Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Geschichte abreissen

Michelle Steinbeck über Dementoren auf dem Juch-Areal

Von Michelle Steinbeck

Eine neue Zeitrechnung hat begonnen. Sie beschert uns Zustände, die BC (Before Corona) noch unvorstellbar gewesen wären. Etwa Hand Sanitizer am Eingang des Zürcher Kanzlei-Flomis. Oder das noch unerforschte Phänomen des «sozialen Katers», an dem frisch aus der Quarantäne entlassene Menschen leiden, nachdem sie analog mit anderen potenziellen Virenschleudern, Gefährderinnen und Gefährdeten gechattet haben.

Um den Frühling dieser neuen Epoche gebührend einzuläuten (schliesslich haben wir heuer nicht um das grosse Feuer herumreiten und einen alten weissen Mann verbrennen können), räumt die Stadt Zürich halt in Altstetten andere Altlasten auf den «Müllhaufen der Geschichte».

Das Juch-Areal speichert viel unvorteilhafte Schweizer Historie. Gebaut in den frühen sechziger Jahren, diente es erst als prekäre Unterkunft für Saisonniers, später als «Gefangenenlager» für Asylsuchende, wie einer, der damals selber dort untergebracht war, es nennt. Dass schliesslich im vergangenen Herbst das Areal besetzt wurde und ein paar Gammlerinnen und Chaoten anfingen, die Geschichte der Baracken für eine Öffentlichkeit aufzuarbeiten (Stichwort «Hunde und Italiener verboten», Stichwort «Tatort Bässlergut»), passte nicht in die sterile neue Welt. Die Stadt als Eigentümerin entschied: Endlich weg mit dem alten Dreck!

So reitet Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei Zürich, am Samstagmorgen pünktlich um acht mit einem Heer von Dementoren in Vollmontur in die Barackensiedlung ein. Die Aufregung weicht bald einer schweren Enttäuschung: Die Staatsfeinde sind kampflos abgezogen. Bleibt nur, sich vor den Kameras für die offensichtliche Verschleuderung von Steuergeldern zu rechtfertigen: «Wir mussten so viele sein, sonst wären wir zu wenige gewesen.»

Dass das Gelände nicht bis Sonnenuntergang so «plattgemacht» werden könne, wie er sich das wünsche, schiebt Cortesi den zerstörerischen BesetzerInnen zu. Er findet es «eindrücklich, wie dieser Ort zurückgelassen wurde: dieser Müll, dieser Dreck». Hinter ihm tragen ein paar Polizisten im Kampfanzug mit beiden Händen saubere Teller und Gläser von einem Tisch und werfen sie in einen Zürisack. Maskierte Bauarbeiter reissen Fenster und Türen aus den Baracken, Cortesi schaut grimmig zu: «Das Areal wird unbewohnbar gemacht.»

Der Plan, die Baracken restlos abzureissen und die Brache als allfälligen Abstellplatz für eine Baustelle des neuen Eishockeystadions zu benutzen, erinnert unwillkürlich an die Rote Fabrik in den achtziger Jahren. Damals wurde sie als Opernhauslager genutzt und kam deshalb – so die Stadt – als Kulturzentrum nicht infrage. Das Aufräumen mit der Geschichte wirbelt Staub auf; die darunter liegenden Verhältnisse haben sich aber nicht wirklich geändert. Die Missstände wiederholen sich in Variationen.

Wo vor vierzig Jahren in der Stadt Räume für alternative Kultur erobert wurden, fehlt es heute wieder an bezahlbarem Wohnraum und nichtkommerziellen Freiräumen. Und wo sich die prosperierende Schweiz der Sechziger und Siebziger billige «Arbeitskräfte» aus dem armen Nachbarland holte, profitiert sie auch heute von der Ausbeutung in die Armut getriebener Menschen.

Michelle Steinbeck ist Autorin aus Zürich. Sie empfiehlt Marina Frigerios Dokumentation «Verbotene Kinder» (2014) über das verdunkelte Familienleben von Saisonniers in der Schweiz sowie Concetto Vecchios «Jagt sie weg!» (2020) zur Geschichte der Schweizer Fremdenfeindlichkeit.

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