Nr. 12/2017 vom 23.03.2017

Die Zukunft wird heiss, prekär und gefährlich

Gemüse anbauen, Kohlegruben besetzen und internationale Klimapolitik – alle Ebenen sind wichtig. Doch die entscheidendsten Fragen gehen weit über Umweltpolitik hinaus.

Von Bettina Dyttrich

Illustration: Marcel Bamert

Wäre die Welt ein Hollywoodfilm, käme jetzt der Untergang, der Weltenbrand, die Flutwelle. Dramatisch, aber einfach: Man muss nicht mehr überlegen, wie es weitergeht. Die westliche Kultur ist besessen von apokalyptischen Szenarien, aber mit der langsamen Katastrophe aus vielen kleinen Zerstörungen, in der wir gerade stecken, kann sie nicht umgehen. Weil der Weltuntergang nicht kommt, bleibt die dringende Frage, was kluges Handeln sein könnte.

Der Neoliberalismus wankt. Schon jetzt kann man seinen positiven Seiten nachtrauern. Der Ideologie, die besagte: Deine Herkunft, dein Geschlecht, deine Hautfarbe, Religion, sexuelle Orientierung – das ist alles egal. Nur deine (Wirtschafts-)Leistung zählt. Das klingt schon fast wieder utopisch – heute, wo in so vielen Ländern PolitikerInnen, Parteien und Bewegungen auf dem Vormarsch sind, die Menschen wegen diesen Aspekten erniedrigen, mit Gesetzen benachteiligen oder gleich gegen sie in den Krieg ziehen wollen.

Was mit dem Neoliberalismus bröckelt, ist der Traum vom grenzenlosen Wachstum, von unbegrenzten Ressourcen. Wie der Ökologiebewegung ist auch den neuen Rechten bewusst, dass der Reichtum der Welt begrenzt ist. Doch ihre Konsequenzen sind andere: Sie versuchen, sich einen möglichst grossen Teil dieses Reichtums zu sichern – für ihre Klientel, ihr «Volk». Auch wenn sie es wohl so dilettantisch anstellen werden, dass das Gegenteil herauskommt. Im Blickwinkel der Ökologie ist Donald Trumps Wahl nicht nur eine Abkehr von der gut gemeinten, aber zahnlosen Umweltpolitik seines Vorgängers. Sie symbolisiert vor allem eins: Der offene Kampf um Ressourcen hat begonnen.

Letzten Herbst überstieg die Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre 400 Millionstel (parts per million). Das hat es in der ganzen Menschheitsgeschichte noch nie gegeben. Die Zeit, in der es noch möglich ist, die globale Erwärmung auf ein erträgliches Mass zu begrenzen, wird jedes Jahr knapper, die Aufrufe dazu immer utopischer. Auch wenn sich an der Klimakonferenz von Paris 2015 fast alle einig waren: Es gibt keine Instanz, die «das Ruder herumreissen» könnte. Die ganze Welt ist in einem Wirtschaftssystem gefangen, aus dem kein Land auszusteigen wagt, weil die kurzfristigen Folgen unvorhersehbar wären. Aber weitermachen wie bisher wird auch immer schwieriger. Das alte Rezept der Nachkriegszeit – Konsum dämpft Ungleichheit – funktioniert nicht mehr.

Mit der Waffe Kartoffeln verteidigen?

In den USA, wo das gesellschaftliche Klima schon lange rauer ist als in den westeuropäischen Wohlfahrtsstaaten, gibt es sie seit Jahren: die «preppers» (von «be prepared», sei bereit), die sich auf den Notstand vorbereiten, den sie in Kürze erwarten. Dazu tun sie vieles, was auf den ersten Blick nach Hippiekommune aussieht: Sie kaufen Land, bauen energieautarke Häuser und pflanzen Biogemüse. Aber da ist nichts mit Hippieidealen: Sie sind bereit, ihre kleine Autarkie mit der Waffe zu verteidigen. Auch in der deutschsprachigen VerschwörungstheoretikerInnenszene steht Autarkie hoch im Kurs; der rechte Kopp-Verlag hat eine Abteilung «Selbstversorgung & Überleben». Dort gibt es etwa das Buch «Was Oma und Opa noch wussten» des nach rechts abgedrifteten, kürzlich verstorbenen Publizisten Udo Ulfkotte zu kaufen – und die Outdoorausrüstung gleich dazu.

