Nr. 05/2020 vom 30.01.2020

Festliches Dösen

Annette Hug wünscht sich einen koreanischen Winterschlaf

Von Annette Hug

Der Hochnebel lastet, die eisige Luft hemmt jede Bewegung. Es ist Zeit, einen Vorschlag zu bedenken, den Michelle Steinbeck im vergangenen November an dieser Stelle gemacht hat: «Rückzug in die Höhle. Allgemein verordneter Winterschlaf.»

Das las ich in Seoul, wo es zwar noch kälter, aber sonnig war. Dort fand ich wunderbare Höhlen. Auf ihren Websites stand «Sauna» oder «SPA», beides übersetzt «Jjimjjilbang» nur schlecht. Man müsste ein deutsches Wort «Dschimdschilbang» einführen, um jene Höhlen zu beschreiben, in denen man auch übernachten kann. Vielleicht einen Winter lang.

Zuerst gehts nackt in den Dampf der getrennten Waschhallen. Frauen mit Mädchen, Männer mit Jungen. Das Einseifen der Grossmütter ist eine Kunst, die kleine Koreanerinnen früh zu lernen scheinen. Etwas neidisch blinzle ich aus einem heissen Pot, tauche dann in eiskaltes Wasser. Es folgt der Übertritt in den eigentlichen Jjimjjilbang: einen grossen Raum mit Bodenheizung und Matten.

Herrscht draussen ein harter Wettkampf der Outfits und der chirurgischen Optimierung, so tragen hier alle dieselben sackähnlichen, genormten Pyjamas. Männer und Frauen sind nur am Farbton zu unterscheiden. Sie räkeln sich auf den Matten unter dem grossen Fernseher. Bar und Kiosk sind immer offen, ein Gelehrter mit langem weissem Haar gibt Auskunft über die Sternenkonstellation.

Wem die Bodenheizung nicht warm genug ist, zieht sich in eine Lehmhütte zurück, döst bei sechzig oder siebzig Grad. Da komme die Tradition her, sagte mir eine Mitschwitzende: schamanistisches Frühlingsritual, in den Winter vorverschoben.

Ganz anders ging eine Legende, die ich falsch verstanden hatte: Alles habe mit dem Mangel an warmen Räumen begonnen. Ganze Familien seien nachts ins Jjimjjilbang gezogen. Das Viertel sammelte sich eng gedrängt auf einem Boden, stellte ich mir vor, hier musste sich niemand für die ärmliche Wohnung schämen, das gemeinsame Aufwärmen wurde zum Fest. Ganz falsch, wurde ich später belehrt. Die Jjimjjilbangs seien erst in den neunziger Jahren aufgekommen, als die meisten Leute in Hochhäuser umzogen, wo modernere Anlagen die alten Bodenheizungen ersetzten. Früher, in den alten Häusern, selbst in den Elendsvierteln der Kriegsflüchtlinge, baute man unter dem Wohn- und den Schlafzimmern eine Feuerkammer ein, da wurde die brennende Kohle des Küchenfeuers von einer gebückten Mutter, Tochter oder Grossmutter hineingeschoben. Die schlief dann in der kühlen Ecke, während der Vater immer dort lag, wo der Boden am wärmsten war.

Im Jjimjjilbang ist dieses Privileg der ganzen Familie zugänglich. Und moderne Anbieter denken sich immer neue Entspannungsattraktionen aus. An einem Freitagabend führte mich eine Freundin in ein Einkaufszentrum. Im dortigen Jjimjjilbang rannten Kinder zwischen den Matten herum, Mütter und Grossmütter hielten sie müde im Zaun, während sich die meisten Männer in einen Nebenraum begaben. Er war wie ein Flugzeug eingerichtet. Für einmal konnten sich alle in der Businessclass wähnen. Die Sessel waren ausladend und bequem. Auf dem Ausklapptischchen stand das Bier sicher, ein Unterhaltungsprogramm auf dem kleinen Bildschirm bot Filme und Spiele für Erwachsene. Ferienreisen mit dem Flugzeug werden überflüssig, wenn wir alle den Winter verdösen.

Annette Hug ist Autorin in Zürich, wäre aber gern über dem Nebel oder tief im Berg.

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