Erwachet! : Alle Jahre wieder

Nr.  46 –

Michelle Steinbeck spürt den Herbst

Der Herbst ist da, mit seinen üblichen Gefährtinnen: Kälte, Nebelkrähen, kahl werdenden Bäumen.

Die Dunkelheit kriecht ins Gemüt, und was den Kindern ein Licht am Horizont ist, nämlich Weihnachten, ist den Erwachsenen die Aussicht auf einen Mini-Lockdown. Wer hätte das noch vor wenigen Wochen zu träumen gewagt? Nach dem gloriosen Sommer, der (an den weniger verregneten Tagen) eine einzige Pflästerliparade an den Ufern war, hielten wir uns für unbesiegbar. Und nicht nur uns: Draufgängerisch umarmten wir Grossmütter, niesten mit Kitakindern im Kreis, liessen zum Feierabend die Bierdose einmal im S-Bahn-Waggon herumgehen: «Chumm scho, nimm de Schpuckschluck, de Ggorona isch vebi!» Fenster wurden zugemauert aus Jux – nie mehr lüften!

Und nun, die grosse Überraschung. In der vollen Knelle fliegt das Gerücht mit ein paar feinen Speichelpartikeln ins erste Ohr; die dazugehörigen Lippen spitzen sich, geben es brühwarm weiter. So steigt die Information zusammen mit all den wild kopulierenden Aerosolen auf und prangt schliesslich wie Voldemorts dunkles Mal als Totenkopf über den Köpfen: Die Zahlen steigen. De Ggorona isch wider da.

Wer hätte das gedacht! Na ja, räuspert sich da ein Stimmchen im Kopf: die Expert:innen? Sie haben es doch vorausgesagt, wie die Klimakatastrophen; quasi in Dauerschleife haben sie es prophezeit.

Aber ist halt generell schwierig, sich im Sommer den Winter vorzustellen. Das ist wie: Im August kann ich mir nicht vorstellen, überhaupt jemals wieder Raclette essen zu wollen. Aber flugs kommen die Zeitumstellung und der damit einhergehende Vitamin-D-Mangel, dazu der Geruch von faulendem Laub und optische Reize von noch nicht gezündeten Weihnachtslichtern an der Bahnhofstrasse – das ist eine chemische Reaktion, die da abgeht, die löst naturgemäss eine Lust auf Raclette aus. Das ist jedes Jahr dasselbe, nur ist sie diesmal verbunden mit dem unermesslichen Verlangen nach einer frischen FFP2-Maske.

Dazu schalldichte Kopfhörer, für Diskussionen, die eh niemand mehr hören will, und dann noch was zum Unterdrücken dieser aufkeimenden Bangigkeit. Ist das ein Kratzen im Hals? Wird bald wieder alles abgesagt? Ist das schon Existenzangst oder nur Kater – da waren ganz schön viele Leute im Club, komplett mundnasennackt. Bin ich unverantwortlich oder die Politik? Wen hätte ich potenziell schon angesteckt? Müssen wir aufhören mit dem Umarmen?

Nun gut, ziehen wir uns halt wieder warm an und verkriechen uns hinter den warmen Ofen. Da warten eh noch ein paar Bücher, die geschrieben werden wollen. Vielleicht gehört das von nun an zu den Jahreszeiten dazu: Mit der Wärme kommen gesellige Bacchanale, mit der Kälte Rückzug und Winterschlaf. Allgemeine Verlangsamung, wem käme das nicht zugute? Kurz-Lockdown als Pause, aber diesmal richtig: kapitalistische Produktion herunterfahren. Mit bedingungslosem Grundeinkommen für alle, ohne Onlineshopping und Lieferdienste, ohne Livestreams, ohne Selbstoptimierung und Überproduktivität als Copingstrategie.

Mal wieder aufräumen, ein Brot teigen, okay. Aber vielleicht finden wir so auch Musse zum Nachdenken: Wie könnten wir es nachhaltig besser machen?

Michelle Steinbeck ist Autorin von existierenden und wartenden Büchern.