Nr. 04/2020 vom 23.01.2020

Den Buchstaben nach durchs Leben

Von Ulrike Baureithel

Kann man ein Leben einfangen zwischen A und Z? Ilma Rakusa, die 1948 in der Slowakei geborene, in Triest und in der Schweiz aufgewachsene und in Zürich lebende Kleist-Preisträgerin, unternimmt in «Mein Alphabet» ein solches Experiment. Eine lebenspralle Bestandsaufnahme ist das, aufgespannt zwischen kindlichem Staunen und abgeklärtem Bedauern, denn «Krankheiten und Todesfälle häufen sich».

Anders als wir es in der Schule gelernt haben, ist dieses Alphabet nicht der Reihe nach zu durchforsten, sondern tänzelnd, springend und ab und an verharrend wie die Autorin selbst. Also weichen wir zunächst der anfänglichen Angst aus (vor dem Alter, aber auch vor der Einsamkeit, die, wenn gut gelitten, Kreativität freisetzt, manchmal aber auch nur Trauer). Lieber begleiten wir Rakusa auf die Kindercouch, zum Mädchen in Triest: «Mein Triest hatte die Farben des Meers, roch nach Tang und Immergrün, klang slowenisch, italienisch und ungarisch.» So treibt sie farbige Pflöcke in die Erinnerungslandschaften, oft lyrisch flankiert. Man erfährt aber auch von einer Autorin, die im Bett Geborgenheit findet, morgens Joghurt isst und Kartoffeln, «Krümpli» genannt.

Viel Alltägliches ist dabei und auch Banales, viel ist auch von Rakusas Begeisterung für Japan die Rede und von ihrer «Ostbesessenheit»: «Mein Kompass zeigt nach Osten», bekennt sie. Über sich selbst offenbart die Autorin viel, und sie nimmt uns mit auf weitläufige Reisen – geografische, aber auch solche, die sich vor allem im Kopf abspielen.

Lose verknüpft Rakusa unmerklich einen Begriff mit dem anderen, assoziativ und oft über viele Seiten hinweg gespannt. Die in Form fiktiver Interviews angebotene Selbstbefragung öffnet dabei mehr als nur einen biografischen Raum. Unter Stichworten wie «Interpunktion», «Kritik», «Märchen» oder «Schreiben» entwirft diese ungemein belesene Schriftstellerin und Übersetzerin ihr poetologisches Programm, das an ihre literarischen Gewährsleute erinnert und sie selbst als Virtuosin der kleinen Form ausweist.

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