Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Kämpfende Bleifrauen

Zeit zu Hause, Zeit für Brettspiele. Was Geschlechterrollen angeht, sind die meisten Spiele eine Katastrophe. Doch der Feminismus macht auch auf dem Spielbrett Boden gut.

Von Nicole Opitz

Auf Feld 32 wartet das Frauengefängnis – zurück auf «Los». Auf Feld 18 wartet der Richter – eine Runde aussetzen. Es funktioniert wie ein Leiterspiel, aber es ist ein politisches Dokument und eines der ersten feministischen Brettspiele: «Pank-a-Squith», 1909 von der Women’s Social and Political Union (WSPU) herausgegeben, die sich für das Frauenwahlrecht in Grossbritannien einsetzte.

Das Spiel, nach der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst und dem damaligen Premier Herbert Asquith benannt, veranschaulicht den Kampf der Suffragetten und die Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellten. Auf dem Spielbrett ist eine Art Schnecke aufgemalt. Die Spielfiguren, kleine Bleifrauen, werden von den SpielerInnen Feld für Feld in Richtung Mitte bewegt, doch auf einigen Feldern stehen weisse Männchen – Polizisten, Richter und Politiker –, die ernst gucken und die Bleifrauen zurückschicken. Gewonnen hat die Suffragette, die zuerst am Ziel ist: dem House of Parliament, dem Sitz des britischen Parlaments.

Wer sich heute in der Welt der Brettspiele umsieht, trifft aus feministischer Perspektive auf ein ernüchterndes Bild: Eine überwiegende Mehrheit der Spiele nimmt eine männliche Perspektive ein. Wird in einem Spiel Wissen abgefragt, wie etwa beim beliebten «Trivial Pursuit», sind die meisten Fragen auf Männer bezogen. Beim Schach ist die wertvollste Figur der König. Doch braucht es feministische Brettspiele?

Wiebke Waburg, die am Institut für Pädagogik der Universität Koblenz-Landau zu Spielen forscht, sagt: «Persönlich würde ich sagen, auf jeden Fall. In der Spielpädagogik würde man aber sagen: Nicht das Lernen sollte im Vordergrund stehen, sondern Spielspass und Interesse.» Waburg sieht die Herausforderung vor allem darin, Spiele so zu gestalten, dass sie auch von Leuten gespielt werden, die dem Thema Feminismus nicht zugeneigt sind. «Ein Spiel sollte so gestaltet sein, dass es zu Reflexion oder Irritation kommt.» Irritieren könne ein Spiel zum Beispiel, wenn nur weibliche Figuren zur Auswahl stehen.

Frauen gegen Seuchen

Viele dieser irritierenden Spiele gibt es nicht. Tim Bishop, der in der Berliner Ludothek Spielwiese arbeitet, ist den ganzen Tag von Spielen umgeben; doch fragt man ihn nach feministischen Brettspielen, fällt ihm kein einziges ein. «Ich bin nicht glücklich über diese Tradition», sagt Bishop, «doch ein Spiel wie ‹Pandemie› ist zumindest ein Anfang.» In diesem Strategiespiel, bei dem die SpielerInnen die Welt gemeinsam von Seuchen befreien müssen, stehen zumindest viele Frauen im Labor.

Um die Bewegung um das Frauenwahlrecht in Grossbritannien dreht sich auch das Brettspiel «Suffragetto». Im Gegensatz zu «Pank-a-Squith» ist es kein Glücks-, sondern ein Strategiespiel – eine Mischung aus Schach und Dame. Auf 289 Quadraten sind verschiedene Orte abgebildet, die für den Kampf ums Frauenwahlrecht wichtig waren – ein Krankenhaus, ein Gefängnis und die zentralen Felder: das Unterhaus und die Albert Hall. Statt weisse und schwarze Figuren wie im Schach stehen sich hier 21 grüne und blaue Figuren gegenüber: die Suffragetten und die Bobbys, die Polizisten. Ziel der Suffragetten ist es, das Unterhaus zu besetzen und ihre Basis, die Albert Hall, zu verteidigen; die Bobbys tun das Gegenteil. Gefangene Suffragetten und verprügelte Polizisten, Figuren, die zwischenzeitlich aus dem Spiel sind, können gegeneinander getauscht werden.

Ist sie Mathematikerin?

Heute sind feministische Spiele diverser geworden. Beim Spiel «Wer ist sie?» etwa wird nach Harriet Tubman gefragt, die gegen die Sklaverei kämpfte, oder nach Tennisprofi Serena Williams. Das Wissensspiel ist an «Wer ist es?» angelehnt, die Spielenden erraten durch Ausschlusskriterien die berühmte Person, die das Gegenüber gezogen hat. Während im Original zum Beispiel danach gefragt wird, ob eine Person braune Haare hat, fragen Spielende hier: «Hat deine Person einen Nobelpreis gewonnen?» oder «Ist sie Mathematikerin?».

Feministische Überarbeitungen des traditionellen Wissensspiels «Trivial Pursuit» sind beliebt. Beispiele sind «Feminismos Reunidos» des Madrider Kollektivs Sangre Fucsia mit 2000 feministischen Fragen oder das von diesem inspirierte «Feminist Pursuits» des gleichnamigen Berliner Kollektivs, bei dem die Spielenden etwa wissen müssen, wer die Selbstbezeichnung «afrodeutsch» geprägt oder wer das erste Computerprogramm der Welt geschrieben hat. Um neue Fragen zu testen, veranstaltet das Feminist-Pursuits-Kollektiv auch Pub-Quiz. Dort gebe es dann Feedback, ob die Fragen etwa zu schwer oder zu eurozentristisch seien, sagt eine Aktivistin des Kollektivs. «Wir suchen noch die Balance.»

«Suffragetto» auf thegamecrafter.com (oder gratis Druckvorlagen für Brett, Figuren und Anleitung unter playsuffragetto.com). «Pandemie» auf bol.de. «Wer ist sie?» auf playeress.com. «Feminist Pursuits» ist noch in Entwicklung.

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