Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

Die Klimagöttin und ihr Traum vom Ende der Menschheit

«Miss Anthropocene», das neue Album von Grimes, handelt von unserem Hang zur Selbstzerstörung. Es klingt wie ein Schrei aus dem Abgrund der Popindustrie.

Von David HunzikerMail an AutorIn

Geschwängert werden als «kriegsähnlicher Zustand»: Musikerin Grimes. Foto: Mac Boucher & Neil Hansen

Ist das nun ein Dämon im Stadium eines Fötus, der da so friedlich schlummert? Wir sehen dieses schimmernde Wesen durch die transparente Bauchwand der Mutter, die aussieht wie vom Bösen besessen. Die schwarz-orangen Zöpfe fallen über die nackten Brüste (die Version mit Nippel hatte Instagram zensiert), der wahnsinnige Blick ist auf uns gerichtet, die Haut von Striemen gezeichnet, als wäre sie gepeitscht worden. Die düstere Inszenierung passt zu einer Aussage, die die Schwangere kürzlich in einem Interview machte: Geschwängert zu werden, sei «ein kriegsähnlicher Zustand».

Die Frau auf dem Foto ist die 31-jährige Musikerin Claire Boucher, besser bekannt als Grimes. Die Aufregung war ihr nicht nur aufgrund der Inszenierung sicher, als sie Anfang Januar ihren Babybauch zeigte. Denn die Beziehung, aus der das Kind vermutlich entspringt, irritiert den Popdiskurs schon länger: Seit 2018 ist Grimes mit Elon Musk liiert, Gründer der Firmen Tesla und SpaceX und einer der reichsten Männer der Welt. Alles Privatsache, ein Fall für die Klatschpresse? So einfach ist es nicht. Das Rätsel, was den rechtslibertären Unternehmer und die feministisch gesinnte Musikerin mit Punkattitüde zusammengebracht hat, ist für die Popkultur der Gegenwart so relevant wie der Style von Billie Eilish.

Natürlich stellte man sich die Frage: Ist eine wie Grimes nicht viel zu cool für einen mässig attraktiven Milliardär mit starkem Hang zur Selbstüberschätzung? Naomi Fry, Autorin des «New Yorker», sah in der Beziehung ein Zeichen dafür, dass der Unterschied zwischen «libertärem Silicon-Valley-Nerdcore» und «Tumblr-gezüchtetem Millennial-Experimentalismus» sich langsam auflöse. Die Zeit, als politische Unterschiede sich auch in Unterschiede des Geschmacks übersetzen liessen, sei definitiv vorbei.

Eingängig abgründig

Für Grimes bedeutet ihr aktuelles Liebesleben zunächst einmal vor allem: viel schlechte Stimmung. In einer Twitter-Diskussion über Künstliche Intelligenz und Kunst bezeichnete die Musikerin Zola Jesus sie in Anspielung auf problematische politische Tendenzen im Silicon Valley als «Stimme des Silicon-faschistischen Privilegs». Der Berliner Popkritiker Jens Balzer, der Grimes in seinem Buch «Pop. Ein Panorama der Gegenwart» 2016 noch als Digitalfeministin und Herrin über die musikalischen Produktionsmittel gefeiert hatte, schrieb für die «Zeit» kürzlich einen Text, der sich wie eine Abrechnung liest. Grimes sei zu einer «Männerfantasie für Science-Fiction-Nostalgiker und Silicon-Valley-Angestellte» geworden, schreibt der Mann, und das hat für ihn viel mit dem Mann an Grimes’ Seite zu tun: «So hat sich die Technofeministin von einst vom Technopatriarchen der Gegenwart zur Maschinenwesen-Mutter befruchten lassen.»

Nun hat Grimes nach fünf Jahren wieder ein Album veröffentlicht: «Miss Anthropocene» heisst es und ist so abgründig, wie ein doch recht eingängiges Popalbum nur sein kann. Es handelt von der Fähigkeit der Menschheit, sich auf verschiedene Arten zu schaden oder gleich selber auszulöschen: von der Klimakatastrophe (Miss Anthropocene ist deren Verkörperung in Form einer Göttin), von tödlichen Opiaten und vom allumfassenden Cyberspace. Es gibt ja diese MusikerInnen, die der seichten Wohlfühlmusik verfallen, sobald sie verliebt sind – bei Grimes ist offenbar das Gegenteil der Fall.

Um Liebe geht es gleich zu Beginn des Albums. «So Heavy I Fell Through the Earth» klingt, als hätte Trent Reznor einen Song von Enya produziert: digital verhärtete Schwarzesoterik jenseits des guten Geschmacks. Grimes’ Stimme ist mit ausuferndem Hall belegt und beschreibt die Liebe als ungewollte Heimsuchung und als Last. In einem Instagram-Post schrieb sie, es gehe in diesem Song um den Genderdämon; also auch darum, wie Claire Boucher als Frau dafür verurteilt wird, mit wem sie Sex hat.

Will Grimes sich solche Dinge auch vom Leib halten, wenn sie uns mit dem neuen Album immer wieder sagt, dass sie bloss eine Figur, eine Simulation ist? Den Song «4ÆM», der mit seinem Drum-’n’-Bass-Beat im Stil von Pendulum oder The Prodigy schon fast wie ein Oldie klingt, hat Grimes zum Soundtrack des Videogames «Cyberpunk 2077» beigesteuert, in dem sie selber auch als Figur auftritt. Das Stück «Idoru» ist nach dem japanischen Wort für Idol benannt, womit diese spezifische Art von abgöttisch verehrtem japanischem Popstar gemeint ist. Dieser wolkige, süss gesungene Lovesong betrauert also auch, was schiefgelaufen ist zwischen uns und unserem Idol: «Wir könnten ein schönes Spiel spielen», singt Grimes im Refrain.

Doch gleichzeitig finden sich in diesen Songs auch immer wieder Spuren von realem Schmerz. In «Darkseid» beschreibt die taiwanesische Rapperin 潘PAN über einem bedrohlich pulsierenden Subbass in faszinierendem Flow eine Vergewaltigung. Es sei schon verrückt, bei dem Song jedes Mal wieder an so etwas denken zu müssen, sagte Grimes kürzlich in einem Interview. Doch solche Zustände von extremer emotionaler Intensität würden KünstlerInnen eben ständig abverlangt, weshalb es nicht überraschen könne, dass sie so viele Drogen nähmen. Um die Folgen davon geht es in «Delete Forever», das mit seiner geloopten Schrummelgitarre wirkt wie die Parodie eines Taylor-Swift-Songs. Grimes, die mehrere Freunde an die Opiatkrise in den USA verloren hat, schrieb den Song am Tag, als der Rapper Lil Peep mit 21 Jahren an einer Überdosis starb.

In ihren Songs blickt Grimes also auch immer wieder in die Abgründe der Popindustrie. Gerne denkt sie diese Industrie mit quasiheiterer Misanthropie zu Ende. Grimes wirkt jeweils recht vergnügt, wenn sie darüber fantasiert, wie die menschengemachte Kunst bald durch Künstliche Intelligenz ersetzt werden könnte. Es sei ja wünschenswert, dass es im Universum auch in Zukunft eine Form von Intelligenz gebe, sagte sie einmal, aber es sei unwahrscheinlich, dass das die menschliche sein werde. Umso erstaunlicher ist es, dass «We Appreciate Power», ursprünglich als erste Single des Albums veröffentlicht, zum Bonustrack degradiert wurde. Darin besingen die Maschinen im Chor zu metallischen Marschgitarren ihren baldigen Sieg: «Was braucht es, damit ihr kapituliert?»

Folgenreiches Gedankenexperiment

Ist Elon Musk bei diesem Thema vielleicht etwas zu nahe an ihre Kunst herangekommen? Denn auch Musk ist ja geradezu besessen von solchen Fragen ganz im Geist von «The Matrix»: Wie können wir wissen, dass wir nicht bereits in einer Simulation unter ganz vielen leben? Wann wird die Künstliche Intelligenz genug stark sein, um sich gegen uns zu wenden? Die meisten KI-ExpertInnen bezeichnen die eindringlichen apokalyptischen Warnungen des selbsternannten Visionärs als Panikmache. Dieser erklärt sich diese Reaktion dann so, dass die Intellektuellen ja bloss Angst hätten, von der KI ersetzt zu werden.

Da haben sich in ihrer Endzeitgeilheit also zwei gefunden (getroffen haben Musk und Grimes sich auf Twitter, es ging um ein Gedankenexperiment zur Frage, ob es für eine zukünftige Superintelligenz rational sei, alle zu töten, die nicht an ihrer Entwicklung beteiligt waren). Mit dem grossen Unterschied natürlich, dass Grimes die Dämonin nur mimt und Dunkelheit künstlerisch erfahrbar macht. Bei Musk hingegen, der Gewerkschaften illegal sabotiert und die Klimakatastrophe mit seinen Teslas im Gewand ihres Gegenmittels anheizt, ist der Zynismus ganz real.

Vielleicht zieht sich dieser Unterschied halt einfach irgendwie an.

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