Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Wer tanzt sich frei?

Reggaeton und georgische Folklore: In zwei neuen Tanzfilmen sprengen die Figuren die soziale Ordnung – mit oder ohne Flammenwerfer, aber so oder so queer.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Selten erlebt man im Kino so autonome Frauenfiguren: Mariana Di Girolamo als Ema in Pa­blo Larraíns «Ema y Gastón». Still: trigon-film.org

Was für ein Bild! Nachts in den Strassen von Valparaíso, über einer leeren Kreuzung, hängt eine Ampel – sie steht in Flammen. Und wenn gleich in der ersten Einstellung eine Strassenampel brennt, ist das eine deutliche Ansage: In diesem Film muss man damit rechnen, dass die Verkehrsordnung sabotiert wird. Wobei damit nicht so sehr das Verhalten auf der Strasse gemeint ist, sondern vor allem der Verkehr zwischen den Menschen, im Bett und auch anderswo.

Die Frau, die hier so freizügig mit dem Flammenwerfer umgeht und die soziale Ordnung herausfordert, ist die Tänzerin Ema (Mariana Di Girolamo). In den Strassen tanzt sie mit ihrer Frauengang Reggaeton, aber die Hochkultur hat ihre widerständige Energie auch schon zu bändigen versucht. Überwältigend, dieses Bühnenbild: Da sehen wir Ema im Ensemble vor einer riesigen, irisierenden Kugel, die mal wie eine brennende Sonne pulsiert, mal wie eine gigantische Eizelle. Ema tanzt in der Truppe des Choreografen Gastón (Gael García Bernal), mit dem sie ein tumultuöses Leben teilt und auch ein gemeinsames Adoptivkind, bis vor kurzem jedenfalls. Weil offenbar beide von ihrer Rolle überfordert waren, haben sie den Sohn wieder zurückgegeben – und vor allem Ema kommt über diesen ungeheuerlichen Akt nicht hinweg.

Totales Konstrukt

Die wasserstoffblonden Haare nach hinten gekämmt, in ihrem Gesicht stets eine forsche Traurigkeit: Mariana Di Girolamo als Ema ist das Ereignis in dem durchaus elektrisierenden neuen Film des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín («Jackie»). Alles darin ist auf diese Borderlinerin zentriert, sie ist das heiss-kalte Gravitationsfeld, während Bernal in seiner Latzhose meist hilflos zuschaut. Seine Beförderung zur Titelfigur verdankt er auch bloss einer Ausnahmeregelung: Eigentlich heisst der Film «Ema», nur in der Schweiz läuft er unter dem Titel «Ema y Gastón» – der Verleiher will damit Verwechslungen mit der zeitgleich laufenden Jane-Austen-Verfilmung «Emma» vorbeugen.

Ema ist eine krasse Frauenfigur und so autonom, wie man das im Kino selten erlebt. Vor allem aber ist diese peroxidblonde Pyromanin ein totales Konstrukt, man könnte auch sagen: eine ausgemachte Männerfantasie. Der Plan nämlich, den Pablo Larraín und seine beiden Drehbuchautoren für ihre abgefahrene Antiheldin fabriziert haben, damit sie wieder mit ihrem verstossenen Adoptivkind zusammenfindet, ist ziemlich absurd – letztlich läuft er darauf hinaus, dass Ema dessen neue Pflegeeltern einzeln nach Strich und Faden verführt, auf dass sie mit den beiden jeweils den wilden Sex haben kann, den der frigide oder auch nur unfruchtbare Gastón ihr einfach nicht geben kann. Und immer dann, wenn die Regie nicht mehr weiterweiss im Plot, zückt Ema den Flammenwerfer oder tanzt Reggaeton mit ihrer Gang.

Kein Platz für Sex

Tanz dich frei? Dass das oft leichter gesagt ist als getan, erfährt der Protagonist im Film «And Then We Danced». Der junge Merab (Levan Gelbakhiani) trainiert seit seiner Kindheit fürs georgische Staatsballett, er träumt davon, ins grosse Ensemble aufgenommen zu werden. Aber der traditionelle Volkstanz, dem hier sklavisch gehuldigt wird, verspricht gerade keine Befreiung für den feinen Merab. Zu lasch sei er, zu weich, schimpft der bärtige Tanzlehrer, der sich wie ein Drillmeister gebärdet – ein Zuchtherr, der seinen Schützlingen so etwas wie einen Nationalcharakter einbläuen will. Er solle sich gefälligst stramm wie ein Nagel halten, herrscht er Merab an: «Im georgischen Tanz ist kein Platz für Sexualität.» Aber genau die kommt Merab in die Quere, als ihm der charismatische Neuling Irakli (Bachi Valishvili) in der Truppe den Kopf verdreht.

Der schwedische Regisseur Levan Akin («Real Humans») ist für seinen Film in die Heimat seiner Eltern zurückgekehrt. 2013 hat er in der Hauptstadt Tiflis miterlebt, wie der erste Versuch einer Gay Pride von einem Mob von Tausenden angegriffen wurde, mobilisiert von der orthodoxen Kirche. Vor diesem Hintergrund kann man erahnen, wie brisant das sein muss, wenn Akin seine Geschichte einer schwulen Ermächtigung ausgerechnet in einer Talentschmiede des georgischen Volkstanzes ansiedelt. Besonders explizit wird das in der Szene, als Merab und Irakli zum ersten Mal heimlich Sex haben: Da ducken sich die beiden draussen vor einem Landhaus nachts hinter einen kleinen Fels, und von der Laube hört man noch die Stimmen einer patriotischen Herrenrunde mit ihren altväterlichen Trinksprüchen.

Dem tänzerischen Milieu entsprechend, ist das sehr viel klassischer erzählt als «Ema». Und wo bei Pablo Larraín der Reggaeton und der Soundtrack von Nicolas Jaar vor allem für den lässigen Vibe sorgen, ist der Tanz bei Levan Akin viel intimer mit den Figuren und ihrem Begehren verwoben: So findet Merab im Ballett zwar seine Erfüllung, aber zugleich schnürt ihm der georgische Tanz mit dessen rigider Körperpolitik auch die Luft ab. Muss Merab also seine Liebe opfern, wenn er weiter tanzen will, oder umgekehrt? «And Then We Danced» findet ein mitreissendes Finale für dieses Dilemma – eine wie Ema dagegen würde sich gar nicht erst aufhalten mit solchen erzwungenen Entscheidungen.

«Ema y Gastón» ist wegen der Schliessung der Kinos auf dem Schweizer Streamingdienst filmingo.ch zu sehen. Der Kinostart von «And Then We Danced» ist vorerst verschoben.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch