Nr. 20/2020 vom 14.05.2020

Raus aus der Nische

Seit Anfang Mai erscheint der deutsche Ableger des sozialistischen Magazins «Jacobin», der wohl wichtigsten Publikation der jungen US-Linken: als Printmagazin und mit vielen «eigenen» Texten.

Von Daniel HackbarthMail an AutorIn

www.jacobinmag.com

Das hübscheste Zitat steht auf der allerletzten Seite: «Die Sozialdemokratie betrachte ich als vorübergehende Erscheinung – die wird sich austoben.» Der Satz des deutschen Kaisers Wilhelm II. ist einerseits eine spektakuläre historische Fehleinschätzung, die ArbeiterInnenbewegung und ihre Organisationen sollten ja das 20. Jahrhundert immens prägen. Andererseits aber droht er sich nun womöglich noch zu bewahrheiten, sind die sozialdemokratischen Parteien doch international schwer in der Krise – wenn nicht gar, wie in Griechenland, schon verschwunden.

Dieser Ausgangslage widmet die erste Nummer des neuen deutschen «Jacobin» unter dem Titel «Jenseits der Sozialdemokratie» einen thematischen Schwerpunkt. Auf dem Cover prangen passend dazu Comicporträts unter anderem der US-Sozialistin Alexandria Ocasio-Cortez sowie des deutschen Juso-Chefs Kevin Kühnert – von PolitikerInnen also, die für einen linkssozialdemokratischen Erneuerungskurs stehen. Im Heft selbst geht es im Gespräch mit eben jenem «GroKo»-Rebellen Kühnert in dieselbe Richtung; und die ebenfalls interviewte Ökonomin Grace Blakeley aus Grossbritannien steht dem linken Labour-Flügel um den früheren Parteichef Jeremy Corbyn nahe.

Coole Optik, rotzige Attitüde

Ganz neu ist die Idee, den US-amerikanischen «Jacobin» für den deutschsprachigen Markt zu adaptieren, nicht. Das 2011 in New York gegründete Magazin hat nach eigenen Angaben eine gedruckte Auflage von 50 000 Exemplaren und Ableger auf Italienisch und Portugiesisch, im Netz erreicht «Jacobin» über zwei Millionen LeserInnen, was die Zeitschrift zur wohl wichtigsten Publikation für die vielen Tausend Millennials in den USA macht, die sich für Bernie Sanders begeisterten. Eine solche Erfolgsstory in Zeiten, in denen Printmedien eher verschwinden als wachsen, lässt aufhorchen, und so versuchten die beiden JournalistInnen Ines Schwerdtner und Ole Rauch schon vor zwei Jahren, den Mix aus cooler Optik, rotziger Attitüde («Jacobin» vertreibt etwa ein Poster, das wie eine Ikea-Anleitung aussieht, aber eine Guillotine zeigt) und anspruchsvoller Analyse nach Deutschland zu bringen.

Damals gründeten sie das Onlinemagazin «Ada», das überwiegend «Jacobin»‑Übersetzungen veröffentlichte (siehe WOZ Nr. 34/18); das Projekt scheiterte aber letztlich daran, dass fast zeitgleich die Handelsblatt Media Group unter demselben Titel eine hippe Businesspublikation lancierte. Dafür gibt es nun aber einen «richtigen» deutschen «Jacobin»: unter dem originalen Markennamen und als hochwertig fabriziertes Printmagazin, mit hauptsächlich eigens für das hiesige Publikum verfassten Texten.

Links und pluralistisch

«‹Ada› war schon mal ein guter Testlauf», sagt Ole Rauch, der als Herausgeber des neuen Magazins fungiert. «Und dass wir jetzt unter dem Titel ‹Jacobin› erscheinen, hat sicher Vorteile, da es sich um einen starken Brand handelt: Viele kennen und schätzen das US-Magazin.» Die Kooperation mit New York sei über persönliche Kontakte zustande gekommen und basiere auf Vertrauen, eine von der Zentrale festgelegte politische Linie gebe es nicht. «Die kann es ja auch gar nicht geben, weil die einzelnen Länder sehr spezifische Ausgangssituationen haben», sagt Chefredaktorin Ines Schwerdtner. Zudem stehe «Jacobin» ohnehin für eine pluralistische Linke.

Neben den Interviews bietet die erste Nummer einen Essay des Soziologen Oliver Nachtwey, der die Perspektiven auf eine Erneuerung der SPD auslotet. Dazu kommen etwa ein Feuilleton über SuperheldInnenfilme, eine Sozialreportage aus dem Ruhrgebiet, schöne Infografiken sowie Beiträge aus Österreich und der Schweiz: Die Rechtsextremismusexpertin Natascha Strobl porträtiert Kanzler Sebastian Kurz, während Caspar Shaller sich an einer «kleinen Geschichte der Neoliberalisierung in der Schweiz» versucht, in der er der hiesigen Linken ein bisschen pauschal die Leviten liest. Insgesamt nicht übermässig überraschend, aber jedenfalls ein verheissungsvoller Auftakt.

Bislang habe man Abos im vierstelligen Bereich verkauft, sagt Rauch – was ja nicht schlecht dafür sei, dass man erst seit ein paar Wochen öffentlich sichtbar sei. «In Deutschland gibt es schon heute recht viele linke Publikationen für die verschiedenen linken Milieus», sagt Schwerdtner. «Es gibt aber keine mit dem Anspruch, ein neues Publikum zu erschliessen, um damit die Linke insgesamt grösser zu machen.» In eben diese Lücke will der deutsche «Jacobin» nun stossen.

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