Nr. 04/2020 vom 23.01.2020

Auf dem Trip mit dem grossen Meliorator

Diese gewaltige Sehnsucht nach Verschmelzung: Andrej Platonow war der Naturmystiker der Sowjetliteratur – und ein ökologischer Visionär, wie seine frühen Essays zeigen.

Von Raul Zelik

Andrej Platonow

Der Schriftsteller Andrej Platonow, 1899 geboren und 1951 in Moskau gestorben, gehört zu jenen grossen sowjetischen Autoren, deren Bücher in der Sowjetunion erst Jahrzehnte nach ihrer Fertigstellung erscheinen konnten. Sein Roman «Tschewengur» gilt neben Anatoli Rybakows «Die Kinder vom Arbat», Boris Pasternaks «Doktor Schiwago» oder Michail Bulgakows «Der Meister und Margarita» als einer der wichtigsten Prosatexte über die Russische Revolution. Obwohl Platonow überzeugter Kommunist war, blieb der in den zwanziger Jahren geschriebene Roman bis 1988 unveröffentlicht.

Das lag einerseits an der politischen Zensur, zum anderen aber auch an Platonows eigenwilligem Stil, denn die Romane des Eisenbahnersohns lesen sich bisweilen wie ein LSD-Trip. Über Kapitel hinweg geht es eigentlich nur um Elend und Hunger, die ProtagonistInnen leben in einer bizarren Welt aus Mystik und politischen Überzeugungen, und über all dem liegt eine gewaltige Sehnsucht nach Verschmelzung – mit Mitmenschen, aber auch mit der Natur. Immer wieder schmiegen sich die Figuren Platonows unvermittelt aneinander, immer wieder legen sich herumirrende Menschen an Bäche oder Dünen, um dem Geräusch von Blättern und Wasser, Sand oder Wind zu lauschen.

Dieser eigenwillige Tonfall prägt auch die Prosatexte, die in dem neuen, vom Berliner Slawisten Michael Leetz zusammengestellten Band «Dshan oder Die erste sozialistische Tragödie» versammelt sind. Etwa die Hälfte des 380 Seiten starken Buchs besteht aus dem Roman «Dshan», 1935 vollendet und Mitte der sechziger Jahre erstmals in einer zensierten Fassung erschienen. Ganz ähnlich wie in «Tschewengur» will Platonow auch in «Dshan» vom sozialistischen Aufbruch erzählen, schildert dann jedoch in erster Linie grosse Ratlosigkeit.

In bizarrer Mission

Nasar Tschagatajew, der als Kind von einer völlig verarmten Mutter weggegeben und von der Sowjetmacht grossgezogen worden war, kehrt nach dem Studium in Moskau zu seinem Volk nach Turkmenistan zurück. Die Dshan, was in den Turksprachen «Seele» oder «Leben» bedeutet, sind eine kleine nomadische Gruppe unterschiedlicher Nationen, die nur durch ihr Elend als Gruppe zusammengeführt wurden. Sie sind die Überflüssigen, die keiner braucht; die Khans, die alten Feudalherren, haben vor der Revolution immer wieder einige von ihnen entführt, um öffentliche Hinrichtungen mit ihnen zu inszenieren. Der einzige Sinn ihrer Existenz bestand sozusagen darin, anderen Unterdrückten zu zeigen, dass es noch viel schlimmer kommen kann.

Von der Partei erhält Tschagatajew nun den Auftrag, diesen Stamm der Elenden, die jede Hoffnung verloren haben, in eine bessere Zukunft zu führen. Doch schon der Auftakt seiner Mission ist bizarr: Als der Zug, mit dem er in die Wüste reist, nachts in der Steppe zum Stehen kommt, steigt Tschagatajew auf offener Strecke aus. Und da ist sie gleich wieder, die platonowsche Sehnsucht nach Verschmelzung: «Plötzlich schrie in der Finsternis der Steppe ein Vögelchen, irgendwas hatte es erschreckt. Tschagatajew erinnerte sich an diese Stimme, nach all den Jahren, als rufe klagend seine Kindheit aus der lautlosen Dunkelheit. Er lauschte; noch ein Vogel begann schnell etwas zu erzählen und verstummte wieder (…), vielleicht war es eine Wüstengrasmücke, vielleicht ein Turmfalke.» Als Tschagatajew aussteigt, sieht er in der Nähe einen Strauch, er nimmt einen Zweig in die Hand und spricht zu ihm: «‹Sei gegrüsst, Kujan-Sujuk!› Der Kujan-Sujuk regte sich ein wenig von der Berührung des Menschen und war dann wieder wie vorher: gleichgültig und versunken im Schlaf.»

