Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

Nicht alle sind gleich verletzlich

«Alles nur Hysterie!», hört man derzeit oft, wenn es um die Coronamassnahmen des Bundes geht. Dabei birgt das Virus immerhin eine Chance: dass wir wieder stärker über eine solidarische Welt nachdenken.

Von Bettina Dyttrich

«Ich zuerst» hilft niemandem: Frau an einer Pressekonferenz über das Coronavirus im Berner Inselspital. Foto: Anthony Anex, Keystone

Ist das wirklich nötig? Die «besondere Lage», das Verbot von grossen Konzerten, Super-League-Fussball und der Fasnacht, die präventive Quarantäne für alle, die mit Erkrankten Kontakt hatten – bei einer Krankheit, die in den meisten Fällen mild verläuft? Das fragen sich in diesen Tagen nicht nur BaslerInnen. Das Wort «Hysterie» fällt oft, und für das Hamstern von Gesichtsmasken und Konservendosen passt es auch. Aber beim Einschränken von Grossveranstaltungen geht es genau um das Gegenteil der egoistischen «Ich zuerst»-Haltung: nämlich um Solidarität. Die vielen, die mit der Krankheit vermutlich gut zurechtkämen, schränken sich ein, um die Verletzlichsten zu schützen. Wenn sich so die Ausbreitung von Covid-19 verlangsamen lässt und die Spitäler darum nicht überfüllt sind, rettet das Leben.

Wir «züchten» Erreger

Noch nie in der Geschichte lebten Menschen in einer derart kontrollierten Umgebung wie heute in den reichsten Ländern. Noch nie verbrachten sie so viel Zeit in Innenräumen, Fahrzeugen und anderen menschengemachten Konstruktionen. Dass der Homo sapiens Teil der Ökosysteme ist, ist für Schweizer StadtbewohnerInnen eher Theorie als gelebte Erfahrung. Es klingt romantisch. Aber es gilt eben auch im Negativen: Jeder Körper bildet mit seinen Mikroorganismen und Viren ein Ökosystem, das sich ständig verändert (siehe WOZ Nr. 5/2020). Sie sind lebenswichtig – aber manche können uns auch umbringen. Und wir beeinflussen, ja züchten unsere Erreger in eine Richtung, die zunehmend Probleme schafft. Das begann vor mehr als 10 000 Jahren: Erstmals lebten im Nahen Osten richtig viele Menschen auf engem Raum zusammen mit Ziegen, Schafen, Hunden, Ratten und anderen Tieren. Es gibt keine schriftlichen Zeugnisse über diese Zeit, aber die Folgen müssen desaströs gewesen sein: All die Krankheiten wie Grippe, Windpocken oder Masern, die heute (für fitte BewohnerInnen reicher Länder) meist nicht mehr tödlich verlaufen, waren neu. Die Menschen starben zu Tausenden – nach 1492 auch Nord- und SüdamerikanerInnen, die keine Antikörper für diese Krankheiten hatten.

Heute geht das «Züchten» von Erregern in hohem Tempo weiter: Massentierhaltung und Millionenstädte konzentrieren viel mehr Bakterien und Viren auf engem Raum. Das beschleunigt ihre Evolution enorm. Das Gleiche gilt für den viel zu breiten und sorglosen Einsatz von Antibiotika in Humanmedizin und Massentierhaltung seit dem Zweiten Weltkrieg. An multiresistenten Bakterien, gegen die Antibiotika nicht wirken, sind laut dem Medizinmagazin «The Lancet» 2015 allein in Europa 33 000 Menschen gestorben. Trotzdem will Novartis aus der Antibiotikaforschung aussteigen. Geht die Entwicklung so weiter, werden schon einfache Entzündungen und simple Operationen zum tödlichen Risiko – wie vor der Entdeckung des Penicillins.

Neue Krankheiten, Antibiotikaresistenzen, dazu noch die Klimaerhitzung: Alles zusammen macht die Menschheit viel verletzlicher, als es die Jahrzehnte des «Fortschritts» ahnen liessen. Nur: «Die Menschheit» gibt es nicht. Es trifft nicht alle gleich: Armut macht verletzlich. Das gilt für Wetterextreme genauso wie für Antibiotikaresistenzen und Covid-19. Bei einer schnellen Ausbreitung des Virus wäre auch das Schweizer Gesundheitssystem überfordert – in prekären Gesundheitssystemen sterben unweigerlich mehr Menschen. Noch gefährdeter sind die Flüchtlinge in Nordsyrien, der Türkei und Griechenland. Dass sie dringend medizinische Hilfe brauchen, ist nicht neu. Doch wenn Covid-19 dazukommt, droht sich die humanitäre Katastrophe noch zu verschärfen.

Gut fürs Klima

Verletzlich ist auch die hyperglobalisierte Wirtschaft. Dass es dumm ist, lebensnotwendige Güter nur noch in einer Weltregion zu produzieren, haben inzwischen viele gemerkt. Covid-19 könnte ein Anstoss sein, dieses Wirtschaftsmodell zu überdenken – das ist angesichts der Klimaerhitzung ohnehin dringend nötig. Auch wenn man sich nicht so richtig darüber freuen kann: Dieses Virus hat in kurzer Zeit mehr für den Klimaschutz erreicht als die ganze Klimabewegung.

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