Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Müller im Kaninchenbau

Als Snowboarder ist Nicolas Müller einzigartig. Als Verschwörungsfanatiker ist er einer von vielen. Was ihn dazu brachte, seine Karriere wegzuwerfen.

Von Renato BeckMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Profisnowboarder folgt seinem Instinkt: Nicolas Müller in seinem Garten in Laax.

Es ist Frühjahr 2020 und auf dem Tisch von Nicolas Müller liegt eine Steuerrechnung. Er wird ein bisschen wütend. Der Skilift geht nicht, aber die Steuern müssen bezahlt werden. Müller nimmt sein Smartphone, öffnet Snapchat, öffnet Instagram. Er schreibt ein paar Sätze, die ihn fast alles kosten werden, was er sich die letzten zwanzig Jahre aufgebaut hat.

Nicolas Müller ist Snowboarder. In der Szene wurde er über Jahre als Ikone verehrt. Um 2010 herum war er einer der besten Fahrer der Welt, der beste Stilist sicherlich. Er fuhr ohne Schwere, sprang so, als würde die Gravitation für ihn nicht gelten. Dafür erhielt er viel Geld von Sponsoren. Zwischenzeitlich verdiente der Snowboarder Müller mehr als der Skifahrer Didier Cuche. Jetzt verdient er gar nichts mehr.

Auf Snapchat äusserte er sich zur Black-Lives-Matter-Bewegung (BLM) in den USA. Schrieb, es würde sich dabei um eine Inszenierung handeln, dass die Tötung George Floyds vorgetäuscht sei und dass hinter all dem der Milliardär und jüdische Philanthrop George Soros stecken würde, der einen «Rassenkrieg» initiieren wolle, um eine neue Weltordnung herzustellen. «Verhaftet endlich Soros!», forderte er. #racewar #agenda2030 #knowyourenemy. Screenshots landeten in den Maileingängen seiner Sponsoren. Der Einkleider Thirtytwo kündigte als Erster seinen Vertrag, Brettsponsor Gnu folgte, dann verlor er den Sonnenbrillenhersteller Oakley. Oakley ärgert ihn besonders, «weil die auch die US Army ausrüsten».

Die Pyramide

Nicolas Müller sitzt am Küchentisch in seinem Haus in Laax und erzählt, wie es dazu kommen konnte, dass er seine Karriere zerstörte, Frau und Freunde verletzte. Warum er Sachen postet, die nicht anders als antisemitisch interpretiert werden können. Wie er immer tiefer in den Kaninchenbau geraten ist und den Ausgang nicht mehr findet.

«Ich ging ins Rabbit Hole. Dachte mir, ist doch gut, wenn du möglichst viel weisst. Dachte ich, krass, was ich wieder rausgefunden habe. Wollte das nur teilen, ging in den Garten, dann kam ich zurück. Es ging los, crazy. Ich bin der Rassist, der Antisemit. Moment mal: Ich bin ‹hateful›? Ich liebe die Menschen, ich will den Planeten schützen. Ich folge Accounts, die schon lange vorausgesagt haben, was jetzt passiert. Ein schwarzer Freund aus den USA hat mir gesagt: ‹Teile und herrsche, nur darum geht es.› Er hat gesagt: ‹Wir bluten alle dasselbe Blut.› Genau so ist es. Aber wenn du bei BLM nicht mitmachst, bist du der Rassist. Und wenn du sagst: ‹All Lives matter›, dann auch. Du steckst da fest. Sie haben es so im Griff.»

Sie?

«Die Pyramide. Follow the money, immer höher hinauf. Das Pyramidensystem ist so genial aufgebaut. Es wird getragen von den Untersten, die zwölf Stunden am Tag arbeiten, die hochwollen. Die nicht nachfragen, kein Research machen. In der Pyramide machst du dich gegenseitig fertig. Wenn ich draufzeige, Big Pharma, Agrochemie, was das anrichtet, Tod, Climate Change, alles, dann fühlen sich Leute angegriffen. Du bist ja nur der Snowboarder, was weisst denn du überhaupt. Die da oben auf der Pyramide, die lachen nur, wenn das passiert.»