Der fliessende Übergang zwischen Mensch und Natur, die Menschwerdung von Sträuchern und umgekehrt die Naturwerdung der Protagonisten, ist ein typisches Motiv bei Platonow. Sie wird nicht weiter erläutert, treibt aber die Handlung voran. Tschagatajew stolpert immer tiefer hinein in die Steppe, trifft auf ein kurz vor dem Hungertod stehendes Kamel und legt sich zu ihm, als wäre es ein enger Verwandter. Nach ein paar Tagen trifft Tschagatajew dann tatsächlich auf die Dshan, jenen elenden Haufen, der zwischen Wüste und Sumpf herumstreift und sich von Grashalmen und Zweigen ernährt.

Odyssee im Wüstenraum

Platonows Geschichte bleibt düster und entwickelt sich wenig zielstrebig. Unter Tschagatajews Führung beginnt die Gruppe – allerdings auch dies eher zufällig –, einer wilden Schafherde hinterherzuziehen, und schafft es am Ende, die Wüste zu verlassen. Doch das ist auch alles, was an Utopie geboten wird. Die Zukunft sind ein paar Tiere und ein Weidegrund: «Die helle, klare Sonne, noch nicht sengend heiss in dieser Höhe, beschien das sanfte, leere Land des Ust-Urt; die vier kleinen Häuser waren geweisst, aus dem vertrauten Schornstein der Küche stieg in die windstille Luft satter, nach Essen riechender Rauch auf (…), ausserhalb der Siedlung lagen zwei alte Kamele, die allen möglichen Abfall um sich herum kauten, um nicht in Trübsinn zu verfallen und sich keine vergeblichen Gedanken zu machen.»

«Dshan» ist grosse Literatur: Platonows eigenwillige materialistisch-mystische Perspektive, sein Erzählstil, der sich fliessend zwischen Natur, Nebenfiguren und Protagonisten bewegt, und die Kulisse der Wüsten- und Steppenlandschaft geben dem Text enorme Kraft. Michael Leetz hat zu dem von ihm trefflich übersetzten Roman auch eine Reihe von Briefen, Essays und kürzeren Prosatexten zusammengetragen und kommentiert, die einen umfassenden Einblick in Platonows Werk ermöglichen. Ein besonderes Anliegen ist es Leetz, Platonow als politischen Denker erkennbar zu machen, der schon früh, nämlich Anfang der zwanziger Jahre, eine drohende ökologische Katastrophe erkannte.

Tatsächlich arbeitete Platonow in den zwanziger Jahren als «Meliorator», also als Bewässerungsingenieur, und entwickelte dort ein grosses Verständnis für nachhaltige Anbaumethoden. Der Essay «Die erste sozialistische Tragödie» von 1934 verweist geradezu prophetisch auf die wachsende Kluft zwischen dem technischen Vermögen der Menschen und ihrem fehlenden Verständnis für die Kreisläufe der Natur: «Der Mensch ändert sich langsamer, als er die Welt verändert», schreibt Platonow, darin bestehe die Tragödie. Die Ingenieure der menschlichen Seelen müssten deshalb «vor der Gefahr warnen, dass die Technik die menschliche Seele überholt. Schon jetzt ist der Mensch nicht mehr auf der Höhe der Geschichte.»

Ab 1920 hatte Platonow als junger Ingenieur die Entwicklung der Solarenergie propagiert, denn seiner Meinung nach erlaube nur die Sonne eine Energiegewinnung ohne Raubbau an der Natur. Die Aufsätze des damals 21-Jährigen skizzieren zwar nur einige enthusiastisch vorgetragene Gedankensplitter und vermischen die wissenschaftlichen Erkenntnisse der damaligen Zeit mit verklärten Ideen über den Ursprung des Lebens. Dennoch war der Schriftsteller mit seinen Thesen zur Energiewende seiner Zeit weit voraus – ein früher Vordenker des Ökosozialismus.

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