Nr. 21/2020 vom 21.05.2020

Dem Gegenentwurf droht die Räumung

Lange dienten die Baracken als Schlafstätten für Saisonniers, dann als Unterkunft für Asylsuchende. Vergangenen Oktober zogen schliesslich BesetzerInnen ein, die sich für die Geschichte des Areals interessieren. In diesen Tagen will die Stadt Zürich das Juch-Areal räumen.

Von Lukas Tobler (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Wo Menschen verwaltet wurden: Eingang zum seit einem halben Jahr besetzten Juch-Areal.

Kurz nachdem das Juch-Areal in Zürich Altstetten besetzt wurde, ging Asis, der eigentlich anders heisst, wieder in das Zimmer, in dem er früher einmal gelebt hatte. «Alles sah noch genau gleich aus wie damals», erzählt er. «Nur einige Kritzeleien an der Wand waren neu.» Vier Monate lang war Asis in diesem Zimmer untergebracht, an dem Ort, den er im Nachhinein Gefangenenlager nennt.

Vor ihrer Besetzung wurden die Baracken auf dem Juch-Areal während dreizehn Jahren als Asylunterkunft genutzt: zunächst als Notunterkunft für Abgewiesene ohne gültigen Aufenthaltsstatus, später als Testzentrum. Hier erprobte das Staatssekretariat für Migration das neue Asylverfahren, das seit März 2019 in der ganzen Schweiz in Bundesasylzentren umgesetzt wird. Mit deutlich kürzerer Verfahrensdauer – und fast vollständiger Isolation der Gesuchstellenden. «Das Areal war von Zäunen umgeben, und nach 20 Uhr durften wir das Gelände nicht mehr verlassen», erinnert sich Asis. Im Innern boten die Räume bei Vollbesetzung im Schnitt rund neun Quadratmeter Fläche pro Person, inklusive Korridoren und Gemeinschaftsräumen.

Genossenschaft der Baufirmen

Die Holzbaracken sind alle ebenerdig und eingeschossig. Lang und schmal verlaufen sie parallel zur Autobahn nebenan. Etwa 300 Leute hatten auf dem Areal ursprünglich Platz. Von den anfangs sieben Trakten sind heute nur noch drei erhalten. Der Rest musste 2018 der Baustelle für das neue Eishockeystadion weichen; die Hälfte der Asylsuchenden wurde damals in die Messehalle in Oerlikon verlegt.

Gebaut wurden die Baracken 1962 für Saisonniers. Hinter dem Bau steckte die Genossenschaft Sole, ein Zusammenschluss verschiedener Baufirmen. Diese brauchten für ihre Saisonniers Wohnraum. Und strichen damit einen Teil des ausbezahlten Lohns sogleich wieder für die Miete ein. Drei Jahre nach ihrer Gründung kaufte sich sogar die Stadt Zürich in die Genossenschaft ein. Sie sicherte sich so fünfzig Schlafplätze für «ausländische Arbeiter des Abfuhrwesens».

Heute prangt am Eingangstor zum Areal ein grosser Mittelfinger. Auf dem Dach der Baracke am Eingang leuchtet gross das Symbol besetzter Liegenschaften: ein Kreis, durch den ein schräger, N-förmiger Blitz verläuft. Die Besetzung erfolgte im vergangenen Oktober, am selben Tag, an dem die Asylsuchenden in Bussen ins neue Bundesasylzentrum auf dem etwa zwei Kilometer entfernten Duttweiler-Areal transferiert wurden.

Seither ist das Gelände ein Freiraum. Vor Ausbruch der Coronakrise fanden im Veranstaltungsraum regelmässig Konzerte, Filmvorführungen, Vorträge und Diskussionen statt. Mehrere Räume stehen AktivistInnen für Sitzungen zur Verfügung, und die BesetzerInnen haben eine Siebdruckwerkstatt eingerichtet. Einige Dutzend Personen wohnen dauerhaft auf dem Areal. Entstanden ist ein radikaler Gegenentwurf zur früheren Nutzung.

Die Geschichte aufarbeiten

Wesentlich daran beteiligt sind auch Personen, die einmal hier untergebracht waren, so wie Asis. «Wieder an diesen Ort zurückzukehren und ihn jetzt selbst gestalten zu können, ist befreiend», sagt er. Asis hat sich an mehreren Projekten beteiligt, die sich mit der Geschichte des Areals beschäftigen. Ein halber Trakt des Juch-Areals wurde im Originalzustand belassen. Während in den übrigen Trakten die Räume geöffnet und Wände herausgerissen wurden, ist es hier beklemmend eng: ein langer schmaler Gang ohne Tageslicht öffnet sich zu kleinen Zimmern hin, in denen bis vor kurzem noch mehrere Personen zusammenwohnten. In diesen Zimmern hat Asis gemeinsam mit anderen BesetzerInnen eine Audioinstallation eingerichtet. In den kleinen Schlafräumen lassen sich Erzählungen von Geflüchteten aus dem Alltag des Testzentrums anhören.

«Wir sind der Meinung, dass nie vergessen werden darf, was in diesen Räumen alles passiert ist», sagt eine der BesetzerInnen. Sie hat an einer gut dreissigseitigen Broschüre mit dem Titel «Menschen in Baracken» mitgearbeitet. Darin wird die Geschichte des Juch-Areals nachgezeichnet. Ehemalige Saisonniers kommen darin genauso zu Wort wie Geflüchtete. «Die Geschichte des Areals ist eine Geschichte der Verwaltung von Menschen», sagt die Aktivistin. Weitere Projekte zur Aufarbeitung der Vergangenheit sind in Planung.

Ob sie allerdings realisiert werden können, ist unklar. Diesen Freitag soll das Juch-Areal endgültig geräumt werden. Eigentlich hätten die BesetzerInnen schon letzten Monat abziehen müssen. Das hatte ihnen das Sozialdepartement unter SP-Stadtrat Raphael Golta wenige Tage vor dem Stichtag beschieden. Nach heftiger Kritik vonseiten der BesetzerInnen und teils auch aus den Reihen der links-grünen Parteien wurde die Frist um einen Monat verschoben (siehe WOZ Nr. 18/20). Danach sollen die Baracken weiteren Bauplatzinstallationen für das Eishockeystadion weichen. Die BesetzerInnen haben angekündigt, sich bis zum Schluss dagegen zu wehren.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch