Nr. 10/2020 vom 05.03.2020

«Paradies hiess: 1500 Parkplätze – und jeden Tag Abendverkauf» Der Historiker Fabian Furter erzählt, wie es zum ersten grossen Shoppingcenter der Schweiz kam – und von anderen Ideen, die auf der Strecke blieben.

Interview: Daniela JanserMail an AutorIn

Foto: Tom Huber

WOZ: Herr Furter, warum hat man 1970 das erste grosse Shoppingcenter der Schweiz im Limmattaler Dorf Spreitenbach gebaut?
Fabian Furter: Dafür gibt es, grob gesagt, drei relativ banale Gründe. Erstens: Hier hatte es genügend Platz für Parkplätze, den gibts in der Stadt nicht. Zweitens, ganz entscheidend: Der Investor hatte die Zusage des Kantons Aargau, dass man jeden Tag Abendverkauf machen könne. Achtzig Prozent des Umsatzes wurden damals zwischen 18 Uhr und 20 oder 21 Uhr gemacht.

Schon in den siebziger Jahren gab es also jeden Tag verlängerte Öffnungszeiten?
Ja, das war auch in den ersten ganzseitigen Inseraten Thema, die man in der NZZ schaltete. Deren Überschrift lautete: «Wir bauen ein Paradies». Und Paradies hiess: 1500 Parkplätze – und jeden Tag Abendverkauf.

Und der dritte Grund?
Das dritte schlagende Argument für Spreitenbach war natürlich die Autobahn. Der entsprechende Streckenabschnitt war damals bereits im Bau und wurde 1972 eröffnet.

Fabian Furter

Der Autobahnanschluss war also eminent wichtig. Dagegen scheint der ÖV kaum eine Rolle gespielt zu haben, die Zugstrecke verläuft ja ziemlich ungünstig …
Unglaublich, oder? Der Bahnhof Killwangen-Spreitenbach ist nicht mal mehr auf Spreitenbacher Boden. Man geht von dort eine halbe Stunde zu Fuss bis zum Shoppingcenter. Es gab allerdings von Anfang an eine Busverbindung von Baden aus. Und das Zürcher U-Bahn-Projekt, das 1975 an der Urne verworfen wurde, hätte Spreitenbach als Endstation gehabt. Aber die Statistiken sind eindeutig: Neunzig Prozent der Leute kamen mit dem Auto.

Hat die Mall die Bautätigkeit in der Gegend weiter angekurbelt?
Die Nähe zum Einkaufszentrum und zur Autobahn waren jedenfalls Verkaufsargumente für den Immobilienmarkt. In Neuenhof gibt es zum Beispiel die Grossüberbauung Webermühle. Und in der Werbebroschüre für diese Siedlung, die ab 1976 bezogen wurde, warb man damit, dass die Mutter mit den beiden Kindern mit dem Bus ins Shoppi fahren könne. Ihr Mann holt sie dann nach der Arbeit mit dem Auto ab, und sie können mitsamt den Einkäufen direkt in die Tiefgarage ihrer Siedlung fahren. So kommen sie trockenen Fusses in die Wohnung. Das waren noch Träume.

Wie muss man sich Spreitenbach vor dem Bau des Shoppi vorstellen?
Die Wohnblöcke hinter dem Shoppi sind zum Teil wesentlich älter als das Einkaufszentrum. Das erste Hochhaus hat ein Zürcher Architekt schon 1953 angefangen zu bauen. Da gab es in Spreitenbach noch nichts: keine Zonenordnung, keine Bauordnung, nichts. Der Bauplatz war früher ein Baumgarten, daneben verlief die Überlandstrasse Zürich–Baden. Die Autobahn war noch nicht mal beschlossen, da fing er schon an zu bauen. Und als er beim fünften Stock war, fragte ihn der Nachbar: «Du, wie weit nach oben soll das noch gehen?» Als er erfuhr, dass ein zwanzigstöckiges Hochhaus daraus werden sollte, machte er eine Einsprache. Und der Regierungsrat veranlasste dann einen Baustopp. Bis 1959 war das eine schweizweit bekannte Bauruine. Als Spreitenbach dann eine Planung bekam, wurde das Haus zwölfstöckig fertig gebaut.