Müllers Weg

Müller erreicht mit seinen Posts über 200 000 FollowerInnen. Er ist nicht der einzige Influencer, der in Coronazeiten Verschwörungsmythen verbreitet. Robbie Williams tut es und Madonna, Xavier Naidoo und in der Schweiz laut «Watson» auch der junge Comedian Gabirano. Fast jeder kennt in seinem Bekanntenkreis Leute, die die Pandemie für eine Inszenierung halten, 5G für Gedankenkontrolle, die sich aus dem Faktenkonsens verabschiedet haben, den es laut Tarik Abou-Chadi braucht, damit Demokratie funktionieren kann: Ohne geteilte Wahrheiten erodiere Demokratie, sagt der Politologe, der an der Uni Zürich und am Zentrum für Demokratie Aarau neue politische Phänomene, insbesondere am rechten Rand, erforscht. Er sagt aber auch, BürgerInnen hätten ein fundamentales Recht, sich aus dem politischen Prozess auszuklinken, einen eigenen Weg zu gehen, selbst wenn dieser auf Verschwörungsmythen basiere. Gefährlich werde es erst, wenn sich PolitikerInnen und Medien Forderungen dieser Protestbewegung zu eigen machen. Wenn sich die verschiedenen Welten vermischen. Abou-Chadi sagt: «Wenn die Antidemokraten dabei sind, Macht zu erhalten, braucht es aktive Gegenwehr.»

Wenig erforscht ist der Weg, den Menschen zurücklegen, bis sie in dieser anderen Welt landen. «Es begann mit der Ernährung», sagt Müller. Als Kind habe er viel Rösti, Fleisch, Fett gegessen. Dann wurde er Vegetarier und kaufte sein Essen im Bioladen. «Ich will Lebensmittel mit den meisten Nährstoffen und Schwingungen.» Er informierte sich über die industrielle Landwirtschaft, über Gensaatgut und die Agrochemie. Alles Themenkomplexe, die kritisch betrachtet werden müssen. Aber das Bild einer höheren Struktur, die vorsätzlich Mensch und Planet vergiftet, festigte sich.

Eine Jugenderinnerung kommt hoch: Seine Mutter, die schluchzend über einem Magazin sitzt. Sie hatte ein Smartphone bekommen, dann las sie, dass die Strahlung nicht gut sei für die Bienen. Sie weinte eine Stunde lang, dann gab sie das Telefon zurück. Seine Mutter lebt jetzt in Mexiko, abgekoppelt von allem. «Meine Mom hat das durchgezogen», sagt Müller hörbar bewundernd.

Auch Müller geht seinen eigenen Weg. Als er ganz oben angekommen ist in seinem Sport und seine GefährtInnen sich auf Olympia vorbereiten, verabschiedet er sich von den Wettbewerben. Er dreht fortan fast ganzjährig Filme, zeichnet eine Traumwelt aus unberührten Landschaften, Schneegestöber und schwierigen Sprüngen, die so federleicht ausschauen. Erst für die Magazine, und als diese eingehen, für die Social-Media-Accounts seiner Sponsoren. Müller erschafft ein gefragtes Produkt: eine Idee von Freiheit für die Masse, die am Skilift ansteht.

Der Wendepunkt? «Letzten Sommer hats mir den Nuggi rausgehauen.» In seiner Nachbarschaft sollte eine 5G-Handyantenne gebaut werden. Er lag nächtelang wach in seinem Bett. «Es war ein Gefühl, wie ich es vor wichtigen Tricks und Wettbewerben hatte.» Er fragte sich selber: «Bist du ein Weichei? Ziehst du das jetzt durch?» Schliesslich fand er im Internet ein vorbereitetes Beschwerdeschreiben eines Anwalts. Er schickte es eingeschrieben ein, die Antenne wurde zunächst nicht gebaut.

