Nr. 09/2020 vom 27.02.2020

«Das Virus hat null Interesse, seinen Wirt zu töten»

Der Infektiologe Pietro Vernazza ist Chefarzt am Kantonsspital St. Gallen. Er hinterfragt die Eindämmungsstrategie des Bundesrats im Kampf gegen das Coronavirus. Aus seiner Sicht lässt sich die Ausbreitung nicht verhindern. Panik sei dennoch nicht angebracht.

Interview: Daniel SternMail an AutorIn

«Aus nüchterner Distanz betrachtet, scheinen die Massnahmen in Italien überstürzt»: Piazza Duomo in Mailand, 25. Februar 2020. Foto: Alamy

WOZ: Herr Vernazza, können Sie uns in einfachen Worten den Unterschied zwischen Erkrankungen durch das Coronavirus und einer üblichen Grippe erklären?
Pietro Vernazza: Beides sind Viruserkrankungen. Gegen die Grippe sind wir teilweise immun. Wenn unser Immunsystem schwächer wird, erwischt es uns stärker, so sterben etwa ältere Menschen häufiger an der Grippe. Coronaviren kennen wir seit Jahren, und Kinder werden nach der Ersterkrankung meist immun. Insgesamt sind diese bekannten Coronaviren vergleichsweise harmlos. Anders ist es beim neuen 2019-Coronavirus, gegen das noch niemand immun ist. Anders als bei der Grippe sind Kinder nicht besonders gefährdet. Gefährdet sind ältere Menschen und solche mit chronischen Krankheiten. Mehr als achtzig Prozent der jetzigen Coronavirus-Erkrankungen verlaufen mild. Je nach Altersverteilung kommt es zu mehr oder weniger Todesfällen. Im Durchschnitt könnten es schon ein Prozent sein. Doch die Grippe ist auch eine schwere Krankheit. Letzte Woche ist bei uns eine junge Frau an Grippe gestorben.

Das ist kein Einzelfall?
Leider nein. Wir sehen solche tragischen Fälle immer wieder. Und es irritiert mich, wie verantwortungslos wir als Gesellschaft mit der Grippe umgehen. Klar, die Sterberate ist bei der Grippe fünf- oder zehnmal tiefer als beim Coronavirus. Aber dadurch, dass sie jedes Jahr in einer neuen Version kommt, richtet sie insgesamt einen viel grösseren Schaden an. Und wir tun kaum etwas dagegen. Das irritiert.

Es gibt Impfungen …
Sogar die Impfrate des Pflegepersonals liegt teilweise unter zwanzig Prozent. Das ist nichts. Man empfiehlt alten Menschen, sich impfen zu lassen. Doch gerade bei dieser Bevölkerungsgruppe nützt die Impfung am wenigsten, weil ihre Immunabwehr schwächer wird. Wir könnten junge Menschen impfen, das würde die älteren schützen. Aber dazu ist kaum jemand bereit. Ich impfe mich jährlich.

Pietro Vernazza

Aber das Coronavirus muss man schon auch ernst nehmen?
Klar. Die Sterblichkeitsrate ist relevant. Entscheidend ist, dass wir jetzt wegen der fehlenden Immunität plötzlich mit vielen Erkrankungen rechnen müssen. Das wird unser Gesundheitssystem belasten.

In einer chinesischen Studie heisst es, dass in der Provinz Hubei 2,9 Prozent der Infizierten am Virus gestorben seien, während es im Rest des Landes nur 0,4 Prozent seien. Wie interpretieren Sie diese Zahlen?
Das hat viele Gründe. Oft verlaufen neue Virusinfektionen anfangs schwerer. Mit der Zeit werden die Verläufe milder. Das Virus hat null Interesse, seinen Wirt zu töten. Es will zusammen mit dem Wirt überleben. Dann kommt dazu, dass man zu Beginn nur die ganz schweren Fälle sieht: die Patienten, die dann eben häufiger sterben. Je mehr mildere Fälle man erfasst, desto geringer wird in der Statistik der Anteil der schweren, tödlich verlaufenden Fälle. Jeder Todesfall ist tragisch. Doch wir müssen auch erkennen, dass beim Coronavirus viele Todesfälle unter älteren Menschen auftreten. Der Römer Chefinfektiologe hat das treffend formuliert: Menschen, die in diesen Tagen in Italien verstorben sind, sind mit Coronavirus verstorben, nicht wegen des Coronavirus. Das heisst allerdings nicht, dass es nicht auch Todesfälle bei gesünderen jungen Menschen geben wird.

Wie werden wir das Coronavirus wieder los?
Die Bevölkerung wird mit der Zeit immun werden. Eine Impfung könnte das beschleunigen. In einem Monat beginnen schon erste Impfstudien an Versuchspersonen.

Inzwischen gibt es auch in der Schweiz den ersten durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) bestätigten Fall. Die italienische Regierung hat auf die Ausbreitung in gewissen nördlichen Regionen drastisch reagiert und ganze Städte abgeriegelt. Wie beurteilen Sie diese Massnahme?
Italien wurde mit einer schweren Situation konfrontiert. Der erste Patient lag gut zehn Tage mit einer Lungenentzündung in einem Spital, ohne dass man die Coronavirus-Infektion erkannte. Das ist ein GAU. Da will man eigentlich jede einzelne Infektion erkennen, und dann passiert so was. Da reagieren die Behörden natürlich heftig. Doch aus nüchterner Distanz betrachtet, scheinen die Massnahmen überstürzt, auch weil wir die Ausbreitung der Krankheit nicht mehr aufhalten können.

Warum nicht?
Das Virus ist offensichtlich schon sehr weit verbreitet. Wenn Sie davon ausgehen, dass achtzig Prozent der Infizierten eine sehr milde Form der Krankheit entwickeln, dann ist es schon ein sehr grosser Glücksfall, einen dieser Infizierten zu entdecken. Das BAG hat zum Beispiel in den ersten Wochen nach Bekanntwerden des neuen Virus vorgeschrieben, dass nur Patienten mit einer Lungeninfektion auf das Virus getestet werden. Diese Falldefinition erfasst somit nur die Spitze des Eisbergs.

Sind Quarantänen sinnvoll?
Unter Quarantänen versteht man ja, dass gesunde Personen, die mit Erkrankten in Kontakt kamen, überwacht werden, damit sie nicht andere Leute anstecken können. Letztlich liegt dahinter der Gedanke des Containments. Man will also verhindern, dass sich die Krankheit überhaupt ausbreitet. Dies ist auch die jetzige Strategie der europäischen Länder inklusive der Schweiz. Ich bin überzeugt, dass diese Strategie nicht mehr tauglich ist. Es lässt sich realistischerweise nicht mehr verhindern, dass sich unentdeckte Infektionen weiter übertragen. Quarantänemassnahmen sind extrem aufwendig. Ich bin der Meinung, dass man diesen kaum wirksamen Ressourcenverschleiss sofort stoppen muss.

Was ist die Alternative dazu?
Abschwächung. Das muss man jetzt vorantreiben. Wir können mit einfachen Massnahmen das Ansteckungsrisiko reduzieren. Da können wir innovativ sein, Kampagnen können da helfen. Jede Verzögerung von Ansteckungen gewinnt Zeit und reduziert die Krankheitsfälle.

Wie kann das Ansteckungsrisiko verkleinert werden?
Es ist ganz banal. Es geht nicht darum, Masken zu tragen. Die meisten mild Erkrankten husten ja nicht. Die meisten Übertragungen passieren im direkten Kontakt. Mit den Händen. Deshalb sollten wir regelmässig die Hände waschen und das häufige Berühren des Munds, der Nase und der Augen vermeiden. Kranke Menschen sollen zu Hause bleiben. Die zusätzliche Wirkung von Masken ist vermutlich bescheiden.

Offenbar sind an vielen Orten Schutzmasken ausverkauft. Herrscht Panik?
Ich weiss nicht, ob «Panik» das richtige Wort ist. Es ist eher ein kopfloses Handeln von verunsicherten Menschen. Irritierend finde ich, dass wir jahrzehntelang Grippeerkrankungen als eine Bagatelle tolerieren und jetzt plötzlich einen eher chaotisch anmutenden Aktivismus an den Tag legen. Das ist irrational.

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