Und dieses kleine Hochhaus war quasi der Startschuss für die ganze Wohnüberbauung hinter dem heutigen Shoppingcenter?
Genau. Da fing also einer einfach mal an, im «Wilden Westen» von Zürich zu bauen. Den Behörden wurde so vor Augen geführt, dass dringend eine Ortsplanung gemacht werden musste. Diese wurde 1960 rechtskräftig – was im Aargau übrigens sehr früh war – und bildete die Grundlage für das heutige Neu-Spreitenbach. Daneben steht aber ja auch noch das alte Dorf, bis heute. Mit zwei Kirchen, alten Bauernhöfen, Dorfbeizen und Brunnen. Und manchmal sieht man zwischen zwei Höfen die Hochhäuser aufblitzen. Für Schweizer Verhältnisse ist Spreitenbach ein Ort mit extremen Gegensätzen, das gefällt mir.

Und wer war der eigentliche «Gründer» des Shoppis?
Der ideelle Vater war Karl Schweri, der «Denner-Schweri». Er war selber im aargauischen Koblenz aufgewachsen. Schweri hatte schon früher den Interswiss-Fonds gegründet, einen Immobilienfonds mit dem Ziel, Filialen zu bauen, vor allem für Denner natürlich. Dieser Fonds kaufte dann unter anderem das Land in Spreitenbach mit der Absicht, dort ein Einkaufszentrum zu errichten. Es waren aber verschiedene Anleger involviert. Das wurde dann auch zum Problem.

Inwiefern?
Es gibt Aufnahmen von der Grundsteinlegung 1967, auf denen Karl Schweri noch zu sehen ist. Dann verschwindet er. Ende der sechziger Jahre kam der Interswiss-Fonds in eine Krise und wurde von den beiden Grossbanken, der Kreditanstalt und dem Bankverein, übernommen, Schweri wurde ausgebootet. Das Shoppi ist bis heute im Besitz dieses Fonds, eines Anlagegefässes der Credit Suisse.

Das heisst, bei der Eröffnungsfeier war der Gründer Schweri dann nicht mehr dabei?
Da sieht man ihn nicht mehr, und er stand auch zeitlebens auf Kriegsfuss mit den Grossbanken.

Und wer war der ursprüngliche Planer hinter dem Shoppingcenter?
Walter Hunziker. Er wuchs in Zürich auf und studierte an der ETH Architektur. Weil er eine Tante in Atlanta hatte, machte er ein Austauschsemester in Amerika. Er blieb dort hängen und studierte Architektur und Städtebau. Das war in einer Zeit, wo man innert Kürze alles Mögliche erreichen konnte. Hunziker wurde Professor und hat in den USA und in weiteren Ländern ganze Städte geplant.

Wie kam er zum Projekt in Spreitenbach?
Als er einmal seine Eltern in der Schweiz besuchte, machte ihn sein Vater auf ein Inserat in der NZZ aufmerksam, in dem Schweri nach einem Architekten mit USA-Erfahrung suchte. So kam es zur Zusammenarbeit. Hunziker gründete eine Planungsfirma, Transplan, zusammen mit einem Ökonomen, und gemeinsam machten sie Konzepte für diverse Überbauungen. Alles war sehr interdisziplinär gedacht. Für Spreitenbach lieferte Hunziker einfach das Grundkonzept, das schliesslich auch umgesetzt wurde: das charakteristische niedriggeschossige Shoppingcenter und die «flankierenden» Wohnhochhäuser als Landmarken. Die bauliche Ausführung lag dann in den Händen anderer.