Individueller und nationaler Egoismus, Abschottung gegen die Armen – das sind rechte Antworten auf den ökologischen Notstand. Linke Antworten müssen von globaler Gerechtigkeit ausgehen: Jeder Bewohnerin, jedem Bewohner der Erde stehen gleich viele Güter und Dienstleistungen zu. Genug, dass ein gutes Leben möglich ist, aber nicht so viel, dass der Planet kollabiert. Dieses Ziel fordert jene Linken heraus, die immer noch auf die Konsumgesellschaft setzen. Auch wenn es unerreichbar ist, bleibt es ein wichtiger Kompass.

In den letzten Jahren sind in vielen Ländern Bewegungen entstanden, die versuchen, die globalen Herausforderungen lokal anzugehen: Urban Gardening, Energiegenossenschaften, Clusterwohnen, solidarische Landwirtschaft, Gruppen, die Defektes reparieren oder ökologische Alltagsgegenstände designen, die Transition-Town-Bewegung. Letztere wurde vom südenglischen Aktivisten Rob Hopkins initiiert und will den notwendigen ökologischen Wandel auf Gemeindeebene anstossen und gleichzeitig die Menschen zusammenbringen.

Diese Bewegungen haben Schwächen. Oft erreichen sie nur den weissen Mittelstand. Sie unterschätzen die Schattenseiten der erneuerbaren Energie – Wer stellt die Solarpanels zu welchen Bedingungen her, aus welchem Bürgerkriegsland kommen die dazu notwendigen Seltenen Erden? – oder überschätzen das Potenzial von Regionalwährungen, die das lokale Wirtschaften fördern sollen, weil sie nur in einem begrenzten Raum verwendbar sind. Trotzdem sind diese Bewegungen wichtig. Nicht nur weil sie Strukturen schaffen, die auch noch funktionieren könnten, wenn das Erdöl knapp wird. Sie sind auch eine wichtige Strategie gegen Zynismus, Angst und Vereinzelung. Besonders die Transition-Town-Bewegung versucht aktiv, eine neue «grosse Erzählung» zu schaffen, die ein besseres Leben mit viel tieferem Ressourcenverbrauch denkbar macht. Dabei hilft die Kraft des Konkreten: In der Erde zu wühlen, Most zu pressen oder ein Lastenvelo zu bauen, kann in einem immer virtuelleren Alltag heilsam sein. Wer zumindest einige lebenswichtige Güter selbst organisieren, anbauen oder zusammenbasteln kann, fühlt sich weniger ohnmächtig.

Einiges an solchen Projekten mag an die «preppers» erinnern, doch die entscheidenden Unterschiede sind Offenheit und Solidarität: Statt dass man mit dem Gewehr vor dem Acker steht, wird die Ernte geteilt. Und nichts spricht dagegen, nach der Lebensmittelversorgung auch das Wohnen und möglichst viele Güter und Dienstleistungen genossenschaftlich zu organisieren. Einen wichtigen Anstoss gibt die deutsche Feministin Gabriele Winker mit ihrer Idee der «Care-Revolution»: Sie ist überzeugt, dass Kämpfe um gute Pflege, Betreuung und Erziehung der Anfang einer Transformation aller Lebensbereiche sein können. Ziel ist wie bei der Transition-Bewegung eine Gesellschaft, in der das gute Leben nicht vom Konsum abhängt.

