Nr. 05/2020 vom 30.01.2020

Kein Grund zur Panik

Dass der Coronavirus nun einen apokalyptischen Ritt um die Welt antritt, ist ein unsinniges Science-Fiction-Szenario.

Von Franziska Meister

«Die Situation ist unübersichtlich», so Patrick Mathys an der Medienkonferenz des Bundesamts für Gesundheit am Dienstag. Gemeint ist die Lage in China, wo sich der neue Coronavirus 2019-nCoV epidemisch auszubreiten scheint: von 314 bestätigten Infizierten und 6 Toten am 21. Januar auf 4593 Infizierte und 106 Tote eine Woche später. Aufgrund solcher Zahlen liessen sich keine seriösen Berechnungen etwa zur Mortalitätsrate anstellen, sagt Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für Viruserkrankungen am Universitätsspital Genf. Die Lage ist unübersichtlich – doch müssen grosse Zeitungstitel wie der «Tages-Anzeiger» deshalb gleich auf Panik machen?

Gleich zum Wochenauftakt liess die Onlineausgabe ein erstes Sperrfeuer an alarmistischen Titeln los: «Die Regierung in Peking hat die Coronavirus-Krise unterschätzt», «‹Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus›». Tags darauf: «100 Verdachtsfälle in der Schweiz» (ein Zwischentitel), «Die Angst vor dem Coronavirus breitet sich aus». Dieser Text beginnt atemlos, als hätten die Autoren bereits Anzeichen einer Lungenentzündung, wie sie 2019-nCoV auslösen kann. «Ist es schon hier? … Die Fragen bleiben offen. Und mit ihnen wächst ein Gefühl. In Winterthur und anderswo. Angst.»

2019-nCoV – ein Killervirus, der irgendwo in einem der zahlreichen Wildtiere am Fischmarkt in der chinesischen Metropole Wuhan schlummert, bevor er im November 2019 einige der HändlerInnen dort attackiert und innert weniger Wochen einen apokalyptischen Ritt um die Welt antritt?

«Ein unsinniges Science-Fiction-Szenario», stellt Volker Thiel vom Institut für Virologie und Immunologie der Universität Bern klar. Coronaviren sind unter Tieren wie Menschen verbreitet und dafür bekannt, andere Spezies zu infiltrieren. Dazu brauchen sie lediglich eine passende Andockstelle, einen sogenannten Rezeptor. Die Übertragung vom Tier auf den Menschen ist also erst einmal nichts Aussergewöhnliches, sondern im Gegenteil bei Coronaviren schon mehrmals passiert. Oft ist der Virus aber nicht gut an den neuen Wirt angepasst. «Die Frage ist dann, wie er mit den Abwehrmechanismen des Menschen zurechtkommt – ob er zum Beispiel bis in die Lunge vordringen kann», so Thiel.

2019-nCoV kann. Dass er bereits relativ gut an den Menschen angepasst ist, hat auch mit seiner nahen genetischen Verwandtschaft zum Sars-Virus zu tun, der sich 2002/03 von China aus verbreitete und über 8000 Menschen infizierte, von denen fast jeder Zehnte starb. Beide Coronaviren benutzen denselben Rezeptor. Beide können von Mensch zu Mensch übertragen werden und haben eine ähnliche Latenzzeit von bis zu zwei Wochen, bevor sie ausbrechen. Im Unterschied zu Sars-TrägerInnen können 2019-nCoV-Infizierte aber andere Menschen anstecken, bevor sie selbst Erkrankungssymptome zeigen. Atemschutzmasken tragen oder Fieber messen sind deshalb keine wirksamen Massnahmen, um die Ausbreitung des neuen Coronavirus zu stoppen.

Der vielleicht entscheidende Unterschied zu Sars, das sich zur Pandemie auswuchs, könnte im raschen Reagieren der chinesischen Behörden liegen: Am 31. Dezember informierten sie die WHO über gehäuft auftretende Lungenentzündungen in Wuhan, am 3. Januar war der Fischmarkt als Infektionsherd lokalisiert, am 7. identifizierte man einen unbekannten Coronavirus als Erreger. Fünf Tage später hatten Forschende sein Genom sequenziert und in einer öffentlichen Datenbank zugänglich gemacht, sodass Mitte Januar ein erster Diagnosetest entwickelt war.

Dass die Rate der registrierten Infizierten in den letzten Tagen sprunghaft angestiegen ist, sei deshalb nicht zwingend eine schlechte Nachricht, sagt Thiel. «Sie hat auch damit zu tun, dass der Nachweistest neu ist und jetzt immer verbreiteter angewendet wird.» Bereits arbeiten Labore international koordiniert an der Entwicklung eines Impfstoffs. So weit war man auch bei Sars, doch brach die Pharmaindustrie die Übung ab, als die Pandemie abflaute und die Aussichten auf Profite schwanden – das gilt es jetzt zu verhindern.

Weiterer Artikel zum Thema: «Gesundheitspolitik in China: Mit der starken Hand des Staates»

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