Gab es Kontroversen rund um den Bau? Wer war dagegen?
Die Kritik setzte im Zuge der Energiekrise nach 1973 auf breiter Front ein. Es gibt zum Beispiel ein SJW-Heft, «Ohne Halt bis Beton-Ville», das auch in der Schule verwendet wurde, und das Negativbeispiel, wie man es nicht machen solle, war Spreitenbach. Im Heft selber kommt das Shoppingcenter dann gar nicht mehr vor, aber auf dem Cover ist es als Bausünde verewigt. 1975, im Jahr des Denkmalschutzes, erschien das Buch «Verwandelte Schweiz, verschandelte Schweiz?». Das Vorwort hatte Bundesrat Hans Hürlimann verfasst, und im Buch operierte man mit polemischen Bildvergleichen und bissigen Kommentaren, um zu zeigen, was man in den sogenannten Wachstumsjahren alles falsch gemacht habe.

Gab es auch Kritik aus Architekturkreisen?
Bereits 1973 kam ein Buch heraus, das hohe Wellen warf: «Bauen als Umweltzerstörung. Alarmbilder einer Un-Architektur der Gegenwart». Der Autor Rolf Keller war ein Architekt, der schon in den sechziger Jahren all diese Infrastrukturbauten heftig kritisiert hatte. Seine Kritik ging aber noch viel weiter, zielte auf die Gesellschaft als Ganzes, auf die herrschende Konsumwut und wie sich diese in der gebauten Umwelt abbilde: «Bauen als Umweltzerstörung» eben. Das Buch erhielt das «Gütesiegel» des Bundes Schweizer Architekten (BSA).

Führte die aufkommende Konsumkritik auch zu alternativen Bauprojekten?
Direkt neben dem Shoppi entstand kurz nach dessen Eröffnung das Tivoli. Heute sind die beiden Häuser zur Marke «Shoppi Tivoli» zusammengeschlossen. Damals hatte der Ortsplaner den Spreitenbachern erklärt, man habe nun mit 7000 Einwohnern eine gewisse Grösse erreicht. Neben dem Einkaufszentrum gab es ja nun diverse neue Wohnbauten, Schulhäuser und Kindergärten. Im Hinblick auf den anvisierten «Vollausbau» mit 35 000 Einwohnern zur Jahrtausendwende empfahl der Planer, es wäre nun an der Zeit, ein richtiges Stadtzentrum zu bauen. In Kopenhagen hatte er das Tivoli gesehen und fand, man müsse nun auch so etwas haben.

«So etwas»?
Angedacht war ein Handels- und Gewerbezentrum mit Wohnungen, Hotel und Stadtsaal. Die Investoren planten in diese Richtung. Doch dann kam 1973 die Wirtschaftskrise, und das Projekt musste regelrecht gerettet werden, sonst hätte es als Bauruine geendet. Gerettet hat man es, indem man es einfach als zweites Einkaufszentrum fertig baute. Von der ambitionierten Ursprungsidee blieb nichts mehr übrig. Da standen dann also zwei direkte Konkurrenten unmittelbar nebeneinander. Das Tivoli brauchte ziemlich lange, um sich zu etablieren.

Wie sah es aus?
Das Tivoli machte auf putzige Dorfplatzatmosphäre, daran kann ich mich noch erinnern, weil ich als Bub dort war. Man fakte also zum Beispiel Riegelbauten und nannte das dann sogar «Tivoli-Dörfli», mit Pflastersteinen und einem plätschernden Brunnen. Man liess da also gewissermassen ein Dorf künstlich wiederauferstehen, in voll klimatisierter Atmosphäre. Erst Ende der neunziger Jahre wurde das rausgerissen.

Die meisten Einkaufszentren haben ja eine sehr ähnliche Bauweise. Oder täuscht das?
Das stimmt, sie haben immer eine längliche Form. Und die Idee ist, dass es links und rechts von den grossen Eingängen einen sogenannten Ankermieter gibt, also jemanden, der viel Kundenverkehr bringt. Neben den Ankermietern platziert man kleinere Boutiquen, sodass die Kleinen von den Grossen profitieren können – und umgekehrt natürlich auch. Man möchte nur schnell in der Migros etwas einkaufen und bleibt dann hängen. Diese Dynamik heisst Gruen-Effekt.

