Nr. 14/2020 vom 02.04.2020

Ein Notstand auch fürs Klima?

Über fahrende Waffen und die neue Weite der Welt: Die Parallelen von Klima- und Coronakrise – und die fundamentalen Unterschiede.

Von Bettina Dyttrich

Die grosse Freundlichkeit ist ausgebrochen. Menschen, die sich kaum kennen, erzählen sich in der Schlange vor dem Lebensmittelladen ihre Sorgen. Zwei Velofahrerinnen suchen vor der Post Schutz vor einem Wolkenbruch und grinsen sich – mit genug Abstand – freundlich zu. Da rast ein SUV auf den Parkplatz. Sein Inhaber steigt hektisch aus und rennt zur Post, ohne den Rest der Welt überhaupt wahrzunehmen. Nicht nur ein Ökoklischee: Das Fortbewegungsmittel bestimmt das Bewusstsein.

Natürlich gilt das nicht für alle. Manche sind auch am Ausrasten, weil ihr Job bedroht ist, sie in zu engen Wohnungen festsitzen und Angst haben. Für jedes Beispiel gibt es in diesen Tagen ein Gegenbeispiel. Und oft wirkt alles wie eine grosse Übung für den noch schlimmeren, den «richtigen» Ernstfall. Denn die Diskussion läuft ja seit Monaten, nicht nur in der Klimabewegung: Wie bereitet man sich auf die Zeit vor, wenn die Überflussgesellschaft zerbröckelt? Französische Intellektuelle haben sogar eine neue Wissenschaft ausgerufen, die «collapsologie». Es gibt auf diese Frage zwei entgegengesetzte Antworten. Die eine ist der Prepper, seltener die Prepperin: Ich und meine Familie gegen den Rest der Welt, Notvorrat im Keller und Sturmgewehr vor dem Biogarten. Die andere Antwort heisst Solidarität. Beide Tendenzen zeigen sich in Coronatagen deutlicher, zum Glück ohne Sturmgewehr. Aber ein SUV ist auch eine Waffe.

Der Coronanotstand beweise, dass ein ebenso entschiedenes Handeln auch beim Klima möglich wäre, sagen jetzt viele. Der Vergleich ist naheliegend. Aber ist er auch plausibel? Parallelen gibt es viele: Beide, Corona und Klimaerhitzung, stellen für die Armen eine um ein Vielfaches tödlichere Bedrohung dar als für jene, die sich Privatspitäler leisten und energieautarke Häuser in einer kühlen Gegend bauen können. Corona- wie Klimanotstand lassen sich nur mit kluger internationaler Koordination angehen. Ausserdem zeigen beide, dass man mit dem Wirtschaft-über-alles-Paradigma nicht weit kommt – und dass lebenswichtige Güter und Dienstleistungen wie Nahrung und Gesundheitsversorgung nicht dem «freien Markt» überlassen werden sollten.

Doch damit hören die Gemeinsamkeiten auch auf. Das Klima erhitzt sich zwar beängstigend schnell, aber verglichen mit einer Pandemie ist das immer noch Zeitlupe. Das macht eine Notstandspolitik ungleich schwieriger. Und vor allem: Es geht beim Klima nicht um einen befristeten Lockdown, sondern um strukturelle Veränderungen, die bleiben müssen. Das Klima lässt sich nicht mit Einschränkungen der Grundrechte retten, sondern mit einer Beschränkung der Profite. Die Coronakrise wird Produktionsstrukturen umwälzen und einige – wie Amazon, wieder einmal – noch reicher machen. Konsequente Klimagerechtigkeitspolitik müsste hingegen genau diese extreme Ungleichheit beenden. Darum ist sie so schwierig. Gleichzeitig wissen wir über das Klima mehr als über das Virus. Auch ziemlich genau, was nötig wäre: null Öl, null Gas, null Kohle.

Die Selbstverständlichkeit ist weg. Schnell nach London fliegen geht nicht mehr. Der Flugstreik, den die Klimabewegung für 2020 ausgerufen hat – «Fliegen ist so 20. Jahrhundert!» – findet gerade statt, viel radikaler als erhofft. Der Radius ist eingeschränkt, aber gerade deshalb fühlt sich die Welt manchmal unendlich weit an. Und im Radius werden plötzlich Dinge, Farben, Vögel sichtbar, an denen wir bisher achtlos vorbeigerannt sind. Nachts fahren fast keine Autos mehr. «Wenn sich die Praxis ändert, ändert sich auch das Kulturmodell», sagt der deutsche Soziologe und Klimaaktivist Harald Welzer. Viele merken gerade: Was sie wirklich am Leben hält, neben nahrhaftem Essen und einem guten Gesundheitssystem, sind Beziehungen. Darum geht es in diesen Tagen: die Augen offen halten und lernen. Und die Grundrechte nicht vergessen.

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