Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Scharfer Blick auf die Achtziger

Was macht Pornografie mit den Frauen? Die Milieuserie «The Deuce» findet in ihrer letzten Staffel zwar keine definitiven Antworten, präsentiert aber eine sehr sehenswerte Gemengelage aus Widersprüchen.

Von Daniela Janser

Alle könnten doch ficken und sich verkaufen, wie sie wollten: Eileen (Maggie Gyllenhaal) attackiert in «The Deuce» die Radikalfeministin Andrea Dworkin frontal. Still: Paul Schiraldi, HBO

«Jede Verletzung eines weiblichen Körpers kann für Männer ein Sexualakt sein: Das ist die essentielle Wahrheit der Pornographie.» Andrea Dworkin schrieb dies 1981. In ihrem Buch «PorNographie. Männer beherrschen Frauen» entwickelte die 2005 verstorbene US-Soziologin und selbsterklärte «Radikalfeministin» ihre harte und einseitige These von der Pornowelt als reinem Männermachtsystem später weiter. Unter anderem, indem sie daran erinnerte, dass das aus dem Griechischen abgeleitete Kunstwort «Pornografie» «plastische Darstellung von Frauen als schändliche Huren» bedeutet.

Der Serienveteran David Simon («The Wire») verschafft Dworkin in der dritten und letzten Staffel von «The Deuce» nun einen folgenreichen kleinen Auftritt. Die Serie handelt von einem Strassenzug am New Yorker Times Square, wo das Geschäft mit dem Sex floriert: Strassenstrich, Salons, Peepshows, Pornofilmsets. Die ersten beiden Staffeln spielten noch in den siebziger Jahren, es ging um die Verschränkungen von Sexgewerbe, Politik, Polizei und Discokultur; um Geld, Gewalt und Frauenverachtung, aber auch Emanzipation. Simon zeigte wie immer alle Seiten der Geschichte, mit einem klar feministischen Blick, ohne zu moralisieren.

Wessen Geschlechtsteile?

Die neue und abschliessende Staffel blendet ins Jahr 1984. Viele sterben an einer rätselhaften Krankheit, die von den Behörden als «Schwulenpest» kleingeredet und deshalb nur halbherzig bekämpft wird. Vor dem Club, wo nachts alle zum Trinken und Tanzen zusammenkommen, versammeln sich auch die «Women Against Porn» täglich zur Demo und schwenken Pappschilder mit Slogans wie «Missbrauch der Frauen, Profit der Männer». Das Sexgewerbe tut sein Bestes, sie zu ignorieren. Das ändert sich, als die Exprostituierte Eileen (Maggie Gyllenhaal), die nun als Pornodrehbuchautorin und -regisseurin arbeitet, zu einer Sitzung der «Women Against Porn» eingeladen wird. Dort trifft sie auf Dworkin. Eileen zeigt ihren, wie sie findet, progressiven Porno «Red Hot», eine Art Rotkäppchenparodie, und argumentiert, alle könnten doch ficken und sich verkaufen, wie sie wollten. Dworkin attackiert Eileen frontal: Du gehörst zur verschwindend kleinen Elite, die klug und stark genug ist, um sich zu behaupten, neun von zehn Frauen haben dieses Privileg nicht und werden einfach zermalmt. Nach einer hitzigen Diskussion stürmen beide wütend davon.

David Simon geht es nie darum, Dworkin oder Eileen einfach recht zu geben. Vielmehr setzt er mit Dworkins Extremposition einen spannungsreichen dialektischen Prozess in Gang. «The Deuce» lotet die Wahrheiten beider Positionen erzählerisch aus, ohne ihre Widersprüche aufzulösen. Eine Gegenfigur zur nachdenklich gewordenen Eileen ist etwa auch die jüngere Sexarbeiterin Lori (Emily Meade), ein umschwärmter Pornofilmstar. Sie kriegt zu spüren, dass die Schauspielerinnen bei gleichbleibendem Lohn immer krassere Sachen machen müssen. Auf einer Autogrammtour zur Aufbesserung ihrer mageren Einkünfte kommen ihr ihre irrlichternden Fans bedrohlich nahe, was akute Angstzustände bei ihr auslöst.

Überhaupt wird unser Blick immer auch auf die Pornogucker und Freier gelenkt: also weg vom voyeuristischen pornografischen Theater auf diejenigen, die den gebotenen Sex konsumieren. In akademischen Seminaren wird ja gern darüber debattiert, Pornografie sei deshalb ein faszinierendes Genre, weil der Sex – im Gegensatz zur Fiktion der Spielfilme – echt sei. «The Deuce» kontert solche Theorien mit einer viel interessanteren Einsicht: Der einzige echte Sex findet im Porno bei den KonsumentInnen statt. Pornografie ist grobe Mechanik der Geschlechtsteile und mehr oder weniger gekonnte Verstellung, wie Eileen anmerkt. Unverstellt – aber in der Regel vornehm ausgeblendet – ist einzig die Erregung der ZuschauerInnen.

Zugleich kommen manche dieser KonsumentInnen dank handlicherer und günstigerer Kameras bereits Mitte der achtziger Jahre auf Ideen. Ihre hausgemachten Filmchen machen den ProfipornografInnen Konkurrenz, der neue Geschäftszweig bedroht den alten. Und wir Heutigen sehen am Horizont dieser Entwicklung unvermeidlich Youporn und Konsorten heraufziehen. Diese Amateurisierung bedeutet für die Frauen erneut alles Mögliche: mehr Gleichberechtigung und auch Lust, gleichzeitig aber eine Verfolgung und Kommerzialisierung der Sexualität bis ins eigene Schlafzimmer hinein.

Kein gutes Ende

Die Frage, ob Pornografie nicht einfach als freie Rede zu gelten habe, wird in «The Deuce» ebenfalls aufgeworfen. Auch hier widerspricht Dworkin. Für sie geht es um etwas radikal anderes, nämlich um eine Verletzung der Grundrechte der Frau. Eine inhaltliche Nähe zu den rechten Sittenwächtern der Reagan-Regierung und deren Krieg gegen die Pornografie wies Dworkin von sich: Sie verstand ihr Engagement immer als radikal links.

Mit dem geschärften Blick von heute dreht Simon seine dialektische Befragung der Vergangenheit immer weiter. Schade ist einzig, dass der leise nostalgische Grundton in den letzten Minuten dieser Staffel anschwillt und in ein rührseliges Finale mündet. Kein gutes Ende für die ausgezeichnete Serie.

Die beiden ersten Staffeln von «The Deuce» gibts auf DVD, die dritte bei Sky.

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