Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Tiefer, existenzieller Zweifel

Von Jens Uthoff

Man hätte es ahnen können, dass aus Meg Remy irgendwann einmal eine Soulpopqueen werden könnte. Bereits 2011 spielte die in Toronto lebende Musikerin ein Cover des Teeniepophits «The Boy Is Mine» von Brandy & Monica ein – den Herzschmerzrefrain trug sie zu pluckernden, dröhnenden Synthesizern vor. Seinerzeit war Remy, die sich als Solokünstlerin U. S. Girls nennt, noch im experimentellen Underground unterwegs, ihre Lo-Fi-Synthiestücke produzierte sie oft in den eigenen vier Wänden.

Heute veröffentlicht sie beim grossen britischen Indielabel 4AD, wo jetzt auch ihr siebtes Studioalbum, «Heavy Light», erscheint. Darauf ist die abgeschlossene Wandlung von U. S. Girls hin zum opulent arrangierten Soul und Pop zu hören. «Overtime» etwa, die erste Single, gäbe einen guten Frühjahrsradiohit ab, die Einflüsse in den zehn Stücken reichen von den Temptations über Diana Ross bis hin zu Madonna, auch Gospel spielt eine Rolle.

Diese frische Mixtur zeigt sich gleich eingangs in «4 American Dollars», in dem U. S. Girls die Diskussion um das Bargeld aufgreift und konstatiert, dass es dem Kapitalismus ziemlich egal ist, mit welchen Zahlungsmitteln er fortexistiert. Und der Erzählerin ist es erst recht egal: «I don’t believe in pennies and nickels and dimes and dollars and pesos and pounds and rupees and yen and rubles», singt sie in Endlosschleife.

Trotz des poppigeren Sounds klingt das nie zu gefällig oder zu glatt. Denn auch das Abgründige, das sie früher durchexerziert hat, schimmert noch durch. Persönliche Vergangenheitsbewältigung klingt etwa in den Sprachsamples zwischen den Stücken an («Advice to Teenage Self»). Auf dem Cover ist Meg Remy mit einem Kind am Strand abgebildet, die beiden wirken seltsam entrückt, im Stil irgendwo zwischen den alten Meistern und einem unheimlichen Tableau des Fotokünstlers Gregory Crewdson. Auch in den Songtexten zeigt sich ein tiefer, grundlegender Zweifel am Status quo, doch die Musik auf «Heavy Light» verspricht Linderung und Heilung – wie es guter Pop eben tut.

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