Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Lock ’n’ down

Ruedi Widmer fischt die übrig gebliebenen Witze aus dem Regal

Von Ruedi Widmer

Die Witzgestelle in den Humortheken sind leer, weil man Witze zum Überleben braucht. Die HumoristInnen nennen das natürlich Meerschweinchenkauf, weil sie ja witzig sind. Irgendwann hat es keine Witze mehr, aber der Bundesrat garantiert: Die Witzversorgung ist gesichert, auch wenn einer nach dem anderen durch die sozialen Medien geschossen wird. Zum Beispiel ist es durchaus möglich, dass viele der folgenden Witze schon gemacht worden sind, was nicht so schlimm wäre, denn die Toilettenpapierrolle muss auch nicht für jede Rolle neu erfunden werden. Ich garantiere, dass ich sie selber angebaut habe, denn wir werden alle auf Selbstversorgung umstellen müssen, wenn der Bundesrat die Witzrationen pro Kopf beschränken muss, was ich noch für diese Woche erwarte.

Meine Buchempfehlungen für die langen Abende alleine:

Marcel Proust: «Auf der Suche nach der verlorenen Bar»; Virginia Woolf: «Ein Zimmer für sich allein»; Erich Kästner: «Das leere Klassenzimmer»; Sigmund Freud: «Das Unbehagen in der Stube»; Ernest Hemingway: «Der alte Mann und der Balkon»; Günter Grass: «Die Blechkonserventrommel»; Lewis Carroll: «Alice im Internet»; Sibylle Berg: «COV – Brainfuck»; Friedrich Dürrenmatt: «Der Besuch des jungen Virus»; Albert Camus: «Der Husten»; J. R. R. Tolkien: «Der Herr der Lunge»; Johann Wolfgang von Goethe: «Die Leiden des alten Menschen»; Alfred Döblin: «Berlin Charité»; Gottfried Keller: «Romeo und Julia auf dem Friedhof»; Max Frisch: «Totenstiller».

Die Welt ist in Ansteckungsketten gelegt. Diese können zumindest bei den Promis noch nachverfolgt werden, nachdem man sie bei den normalen Leuten irgendwann verloren hat: Die Durchseuchung der Eishockeymannschaften, der Schlagerszene oder der brasilianischen Junta wird im Liveticker lückenlos dokumentiert. Die Contact Tracer hingegen, die in der ersten Phase der Welle die Ansteckungsketten zurückverfolgt hatten, übten einen Beruf aus, der nur vier bis fünf Tage Bestand hatte und seither als kürzester Beruf der Welt gilt.

Einer der grossen Witzkünstler unserer Zeit, Stand-by-Comedian Donald Trump, fordert einen Impfstoff nur für AmerikanerInnen, damit diese wieder gesund sind, während alle anderen krank sind und in den Laken liegen. Er meint, seine superguten USA könnten dann der ganzen restlichen Welt davonfliegen, in der America-First-Class der grandiosen Boeing 737 Max.

Er tritt übrigens auch mit einer Dächlikappe mit «USA»-Aufschrift vor die Medien. Man stelle sich mal vor, Simonetta Sommaruga trüge ein Wanderhütchen, auf dem «Schweiz» steht. Sogar rechtsgerichtete Politiker wie Bundeskanzler Sebastian Kurz kann man sich nicht mit einem Käppi vorstellen, auf dem «Österreich» steht, oder Viktor Orban mit «Grossungarn». Nur bei Alexander Gauland ist ein Mützchen mit Dackelaufdruck und dem Wort «Nazideutschland» sofort denkbar.

Es scheint aber auch, dass das Virus nicht in rechte Gehirne eindringen kann, egal bei welchem: Matteo Salvini, Roger Köppel (twitterte: «Lockdown ist Blödsinn»), Boris Johnson (verseucht offenbar bewusst die ganze britische Bevölkerung [Abhärtung]), Trump («Test negativ»), Hitler, Bolsonaro («Test negativ») und wie sie alle heissen. Vielleicht müssten wir deren Blut trinken, damit wir immun werden.

Die VerharmloserInnen («normale Grippe») übrigens, mittlerweile eine kleine, aber laute Gegenöffentlichkeit in den sozialen Medien (Impfgegner, Geistheilerinnen, Radikalkatholiken, Verschwörungsfritzen, Easys), meinen immer noch, wir seien von finsteren Mächten eingesperrt worden. Merkt euch: Die Coronakrise ist die grösste Krise der Welt, vergleichbar mit der Fussball-WM!

Ruedi Widmer verfasste diesen Text am Montag, 16. März 2020.

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