Nr. 11/2020 vom 12.03.2020

Mit dem Wissen des Herzens das Klima retten

In Bern trafen sich die alternativen Banken der Welt, um über Wege aus der Klimakrise zu diskutieren. Doch die wirklich unangenehmen Fragen blieben draussen.

Von Bettina Dyttrich

Es beginnt mit einem pathetischen Kurzfilm: springende Wale, ratlose Eisbären, sogenannte unberührte Landschaften. So dramatisch die Musik, so optimistisch sind die Statements: «Wir können sogar Geld verdienen, indem wir uns um die Umwelt kümmern!» Die Alternative Bank Schweiz (ABS) beherbergt Ende Februar das Jahrestreffen der alternativen Banken: Die Global Alliance for Banking on Values, der weltweit 62 Banken angehören, trifft sich drei Tage im Berner Fünfsternehotel Bellevue Palace. Erklärtes Ziel: Ideen entwickeln, «wie der Finanzsektor zur Überwindung der Klimakrise beitragen kann».

Ein Nachmittag ist öffentlich: «Every Degree Matters», jedes Grad zählt, heisst die Konferenz, mitorganisiert vom WWF. Die Spiegel glänzen, die Pausenhäppchen sind exzellent, und Exradiofrau Karin Frei moderiert den Anlass, als wäre sie gerade über den Atlantik geflogen: in perfektem US-Englisch und mit dieser uramerikanischen Mischung aus Lockerheit und übertriebener Begeisterung. Dank Myclimate-Kompensation ist die ganze Konferenz «klimaneutral».

Margaret Kuhlow vom WWF international erinnert daran, dass es nicht nur einen Klima-, sondern auch einen Biodiversitätsnotstand gibt. Dieser verstärke die Klimarisiken noch. Doch sie bleibt ganz in der Geschäftslogik: «Naturverlust ist ein Businessrisiko», das das Wachstum von Staaten wie Madagaskar «wegfegen» könne.

Dann tritt Otto Scharmer auf die Bühne, und die Veranstaltung beginnt wie ein kalifornisches Selbsterfahrungsseminar zu klingen. Scharmer, ein US-Deutscher, hat das Presencing Institute gegründet, eine Coachingfirma, die die Welt verändern will. Wir sollten «das Wissen des Herzens aktivieren, um den Graben zwischen Kopf und Hand zu überwinden», «die tieferen Quellen der Kreativität» finden und «vom Egosystem zum Ökosystem» kommen. Scharmer wirkt sympathisch und hat sicher nicht unrecht, wenn er sagt, Zynismus und Angst verhinderten nötige Veränderungen. Aber alle «inneren Transformationen» haben es bisher nicht geschafft, den kapitalistischen Wachstumszwang zu brechen. Und dass das Geschäft in Zukunft eine Bewegung werden müsse («business as a movement»), klingt – für Bewegungen zumindest – eher zum Fürchten.

«Massiver Umbau der Wirtschaft»

Für eine harte Landung sorgt dann die Gesprächsrunde mit «policy makers». Am Podium nehmen der Basler SP-Nationalrat Beat Jans und die grüne Waadtländer Ständerätin Adèle Thorens teil. «Wir reden im Parlament schon seit sechs Jahren über die fossilen Investitionen der Banken, aber konnten keinerlei Regulierung erreichen», sagt Jans. Noch schlimmer, präzisiert Thorens: Schon 2008 habe sie einen Vorstoss gemacht, die Publica, die Pensionskasse des Bundes, müsse nachhaltig investieren – vergebens.

Die ABS ist eine Bank mit Prinzipien: «Wir haben klare, strenge Richtlinien», sagt CEO Martin Rohner. «Zum Beispiel schliessen wir Firmen aus, die zur Beschleunigung des Klimawandels beitragen – etwa durch Erdölförderung, Flugzeugbau oder Kreuzfahrtschiffe.» Für eine einzelne Bank wie die ABS kann eine solche Anlagestrategie durchaus profitabel sein. Aber die Bank will mehr: «2030 ist der Schweizer Finanzplatz klimaneutral», fordert sie an der Konferenz. Da drängen sich einige grosse Fragen auf: Wenn alle so ethisch werden wie die ABS, gibt es dann genug grüne Anlagemöglichkeiten? Wie soll ein grüner Finanzplatz in der heutigen Grösse und mit den heutigen Profiten möglich sein?

Im «Bellevue Palace» stellt niemand diese Fragen. Nachträglich darauf angesprochen, entwirft Rohner eine postkapitalistisch anmutende Welt: «Wir stehen vor einem massiven Umbau der Wirtschaft. Das Ziel des Finanzsektors kann nicht mehr sein, aus Geld noch mehr Geld zu machen, sondern eine sinnvolle Wirkung in der Realwirtschaft zu entfalten.» In der Folge würden sich suffiziente und ressourcenschonende Geschäftsmodelle durchsetzen. Am Prinzip Wachstum zweifelt Rohner allerdings nicht: «Langfristig entstehen neue Sektoren, in denen man Geld verdienen kann. Jedes sinnvolle Unternehmen soll sich positiv entwickeln können, das ist nicht infrage gestellt.» Im Vordergrund müsse «qualitatives Wachstum» stehen: «Dienstleistungen, Kultur – auch in die Betreuung alter Menschen sollte mehr Geld fliessen. Wenn man das richtig macht, wird es rentieren.»

Ehrliche Bankiervereinigung

«Qualitatives Wachstum»: Der Begriff ist in die Jahre gekommen. Schon in den neunziger Jahren propagierte der deutsche SPD-Politiker Ernst Ulrich von Weizsäcker den «Faktor vier»: «doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch». Doch lässt sich das Wirtschaftswachstum wirklich von Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung «entkoppeln»? Bisher deutet nicht viel darauf hin. Das gilt auch für den Finanzplatz: Klar ist es wichtig, Banken wie die Credit Suisse anzuprangern und ein Ende der Öl-, Gas- und Kohlegeschäfte zu fordern. Aber dabei kommt man nicht um die Wachstumsfrage herum. Ein vollständig begrünter Finanzsektor in der heutigen Grösse bleibt eine Illusion.

Am ehrlichsten zeigt sich an der Berner Bankenkonferenz ausgerechnet Jörg Gasser, CEO der Bankiervereinigung, die heute Swiss Banking heisst. «Wie können wir das Zweigradziel erreichen und dabei alle mitnehmen?», fragt ihn Moderatorin Frei. Gassers Antwort: «Ich weiss es nicht.»

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