Nr. 13/2020 vom 26.03.2020

Ein Land an der Kreuzung

Mit Geldverdienen kennt man sich aus in Luxemburg. Doch nun macht das kleine Land mit progressiven Vorzeigeprojekten von sich reden. Cannabis legal und Gratisverkehr – was ist los im Grossherzogtum?

Von Tobias Müller (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Hoch über dem verwunschenen alten Viertel Pfaffenthal hat man der eigenen Ambition ein Denkmal gesetzt. Steil ragen die leuchtend roten Pfeiler der Grossherzogin-Charlotte-Brücke aus der Schlucht auf, die sich durch die Stadt zieht. In der Mitte ist unterhalb der Fahrbahn eine Tafel befestigt: «Luxembourg – Let’s make it happen». Der Slogan gehört zu einer internationalen Imagekampagne. Selbstgewählte Kennzeichen: «Offenheit. Dynamik. Zuverlässigkeit.»

Geschehen lassen haben sie hier in den letzten Jahren tatsächlich allerhand; davon zeugen die Glasfassaden, die sich oben im sich rasant entwickelnden Business- und Verwaltungsquartier Kirchberg erheben. Zwischen ihnen zirkuliert seit 2017 ein in bunten Farben leuchtendes Tram. Es ist eines der Mittel, mit denen man dem sprichwörtlich gewordenen Verkehrsproblem den Kampf angesagt hat – und dem täglichen Druck von mehr als 200 000 PendlerInnen aus Frankreich, Belgien und Deutschland. Die meisten davon arbeiten im Finanz- und Versicherungssektor der «Stadt», wie man in Luxemburg die Kapitale nennt.

In letzter Zeit tönt es besonders laut aus dem innovationsfreudigen Grossherzogtum: Seit bei den Parlamentswahlen 2018 die Koalition aus Liberalen, SozialdemokratInnen und Grünen bestätigt wurde, macht sie mit spektakulären Plänen von sich reden – so sind ab März Busse, Trams und Züge der zweiten Klasse gratis. Eine globale Premiere, weshalb auch das politische Branding zu grosser Form aufläuft und den Gratisverkehr mit der Mondlandung vergleicht.

Die ersten Schritte auf dem Mond vollziehen sich am Samstagmorgen, 29. Februar, im schläfrigen Sonnenlicht. An einem Nebengleis der «gare», so heisst das auf Lëtzebuergesch, raucht Aline Gaillot eine Zigarette, bevor sie den Zug in Richtung deutsche Grenze abfahren lässt. Seit diesem Tag verläuft ihre Arbeit viel ruhiger, denn ausser in der ersten Klasse muss Aline Gaillot keine Tickets mehr kontrollieren. Was sie schade findet. «Ich habe das gerne gemacht! Ich mag Kontakt mit den Leuten.»

Das Verkehrsministerium, geleitet vom Grünen François Bausch, präsentiert sein steuerfinanziertes Projekt als soziales und ökologisches Vorbild. «Menschen bewegen statt Fahrzeuge», so nennt Bausch das gerne. Die Rechnung ist einfach: Steigt ein Grossteil der AutofahrerInnen auf Bus und Bahn um, rückt man damit den Staus zu Leibe, mit denen ein Luxemburger Arbeitstag beginnt und endet, und schont die Umwelt. Auch bisher liessen sich die pittoresken Hügel, Wälder und Städte Luxemburgs schon für vier Euro erkunden, flächendeckend und den ganzen Tag lang, im Bus und per Bahn.

Die ZugpendlerInnen freut der Gratisverkehr. Doch die meisten derer, die das Auto nehmen, wollen das aus praktischen Gründen auch weiter tun. Die Eisenbahngewerkschaft Syprolux warnt gar, der öffentliche Verkehr sei schon überlastet. So manche der nun überflüssigen SchalterbeamtInnen wissen noch nicht, wie ihre Arbeit künftig aussehen wird. Es heisst, sie sollten mit Tablets ausgestattet am Perron Informationen geben. Entlassungen jedenfalls sind nicht vorgesehen.

Aline Gaillot sorgt sich nicht darum. Ihren Beruf werde es weiterhin geben, beteuert sie. «Wenn es ein technisches Problem gibt, müssen wir das kommunizieren. Sie brauchen uns noch.» Der Zug hält in einem Dorf namens Wecker, wo ihre Aussage sogleich unterstrichen wird. «Ich muss pfeifen, sonst fahren wir nicht weiter», entschuldigt sie sich. «Es wird alles neu. Ich lasse mich überraschen.»