Gruen-Effekt?
Das kommt von Victor Gruen, dem geistigen Vater des Shoppingcenters. Er baute Mitte der fünfziger Jahre die ersten Einkaufszentren in den USA, nachdem er vor den Nazis aus Wien geflüchtet war. Man konnte also in den siebziger Jahren in Europa bereits von diversen amerikanischen Erfahrungen profitieren und hat Gruens Konzepte eigentlich tel quel übernommen. In seinen ersten Skizzen für Spreitenbach hatte sich der Planer Hunziker noch keine geschlossene Mall vorgestellt, sondern eine mit offenem Innenhof mit den Läden drum herum. Als er dann nochmals in die USA reiste, kam er aber zur Überzeugung, dass man es genauso machen müsse wie in den dortigen Malls: geschlossene Ladenstrassen, in denen das Klima kontrollierbar ist.

Warum hat sich denn diese vereinheitlichte geschlossene Architektur weltweit so flächendeckend durchgesetzt?
Gruen selber sagte später, das basiere alles auf einem grossen Missverständnis. Er habe sein erstes geschlossenes Einkaufszentrum in Minnesota nur so gebaut, weil dort ein raues Klima geherrscht habe: kalte Winter und heisse Sommer. Deshalb sei er zum Schluss gekommen, man müsse eine geschlossene Halle bauen, in der man das Klima völlig im Griff hatte. Gleichzeitig betonte er stets, man müsse die Amerikaner nicht kopieren, sondern kapieren. Und die Europäer hätten sie eben nur kopiert, statt angepasst an das jeweilige Klima zu bauen. Er hat wohl in Sorge um seinen Nachruf gewisse Wahrheiten zurechtgerückt. Dass er ursprünglich keine reinen Kommerztempel bauen wollte, ist aber wahr. Und diese Idee hat man ihm definitiv kaputtgemacht.

War das denn früher einmal anders?
Ganz klar. In den Anfängen gingen die Leute auch am Sonntag zu Tausenden in die Mall, um dort herumzuspazieren und die Läden von aussen anzuschauen. Das allein war schon eine Attraktion. Regelmässig richtete man im Shoppi Spreitenbach auch Ausstellungen ein: eine Swissair-Ausstellung etwa oder eine Schau mit Rennautos. Man versuchte also, «Kultur» reinzubringen – oder zumindest ein Angebot, das nicht zwingend geldgetrieben war. Zu Beginn gab es in Spreitenbach auch noch einen ökumenischen Andachtsraum.

Der vermutlich heute nicht mehr existiert?
Nein, der wurde bald in ein Verkaufsgeschäft umgebaut. Der kulturelle Aspekt ging in den «goldenen» achtziger und neunziger Jahren, die extrem konsumgesteuert waren, fast komplett verloren. Heute, da man sich wieder mehr Gedanken machen muss, wie man die Leute in die Shoppingmalls holt, setzt das Marketing erneut auf solche Aktionen. Man organisiert Events und geht so interessanterweise wieder zu den Anfängen zurück.

Wie kam es denn zum Schwimmbad, das bis heute im Shoppi ist?
Das ist ein Beispiel für die kluge Verhandlungstaktik der Spreitenbacher. Die Gemeinde sagte den Investoren: Ihr dürft das Einkaufszentrum bauen, aber ihr müsst uns ein öffentliches Hallenbad finanzieren. Davon könnten viele Gemeinden, aber auch Städte bis heute etwas lernen. Man muss den Investoren nicht einfach überall den Teppich ausrollen, man kann auch etwas einfordern.

Und ist die Strategie des Shoppis aufgegangen?
Da müssten Sie nun die Betroffenen fragen. Aber von aussen betrachtet würde ich sagen Ja, auf jeden Fall. Kürzlich habe ich mit den Leuten vom Marketing geredet. Die Zahlen des Shoppis sind nicht rückläufig, aber stagnierend. Schwarze Zahlen also, aber halt nicht mehr ständige Wachstumsraten, an die man sich vierzig Jahre lang gewöhnt hatte. Shoppingcenter haben durchaus eine Zukunft, überleben werden jedoch nicht alle. Es wird eine Bereinigung geben.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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