Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Zappendusteres Hamburg

Michelle Steinbeck wünscht sich einen Winterschlaf

Von Michelle Steinbeck

Der November im Norden ist ein modriger Keller: dunkel, feucht und kalt. Früher habe ich mir das spannend vorgestellt, gemütlich, gut zum Geschichtenerzählen: Länder wie Schweden oder Island, wo es im Winter nie richtig hell wird. So ist es auch in Hamburg. Gegen Mittag dämmert ein sattes, undurchsichtiges Nebelgrau. Und bevor du das Zmittag runtergeschluckt hast, ist es schon wieder zappenduster.

Vor ein paar Wochen haben mich Einheimische noch in Gespräche verwickelt: was ich hier unbedingt besichtigen sollte (die mächtigen Kreuzfahrtschiffe; die sündige Querstrasse zur Reeperbahn, die Nichtmännern zu betreten verboten ist; die interessanten Vororte, zum Beispiel Hamburg-Harburg). Das Gespräch mündete stets im obligaten Schwenker zum Wetter, das schlecht geworden war, und endete mit dem Vorwurf: Fürs Wetter brauche man wirklich nicht herzukommen. Als hätte ich je das leidige Thema angeschnitten oder mich gar beschwert! «Ich wusste doch», verteidigte ich mich, «was mich hier erwartet.»

Tatsächlich hatte ich es vergessen. Ein paar Jahre Basel machen dich denken, es gäbe keinen Winter mehr. Schleppend dunkle, kalte Tage sind nur noch gruslige Erzählungen aus längst vergangener Prä-Klimawandel-Zeit. In Basel scheint immer die Sonne, immer 24 Grad. Basel – das Tessin der Deutschschweiz! Ich habe vergessen, wie müde ein wochenlang rumhängender Hochnebel macht. Es ist, als wäre noch nie was anderes da gewesen und als würde auch nie mehr anderes kommen. Dieses schwere, drückende, tief hängende Grau, das einen grausig-eisig in die Wangen kneift, sodass einem alle hellen Gedanken vergehen.

Mittlerweile spricht niemand mehr. Selbst an der Uni scheint den meisten die Hirngelatine fest geworden zu sein. Im einen Saal betet der Gründer der AfD dösenden Studierenden seine Volkswirtschaftsmärchen vor. Im studentischen Gelee bleibt das Wichtigste hängen und summt wie eine eingefangene Fliege im Glas: «Der freie Markt ist wunderbar, der freie Markt ist wunderbar, der freie Markt ist wunderbar.» Im nächsten Saal schläft die zum zigsten Mal angerissene Diskussion ein, ob es zur Freiheit der Wissenschaft gehöre, an einer sogenannten Exzellenzuniversität fremdenfeindliche Professoren Pflichtvorlesungen halten zu lassen. Und wieder einen Raum weiter sitze ich im Nachhaltigkeitsseminar, putze mir die Nase mit einer Swiss-Serviette, male mit dem Kugelschreiber von Visa meditative Kringel in mein Heft und trinke aus einer Mikroplastik-ADHS-PET-Flasche des Teufels, während die anderen mit runtergeklappten Augenstoren gegen ihre Bildschirme stieren. Der Prof und ein einzelner Student liefern sich seit vierzig Minuten ein müdes Gefecht aus bleich zerfasernden Gedankenwolken, ob nun die Aufklärung für unseren baldigen Untergang verantwortlich sei oder nicht. Wir anderen mischen uns nicht ein. Wir warten auf die Wintersonnenwende.

Bis dahin gilt: Rückzug in die Höhle. Es wäre das Vernünftigste überhaupt. Ein neues Klimagesetz: Allgemein verordneter Winterschlaf. CO2-neutral verhindert er Ausbeutung, Krieg, langfristig vielleicht sogar Dummheit. Schlafen schont nicht nur Ressourcen, es macht nachweislich gesund, schön und intelligent. Einfach mal hinlegen, und Augen zu. Ruhe geben. Beim Aufwachen im Frühling könnte die Welt eine bessere sein.

Michelle Steinbeck ist Autorin. Sie lebt die Time of her Life im Erasmus-Studium in Hamburg. Sie braucht nur erst eine UV-Lampe.

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