Auf allen Ebenen ansetzen

Natürlich genügt das alles nicht, solange die kapitalistische Zerstörung ungebremst weiterläuft. Es ist wichtig, auf allen Ebenen gleichzeitig anzusetzen. Etwa wenn es darum geht, dass fossile Energieträger im Boden bleiben: Kampagnen gegen Banken und Pensionskassen, die in diesen Sektor investieren, gehören genauso dazu wie Besetzungen von Kohlegruben oder Pipelines und Versuche, auf nationaler und internationaler Ebene eine wirksame Klimaschutzpolitik zu etablieren. Aber manchmal ist der Ruf nach «der Politik» auch eine Ausrede, weil man selbst nicht handeln will. Zum Beispiel, wenn es ums Fliegen geht. Jede Regierung, die das Klimaabkommen von Paris ernst nimmt, müsste Freizeit- und Ferienflüge ganz einfach verbieten. Würden alle Menschen so viel fliegen wie die SchweizerInnen, wäre das Klima schon lange kollabiert. Der Billigflug übers Wochenende ist eine Beleidigung für die Armen in Bangladesch, die das steigende Meer bedroht, und für die KleinbäuerInnen aller Kontinente, die mit dem immer unberechenbareren Wetter zu kämpfen haben.

Die wichtigsten Fragen der nächsten Jahrzehnte gehen weit über «Umweltpolitik» im engeren Sinn hinaus. Ökologische und soziale Fragen lassen sich schon lange nicht mehr trennen. «Reine» Umweltprobleme gibt es heute weniger denn je. Die Zukunft wird heiss, prekär und gefährlich. Entscheidend wird sein, dass genug Leute jenen entschlossen entgegentreten, die einem Teil der Menschheit ihre Rechte absprechen wollen. Nicht nur in der Asylpolitik hat dieser Kampf längst begonnen.

… die Industrie hüten

Der helvetische Buchhaltertrick

Die Schweiz scheint umweltfreundlicher zu werden: «Zwischen 1995 und 2014 fand eine Entkopplung zwischen Wirtschaftswachstum und Treibhausgasemissionen statt, da die Wirtschaft schneller wuchs, als die Emissionen zugenommen haben», konstatiert das Bundesamt für Statistik.

Doch schaut man genau hin, stimmt das nicht für den Sekundärsektor, also für das produzierende Gewerbe. Sauberer wird das Land, weil es in den letzten Jahren zur Dienstleistungsgesellschaft umgebaut wurde. Die Dienstleistungsgesellschaft produziert keine Güter, aber sie konsumiert sie reichlich. Der Dreck, der bei der Produktion und dem Transport dieser Güter anfällt, wird nur nicht auf dem Schweizer Umweltkonto verbucht. Die gelobte Entkoppelung von «Wachstum und Treibhausgasemissionen» ist ein Buchhaltertrick – eine Auslagerung der Umweltschuld.

Die Schweiz sollte, um die Trickserei nicht weiter zu verschärfen, ihre produzierende Industrie hüten. Ein gutes Beispiel ist Stahl Gerlafingen (siehe WOZ Nr. 19/2016). Die Fabrik macht Lärm und gibt mehr Zink an die Umgebung ab, als eigentlich erlaubt ist. Doch das Werk symbolisiert grüne Industrie. Es recycelt Altmetall, die langen Transportwege fallen weg, und die strengen Gesetze helfen, mit modernster Technologie zu arbeiten. Saubererer und fairerer Stahl ist vermutlich nirgends zu kaufen.

Die Industrie in der Nähe zu behalten, zwingt einen dazu, sich mit den Emissionen und Risiken auseinanderzusetzen, die jede Güterproduktion mit sich bringt. Das gilt auch für sogenannte grüne Produkte. Denn es ist paradox, die Schweizer Dächer mit günstigen Solarpanels vollzupacken, die Tausende von Kilometern entfernt von schlecht bezahlten ArbeiterInnen mit AKW- oder Kohlestrom produziert wurden.

Susan Boos

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