Während seiner Recherche stösst er auf Behauptungen, wonach die 5G-Technik zur Gedankenkontrolle eingesetzt werden soll. Er klickt auf einen Link, liest, dass hinter Hollywood die CIA stecke. Er schaut den Film «Above Majestic», wo angebliche Whistleblower von einem geheimen Weltraumprogramm erzählen und davon, als Teenager rekrutiert und auf den Mond gebracht worden zu sein. Müller gräbt sich immer tiefer in den Kaninchenbau. Er entdeckt QAnon, die sektiererische, rasant wachsende, Trump-nahe Anhängerschaft eines angeblichen hochrangigen Militärinsiders, der mit kryptischen Botschaften vor der Versklavung der Menschheit und einer Kinderblut trinkenden Elite warnt. Er sagt: «Eigentlich hat mir Siri den Weg gewiesen» – der Sprechalgorithmus seines iPhones.

Der Ruf der Algorithmen

Algorithmen spielen eine zentrale Rolle beim Abrutschen von Verschwörungsgläubigen. Die US-Techniksoziologin Zeynep Tufekci bezeichnet Youtube als «grossen Radikalisierer». Tufekci hat untersucht, welche Videos Nutzern während des letzten amerikanischen Wahlkampfs um die Präsidentschaft vorgeschlagen wurden. Ihr Befund: Der Youtube-Algorithmus empfehle immer extremere Inhalte. Das verlängert die Verweildauer und erhöht die Werbeeinnahmen. Auch die Mainzer Sozialpsychologin Pia Lamberty problematisiert die Rolle der Algorithmen. Sie schreibt in ihrem Buch «Fake Facts», dass sich innerhalb der populären Onlineplattformen in den vergangenen Jahren geradezu eigene Informationsökosysteme gebildet hätten: «Bereits minimalste Änderungen beim Suchalgorithmus könnten einen immensen Einfluss darauf haben, mit welchen Informationen Millionen von Menschen in Berührung kommen.»

Die Pandemie wirkte als Brandbeschleuniger. Bereits früh warnte die Weltgesundheitsorganisation davor, dass sich falsche Behauptungen schneller verbreiteten als das Virus. Im März gab die Hälfte der Befragten in einer US-Studie zu Protokoll, solchen «Fake News», etwa über die angebliche Rolle von George Soros, begegnet zu sein. Lamberty folgert: «Die Coronapandemie brachte nicht nur viele Solidaritätsaktionen mit sich, sondern befeuerte auch Rassismus und Antisemitismus.»

Auch für Nicolas Müller ist der Lockdown entscheidend. Er findet zu all den Links und Videos, während er zu Hause sitzt, statt in den neuseeländischen Bergen auf dem Brett zu stehen. «Ich hatte Zeit, ich war wütend und ich wollte die Punkte verbinden», sagt Müller. Er fragt einen Freund aus der Szene, den schwedischen Superstar Ingemar Backman, was er tun soll. Der antwortet ihm: «Machs wie bei einem neuen Trick. Schau aus jedem erdenklichen Winkel auf das Problem, dann folge deinem Instinkt.» Müllers Instinkt sagt ihm, dass es jetzt losgeht, der Umsturz kommt und die guten Militärs die schlechten beseitigen. «Deshalb spreche ich das alles laut aus.»

Mittagszeit in Laax. Müller kocht Hanfpasta mit Tomatensauce. Er will über sein zweites Standbein sprechen. Müller hat viel Geld in eine Firma investiert, die Hanf als Lebensmittel auf den Teller bringen will. Er erzählt begeisternd von der Renaissance dieser alten Kulturpflanze. Ob er sich bewusst ist, dass er alles verlieren wird, wenn er so weitermacht? Er sagt einen Satz, der Mut macht. Er sagt: «Bevor das passiert, werfe ich mein Handy weg.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch