram-Storys «R. I. P. General» schreiben, und jenen, die «More of those killings!» fordern.

Schmuggleralltag in Marivan

Während in Teheran die Läden geschlossen bleiben, herrscht in den Strassen von Marivan, zehn Autostunden westlich der Hauptstadt, geschäftiges Treiben. «Hier wird nicht getrauert», sagt ein Orangenverkäufer. Mit etwas über 100 000 EinwohnerInnen ist Marivan die grösste und wichtigste Stadt der westiranischen Provinz Kurdestan, wo es in der Vergangenheit immer wieder zu Aufständen kam. Es ist die Provinz, die am stärksten vom Abbau staatlicher Subventionen in der Gesundheitsversorgung, der Bildung und der Privatwirtschaft betroffen ist.

Neben dem Basar gehen PassantInnen in bunten Röcken und breiten Hosen zügig an einem abgebrannten Bankgebäude vorbei. «Nutzen Sie die nächste Filiale, diese ist vorübergehend geschlossen», steht auf einem Banner neben der verkohlten Tür – ein Mahnmal der Proteste vom November, die hier in den Köpfen noch lange keinen Abschluss gefunden haben. Erst vor zwei Wochen wurde der 25-jährige Aktivist Erschad Rahmanian in einem vereisten Stausee ausserhalb der Stadt gefunden. Er war einer von Dutzenden, die während der Proteste verschwunden waren. «Noch bevor du deine Arme mit einem Banner in die Luft strecken kannst», sagt ein Lehrer, «hast du eine Faust im Gesicht.» Trotzdem ging er im November auf die Strasse. Zweimal wurde er verhaftet, von seinem Job ist er suspendiert. «Zu verlieren habe ich nichts mehr», sagt er.

Hinter dampfenden roten Rüben und Bohnen rückt eine Studentin im Schnellrestaurant neben der grossen Moschee ihren Stuhl zurecht. Für junge Menschen gibt es in der Stadt kaum Treffpunkte. Bars oder Cafés sucht man vergeblich. Einen Job finden die wenigsten. «Alles ist hier politisch, selbst das Leben meiner Katze», sagt sie. Viele Gesundheitsdienstleistungen gebe es nur in der weit entfernten Hauptstadt. Und ihre Schwester könne sich die lange geplante Weisheitszahn-OP nicht mehr leisten. Die wirtschaftliche Misere betrifft das ganze Land: Das monatliche Durchschnittseinkommen liegt bei zwei Millionen Toman, also rund 180 Franken. Sich einen Zahn ziehen zu lassen, kostet etwa 500 000 Toman.

Der Pass hinauf zum Kuh-e-Tacht-Gebirge, ein paar Kilometer von Marivan entfernt, ist an diesem Dienstagmorgen geöffnet. Hunderte Autos und Transporter stehen hintereinandergereiht auf der Bergstrasse. Neben einem Lastwagen wischt sich der 32-jährige Kenan Amir** mit einem Stirnband den Schweiss vom Nacken. Seine Augen sind rot. Seit drei Uhr morgens ist er unterwegs, elf Stunden hat er gebraucht, um zu Fuss einen Samsung-Fernseher aus dem Irak über die verschneite Berggrenze zu schleppen. Er ist einer von Hunderten «kolbars», die seit Jahren begehrte Konsumprodukte ins Land bringen: Fernseher, Sexspielzeug, Waschmaschinen, Computer, Zigaretten, Satellitenschüsseln, Alkohol. Hinter Amir mühen sich Männer mit mannsgrossen Paketen auf dem Rücken über den Felsvorsprung zu den parkenden Autos.

Plakatfetzen in Teheran

Was er von der Ermordung Soleimanis hält? Amir lacht. «Wir haben hier andere Tote als Generäle.» Vor drei Wochen starben zwei minderjährige Brüder in einem Schneesturm beim Versuch, sich vor den Revolutionsgarden zu verstecken. Immer wieder mal schiessen Polizisten auf die Schmuggler. Diese aber sehen keine Alternative für ein Auskommen in der tiefen Wirtschaftskrise, in der sich der Iran seit Jahren befindet. «Sanktionen, Korruption und Misswirtschaft», sagt Amir, «zwingen uns zum Schmuggel.» Er hat sich als Lehrer, als Apotheker und in einer Rohölfabrik beworben – wo er genommen worden wäre, hätte er ohne Bezahlung anfangen müssen. Keine Option für ihn: Seine ganze Familie ist von seinem Einkommen abhängig. «Der Krieg hat für uns schon vor Jahren angefangen. Dafür brauchen wir keine Bomben aus dem Himmel. Wir spüren ihn jeden Tag auf unserem Rücken», sagt er.

Nachdem am Morgen des 8. Januar eine ukrainische Boeing mit 176 PassagierInnen bei Teheran abgestürzt ist, sitzt Amir in einem abgeschiedenen Bergdorf bei einem Freund vor dem Fernseher. Ungläubig schüttelt er den Kopf. «Wahrscheinlich hat unsere eigene Regierung die Menschen abgeschossen», sagt er. Wenige Tage später wird seine Vorahnung bestätigt. Nach anfänglichen Vertuschungsversuchen räumen die Revolutionsgarden am Samstag ein, das Passagierflugzeug aus Versehen zum Absturz gebracht zu haben.

Am Samstagabend liefern sich in einem Frauenabteil der Teheraner U-Bahn zwei Frauen einen lauten Streit. «Ach, sei doch still. Wie kannst du diese Lügner noch verteidigen?», sagt eine und schreit dann in den Waggon: «Glaubt ihr immer noch, was sie uns ins Ohr flüstern? Vier Tage haben sie nichts gesagt! Vier Tage!»

Vor dem Ausgang der Universität flackert in Hunderten Augen das Licht vieler Kerzen. Die Menschen haben sich versammelt, um der Opfer des Flugzeugabschusses zu gedenken. Davon unbeeindruckt schleift ein Junge einen Plastiksack über die überfüllte Strassenkreuzung. «Die Staatsaufseher weisen mich zurecht, wenn mein Kopftuch nicht richtig sitzt», sagt eine 31-jährige Doktorandin zur Freundin neben ihr. «Aber an einem Neunjährigen, der nicht zur Schule geht, weil er seine Familie mit Plastiksammeln durchbringen muss, gehen sie vorbei.»

Die Menschen wissen, was sie riskieren. Dennoch ragen aus dem Meer aus Kerzen immer mehr Fäuste in die Luft. «Nieder mit der Islamischen Republik!», rufen immer mehr. Die Doktorandin zurrt ihren Rucksack fester auf den Rücken, ihre Freundin schiebt sich ihren Schal vor den Mund. Heute wird das Internet nicht gesperrt, anders als während der Demonstrationen im November. Später bestätigt die iranische Nachrichtenagentur IRNA Meldungen aus dem Ausland, nach denen sich an diesem Samstag in Teheran 3000 Menschen versammelt und gegen das Regime skandiert haben.

Plötzlich knallt es. Kerzen rollen über den Boden. Innerhalb von Sekunden brechen die Versammelten in alle Richtungen aus. Die zwei Freundinnen nehmen sich an der Hand, reissen sich gegenseitig die Strasse hinauf. «Ihr ruft nach Vergeltung und tötet eure eigenen Kinder!», schreit ein Mann. Kommen die Schüsse von oben? Oder von rechts? Ist es Tränengas? Oder scharfe Munition? In der Ungewissheit verliert sich die Masse in Nebenstrassen, Cafés, Hauseingängen.

Später ist in der Stadt zu sehen, wie sich immer mehr Sicherheitskräfte mit Motorrädern auf den Kreuzungen sammeln. Und in den Einkaufsstrassen gehen die PassantInnen über kleine Fetzen abgerissener Soleimani-Plakate.

* Aus Sicherheitsgründen schreibt die Autorin unter einem Pseudonym.

** Sämtliche zitierten Personen wurden zu ihrem eigenen Schutz unkenntlich gemacht.

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