Im Städtchen Wasserbillig endet die Fahrt – und die Ruhe des Vorfrühlingstags. Konstantes Motorendröhnen hängt über dem Ort an der Mosel, auf dessen Hauptstrasse das grenznahe Deutschland sein wertvollstes Hab und Gut ausführt. Trier und das umliegende Rheinland-Pfalz sind am stärksten vertreten, doch auch Kennzeichen aus Nordrhein-Westfalen gibt es viele. Luxemburg, das neue Vorbild nachhaltiger Mobilität, erscheint hier in etwas anderem Licht: Was in Wasserbillig in Wirklichkeit äusserst erschwinglich ist, sind Benzin und Diesel.

Also setzt sich aus Deutschland jedes Wochenende eine Pkw-Prozession zu diesem Tankstellenarchipel an der Mosel in Bewegung. Vertreten sind Shell, Total, Aral, Gulf, Q8, Esso, Luxoil, das sogar eine Einweiserin hat, und natürlich das lokale Paradepferd Wolter, das gleich dreimal vertreten ist. Dazwischen liegt noch «Luxis Waschsalon». Wasserbillig ist ein Wellnesspark für Autos und ihre FahrerInnen. Hoch über der grotesken Szenerie thront ein Weinberg.

Carolin und Martin Pape aus Bonn mögen auch die Landschaft und sind eher Gelegenheitstanker, die ein paarmal im Jahr kommen. «1,32 Euro kostet der Liter bleifrei zu Hause, hier nur 1,19 Euro», rechnet Martin vor. «Und der Kaffee ist auch noch billig hier.» Carolins Familie stoppte schon, als sie noch klein war, auf dem Weg zu Verwandten an Luxemburger Zapfsäulen. «Seit den zehner Jahren ist es hier sehr voll geworden», fasst sie die Entwicklung zusammen. «Begonnen hat alles mit dem Zika-Grenzmarkt. Der verkauft heute nur noch Alkohol.»

Wasserbillig ist die Illusion einer Welt ohne Wirtschaftskrisen. Ein Ort, an dem man für das sauer verdiente Geld noch etwas bekommt, und zwar reichlich. In den Shops der Tankstellen geht es jedes Wochenende zu wie im Ausverkauf. «Dann haben wir 1500 bis 1800 Kunden täglich, an Feiertagen sogar mehr», sagt eine der Kassierinnen. Es gibt Kundenkarten, auf denen man pro getankten Liter einen Cent gutgeschrieben bekommt. «Bedienen Sie sich», steht an der Kaffeemaschine, wo KundInnen nichts zahlen. Zigaretten kommen in Stangen, Softdrinks palettenweise, Kaffeepads in Vorratssäcken und Alkohol in rauen Mengen. Wer diese Produktpalette mag, kann sich im Schlaraffenland wähnen. Die Kassierin drückt es so aus: «Wir versorgen alle Sprittis!»

Luxemburg, zeigt sich hier, hat Talent, aus steuerlichen Vergünstigungen ein Geschäftsmodell zu machen. Und noch ein Charakteristikum wird deutlich: Es ist ein Land der Gegensätze, provinziell und zugleich polyglott, denn praktisch alle sprechen mindestens drei Sprachen. Es ist agrarisch und ein internationales Finanzzentrum. Man sieht hier Jugendliche mit «Make money not friends»-Schriftzug auf der Jacke. Und wenn man nach dem Weg fragt, hilft in der Hauptstadt ein zuvorkommender Investmentbanker aus Baku, Aserbaidschan, gerne weiter.

Konträr sind auch die ProtagonistInnen der beiden letzten grossen Einwanderungswellen nach Luxemburg: Ab den sechziger Jahren kamen PortugiesInnen, um in den Fabriken im Südwesten und auf Baustellen zu arbeiten. Mit mehr als 95 000 Personen, etwa einem Sechstel der Luxemburger Bevölkerung, sind sie die weitaus grösste Gruppe an MigrantInnen. Noch immer haben sie den sozialökonomischen Status von «GastarbeiterInnen»: eher schlecht bezahlte Jobs und ein Umfeld mit ähnlichem Hintergrund. Demgegenüber stehen die heutigen Expats, die meist in der Finanzwirtschaft tätig und gut situiert sind.

