Auf allen Kanälen : Ein Ohr für die Welt

Nr.  6 –

Wie sieht der Musikjournalismus der Zukunft aus? Die neue Musikplattform «The Now in Sound» antwortet mit einer grossen Vision und noch grösseren Selbstansprüchen.

Absolute Gegenwart. Nichts weniger scheint der Anspruch dieses Projekts: «The Now in Sound» heisst ein neues Onlinemagazin, das der Berner Musikethnologe Thomas Burkhalter zusammen mit anderen kürzlich lanciert hat. Das Magazin soll «eine virtuelle, transdisziplinäre Galerie und Community-Plattform zwischen Kunst, Journalismus und Wissenschaft» werden. Dazu fragt die Pressemitteilung rhetorisch: «Wie und wo findet kritisches Denken in Zukunft noch Gehör?» Erster Eindruck: Ganz schön anmassend.

«Norient will viel»

Die Musikplattform Norient berichtet seit 2002 über Musik und Sounds von Argentinien über Ghana bis Pakistan und präsentiert sie in Filmen, Büchern, Ausstellungen und an Festivals. Dabei ist ein Netzwerk von 700 Musik- und Kunstschaffenden aus fünfzig Ländern entstanden, die regelmässig Texte, Podcasts, Videos und Fotoserien für Norient produzieren. Ihre Beiträge sollen nun gebündelt im Onlinemagazin «The Now in Sound» publiziert und fair bezahlt werden, womit gemeint ist, dass die Honorare über dem Niveau der grossen Schweizer Medienhäuser liegen werden.

Streift man durch die Betaversion der Plattform, ist der zweite Eindruck: Staunen. In bunt schillernden Bildern und experimentellen Audioformaten präsentiert die Seite unterschiedlichste Themen: Wir lesen zum Beispiel von der angolanischen Kuduro-Rapperin Titica, der bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen worden war und die für ihre Transition in der Heimat angefeindet wurde. Inzwischen wird sie von einer staatlichen Agentur promotet, die das Image Angolas im Ausland aufpolieren will. Ein Podcast aus Südafrika schichtet Zitate des Musikers Citizen Boy über seine kargen elektronischen Gqom-Tracks. Ein Beitrag aus Hongkong lotet mit Aufnahmen von Strassengeräuschen aus dem Wahlkampf einer oppositionellen Kandidatin das demokratiepolitische Potenzial des Hörens aus.

Die Inhalte auf «The Now in Sound» sind geradezu zwingend disparat. Zum einen, weil das Onlinemagazin globale Richtmikrofone hat. Zum andern, weil Positionen von KünstlerInnen neben Analysen von WissenschaftlerInnen stehen. Nur zwei Haltungen eint alle Beiträge: Europa ist nicht das Zentrum der Welt, und Algorithmen ist nicht zu trauen. Nicht zu vergessen die Behauptung: In der globalen Gegenwart steckt die popmusikalische Zukunft.

«Norient will viel», heisst es in der Projektbeschreibung. Das stimmt und ist gut so. Schliesslich pulsieren in den Metropolen ausserhalb des Westens Musikszenen, die europäische Ohren viel zu selten zu hören bekommen. Norient macht diese Klänge seit achtzehn Jahren zugänglich. «The Now in Sound» ist die Weiterentwicklung davon und will sowohl den Musikjournalismus wie den Community-Gedanken der Plattform stärken. Allein, gerade die akademischen Beiträge auf der Seite sind mitunter sperrig, viele mit Literaturangaben versehen. Sie dokumentieren die Machart, den politischen Kontext und die künstlerische Position der MusikerInnen. Dabei verharren sie jedoch oft in der Beschreibung. Nur selten gelingt auch eine ästhetisch-kritische Einordnung der Sounds. Hier hat die Plattform noch Entwicklungspotenzial.

Eine interkontinentale Redaktion

Norient-Gründer Thomas Burkhalter ist sich dessen bewusst. «Was wir vorhaben, ist relativ gross: Mit ‹The Now in Sound› wollen wir das Interesse an der Reflexion zurückerobern. Wir wollen spielerisch, tiefgründig, überraschend über Musik berichten.» Auch in Zukunft bleibt die Seite gratis, während das Archiv vor allem wissenschaftliche Publikationen beinhaltet und kostenpflichtig wird. Burkhalter will in drei Monaten die Betaversion mit der fertigen Plattform austauschen und diese dann stetig weiterentwickeln. «Wenn wir gut arbeiten, können wir kontinuierlich wachsen und die Qualität steigern. Wenn nicht, haben wir keine Chance», sagt er.

Die gemeinsame Vision der MacherInnen ist eine dezentrale Redaktion, die über Kontinente hinweg vernetzt ist und Veranstaltungen ausserhalb Europas koproduziert. Eine erste Hürde haben sie geschafft: Kurz vor Ablauf der Frist erreichten sie ihr Crowdfunding-Ziel von 70 000 Euro. Wenn man Ohren für die ganze Welt haben will, lohnt es sich vielleicht, gross zu denken.