Die Schornsteindichte zeigt, dass man sich dem früheren Erzrevier nähert. Eines seiner Zentren ist die Stadt Differdingen, wo der portugiesische Einfluss sofort ins Auge fällt. Super-Bock-Bier und Delta-Kaffee gibt es an jeder Ecke. Zahnärztinnen, Metzger und Fahrschulen tragen lusitanische Namen. Das Restaurant Centenaire wirbt mit «cuisine portugaise traditionelle» und serviert deftige Schlachtplatten samt Reis und Kohl. Das Taxiunternehmen heisst Grosso Camilo. Ziel der Fahrt: Lasauvage, ein Dorf mit weniger als 500 EinwohnerInnen im hintersten Winkel Luxemburgs.

Beim FC Minière Lasauvage besteht das gesamte Team aus portugiesischen Kickern. Der Klub steht abgeschlagen auf dem letzten Platz der vierten Liga. Die Stimmung verdirbt das ebenso wenig wie der stetige Regen. Also drängen sich alle BesucherInnen unter den Sonnenschirmen auf der Terrasse des Klubhauses, das fast schon malerisch in den steilen Hang gebaut ist. Der Platz liegt unten in einer Senke, dahinter ein brüchig aussehendes Viadukt und die Grenze zu Frankreich.

Auch gegen Sporting Bartringen aus der Hauptstadt liegt man schnell mit 0 : 3 hinten. Von Herzen angefeuert und geflucht wird auf der Tribüne trotzdem. Im Klubhaus steht Michel Ribeiro, der Präsident. Wie viele hier ist er in Luxemburg geboren, doch er sagt sogleich «portugiesisch», wenn man ihn fragt, als was er sich fühle. Sein Getränkehandel hat letztes Jahr geschlossen, nun orientiert er sich neu. Und wenn er fertig ist mit Arbeiten? «Portugal», sagt er ohne Zögern. Und grinst: «Noch siebzehn Jahre. Mit 57 kann man hier in Rente.»

In der Halbzeit taucht eine kleine, energische Frau am Zapfhahn auf, die vorher durch engagiertes Anfeuern auffiel. Das galt ihrem Sohn, «Alex, die Nummer 18». Selbst kickt Tania Andrade auch, und zwar in der höchsten Frauenliga des Landes. Mit dem benachbarten Progrès Niederkorn war sie schon Meisterin. Ihre Position: Innenverteidigung. Jedes der drei Trainings pro Woche wird mit fünf Euro bezahlt, dazu kommen dreissig Euro Siegprämie. Weshalb Tania hauptberuflich in einem Geschäft für Frauenmode arbeitet.

Auch sie, die als Kind nach Luxemburg kam, will eines Tages wieder in Portugal leben. «Die Leute sind wärmer, es geht mehr um Familie und Gemeinschaft.» Luxemburg, das finden die meisten hier, ist ein gutes Land zum Geldverdienen. Aber das richtige Leben, scheint es, spielt doch in Portugal. Da kümmert es auch nicht viel, ob sich das Grossherzogtum gerade neu erfindet. «Let’s make it happen», das bezieht man in Lasauvage eher auf den lusitanischen Alterssitz.

Für Niamh Shivnan sieht das Ganze genau umgekehrt aus. Als sie vor zwölf Jahren aus Dublin hierherkam, war sie 27. Ihr Bruder wohnte bereits in Luxemburg, und bei einem Besuch verliebte sie sich in einen englischen Freund von ihm. Heute haben die beiden vier Kinder. Shivnan arbeitet in einer US-amerikanischen Bank, oben auf dem Plateau in Kirchberg. Kurz nachdem sie Irland verliess, kam die Krise. «Ich zog genau zur richtigen Zeit hierher», sagt sie. «Selbst wenn ich zurückgehen wollte – es gäbe keine Jobs mehr!»

An einem Samstagabend ist Shivnan unterwegs quer durch die Oberstadt, um ein paar Freundinnen zum Dinner zu treffen. Sie trägt einen eleganten dunklen Mantel und erzählt im Gehen, wie sich die Hauptstadt verändert hat. «Früher war ‹The Tube› der lebendigste Laden hier», weist sie auf die bekannte Bar, die gerne von Expats besucht wird. «Heute gibt es wirklich eine Partyszene. Viel mehr englische, irische oder polnische Geschäfte. Luxemburg ist viel internationaler. Das ist auf eine Art gut, aber auch wieder nicht, weil es sein Luxemburgisches verliert. Und es ist viel teurer: In acht Jahren haben sich die Häuserpreise verdoppelt.»

Die Entwicklung spiegelt sich in ihrem eigenen Leben. Die Kinder lernen in Kita oder Schule Deutsch, Französisch und Lëtzebuergesch. Sie selbst hat mal einen Kurs gemacht, aber kennt niemanden, mit dem sie die Landessprache reden könnte. In den Klassen ihrer beiden älteren Kinder gibt es kein einziges Kind mit Luxemburger Eltern. Ihr Team in der Bank besteht aus zahlreichen PendlerInnen, von denen manche aus dem hundert Kilometer entfernten Saarbrücken kommen – oder von noch weiter weg.

Den frischen Wind progressiver Ideen, der durch Luxemburg zieht, legales Cannabis und Gratisverkehr, die Homoehe seit 2014, begrüsst sie. «Dieser liberale Wandel ist aber nicht allein in Luxemburg im Gang. Ich sehe ihn auch in Irland.» Niamh Shivnan und ihre Familie haben Luxemburg zu ihrem Zuhause gemacht. Und sie habe nicht die Absicht, es in absehbarer Zeit wieder zu verlassen, erklärt sie, ehe sie sich in ein Restaurant empfiehlt, in dem gut gekleidete Menschen Erfolg ausstrahlen.

Etwa zehn Gehminuten entfernt, in einer Passage in der Nähe des Bahnhofs, macht man sich eher Sorgen um den Wandel. Als das «Placebo» vor zwanzig Jahren seine Türen öffnete, war es der erste Hanfladen Luxemburgs. 2018 war er wesentlich an einer Petition zur Legalisierung von Cannabis beteiligt. Die nötigen 4500 Unterschriften hatte man innerhalb weniger Stunden beisammen. Das Thema kam ins Parlament, und die neue Regierung nahm sich der Sache an. Die Schlagzeilen gingen um die Welt: das kleine Luxemburg als erstes Land Europas, das Anbau, Verkauf und Konsum von Marihuana legalisiert.

Anderthalb Jahre später ist Christophe Koch gar nicht gut auf das Projekt zu sprechen. Der 25-jährige Mitarbeiter des «Placebo» empfängt im Keller der HanfpionierInnen und zieht eine skeptische Zwischenbilanz: «Politisch hat das nicht richtig geklappt. Man will den THC-Gehalt begrenzen, das zieht den Schwarzmarkt an. Ausserdem sollen die Lizenzen zum Anbau und Verkauf versteigert werden, aber wie das geschieht, ist unklar. Derzeit sieht es mehr nach einer Reglementierung als nach Legalisierung aus.»

Tatsächlich ist eines der progressiven Paradepferde der linksliberalen Regierung ins Stocken geraten. Eine Arbeitsgruppe beschäftigt sich nun mit den Details des Gesetzesentwurfs, auf den man im «Placebo» noch immer wartet. Unterdessen hat die Regierung auch noch die Mehrwertsteuer auf Cannabidiolprodukte (CBD) drastisch angehoben. Wenn man die nicht auf die KundInnen abwälzen will, bedeutet das deutliche Verluste für das «Placebo» – ein Geschäft, das sich, so Koch, immer auch als gesellschaftspolitisches Statement verstand. «An sich ist es nicht so erheblich, ob eine Legalisierung ein wenig früher oder später kommt. Nur: Jetzt sind wir gerade an einem Punkt, an dem die Dinge in Bewegung sind. Und wenn jetzt nichts passiert, dauert es in Luxemburg wieder zwanzig Jahre, bis sich jemand an das Thema rantraut.» Woran das liegt? Koch grübelt kurz. «Es hat mit diesem Wahlspruch zu tun: ‹Wir wollen bleiben, was wir sind›. So ist es mit der Legalisierung auch. Es scheint, als wollten sie wieder mal bleiben, was sie sind.»

Je länger man in diesem Grossherzogtum herumreist, desto vielschichtiger wird sein Bild. Allerlei Nuancen von Dynamik und Stillstand stehen sich gegenüber. Ein bisschen landeskundliche Analyse wäre gut zur Orientierung. Und wo sollte die in einer alten Agrarregion anders herkommen als aus einem Café namens «Bauerestuff» (Bauernstube)? Das knallgelb angestrichene Haus liegt beim Bahnhof von Ettelbrück, einer Kleinstadt im Norden Luxemburgs. Drinnen sitzt Serge Tonnar, einer der bekanntesten Musiker des Landes, vor einem Bier und knabbert Käsewürfel dazu.

«Dreissig Jahre lang war die Christlich Soziale Volkspartei mit Jean-Claude Juncker hier am Ruder. Der ganze Staat war quasi CSV. Das bedeutet: eher konservativ orientiert. Und so sind auch die meisten Luxemburger», beginnt er. «Jetzt gibt es zum zweiten Mal hintereinander eine Regierung ohne die CSV. Dadurch sind jetzt gesellschaftliche Veränderungen möglich, siehe Cannabis, Homoehe, Gratisverkehr. Andererseits gab es 2015 ein Referendum. Es ging um Wahlrecht für Ausländer, Wahlrecht ab sechzehn und die Begrenzung eines Ministeramts auf zehn Jahre am Stück. Dass es abgelehnt wurde, war ein Schlag ins Gesicht aller fortschrittlichen Kräfte.»

Zu diesen zählt fraglos auch Serge Tonnar. Mit seiner ehemaligen Band Legotrip etablierte er ein neues Genre, denn lëtzebuergesche Texte gab es bis dahin nur im Schlager. Und nun ist da dieser renitente Chansonnier in Hut, Hemd und Jackett, der kritische und zynische Lieder schreibt und gerne unterwegs ist, ein Manu Chao zwischen Erzbecken und Ardennen. Fällt sein Erfolg eigentlich mit dem neuen Kulturnationalismus im Land zusammen, mit dem konservative Kräfte die Volkssprache aufzuwerten versuchen? Serge Tonnar will damit nichts zu tun haben: «Nationalisten dient die Sprache als Schutz gegen Ausländer. Ich verwende Lëtzebuergesch eher als Brücke», betont er.

Dann ist es Zeit, aufzubrechen. Mit dem Zug werden Serge Tonnar und seine beiden Akkordeonspieler zurück in die Hauptstadt reisen – als Teil der Feierlichkeiten am ersten Tag des Gratisverkehrs. In ganz Luxemburg wird aus diesem Anlass musiziert, in Bussen, Bahnen und im Tram. Serge und seine Mitstreiter begrüssen schon am Bahnsteig die Wartenden mit einem saftigen «Moien!» und spielen sich ein. Im Zug bringen sie die PassagierInnen tatsächlich zum Mitsingen.

In Pfaffenthal, am neuen Bahnhof, verabschieden sie sich. Hoch über den Gleisen fällt wieder dieses «Let’s make it happen» ins Auge. Was sagte Serge Tonnar noch gleich, kurz bevor er in den Zug einstieg, auf die Frage, ob dieses Land an einer Kreuzung stehe? «Ich hoffe, wir sind schon hinter der Kreuzung!»

Luxemburg – eine Annäherung

«Mir wölle bleiwe, wat mir sin»

Mit knapp 2600 Quadratkilometern ist Luxemburg das zweitkleinste EU-Land. Von 628 000 EinwohnerInnen leben mehr als 122 000 in der gleichnamigen Hauptstadt. 47 Prozent der Bevölkerung sind AusländerInnen – der höchste Wert in Europa. Über 170 Nationalitäten sind vertreten. Das mit Abstand wichtigste Herkunftsland ist Portugal vor Frankreich, Italien, Belgien und Deutschland.

Seit 1815 ist Luxemburg ein Grossherzogtum, das zunächst vom niederländischen König regiert und 1867 unabhängig wurde. Die Geschichte Luxemburgs ist geprägt von der Lage zwischen den Grossmächten Frankreich und Preussen und ab 1830 dem neu gegründeten Belgien, die allesamt territoriale Ansprüche hatten. Aus dieser Zeit stammt das nationale Motto «Mir wölle bleiwe, wat mir sin» (Wir wollen bleiben, was wir sind). 1984 wurde Lëtzebuergesch neben Französisch und Deutsch dritte Amtssprache. In den letzten Jahren gibt es Bemühungen, dessen Position als Teil der kulturellen Identität zu stärken.

Die Wirtschaft des einstigen Agrarlands war ab dem 19. Jahrhundert von Schwerindustrie bestimmt, basierend auf den Erzvorkommen im Südwesten. Mit dem Strukturwandel nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Luxemburg ein immer bedeutenderer Finanzplatz und ein wichtiges Investmentzentrum. Spätestens die Veröffentlichung der Lux Leaks 2014 bescherte dem Land den Ruf als Eldorado gross angelegter Steuerhinterziehung. 2019 war Luxemburg vor der Schweiz das Land mit dem weltweit höchsten Bruttoinlandsprodukt pro Kopf.

Tobias Müller

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