Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Endzeit in eisigem Blau

Von Florian Wüstholz

Die Wirtschaft ist am Ende, es herrscht Wasserknappheit, wegen Unruhen wird die Armee mobilgemacht. Und zu allem Übel gesellt sich eine mutierte Sommergrippe, die innert kurzer Zeit grosse Teile der Bevölkerung dahinrafft. Vor dem Berner Inselspital herrscht wildes Durcheinander, Versorgungsketten brechen zusammen, Grundnahrungsmittel und Treibstoff werden knapp. In der 2018 gestarteten Comicserie «The Fall» des Berner Illustrators Jared Muralt ist die Schweiz bereits in den Abgrund gestolpert.

Nun erscheint mitten in einer ganz realen Pandemie der zweite Teil dieses postapokalyptischen Comics. Nach den Wirren des ersten Bands will Familienvater Liam mit seinen beiden Kindern – die Mutter starb als Ärztin bereits früh an der epidemiologischen Front – aus dem städtischen Chaos in die vermeintliche Sicherheit der Alpen fliehen. Doch auch hier treffen die drei an jeder Ecke auf Gewalt, Rudeldenken und Selbstsucht. Schon bald muss die Tochter die Führung übernehmen.

Muralts klare Linien und sein detailreicher Stil machen jedes Panel zu einer Entdeckungsreise und trösten über das manchmal etwas erwartbare Storytelling hinweg. Hier werden Unruhe und Zerfall in wuselnden Berner Stadtszenen, endlosen Weiten oder beengenden Scheunen und Kasernen visuell eindrücklich dargestellt. Der erste Band leuchtete dabei noch in spätsommerlichen, staubig trockenen Rottönen, als ob sich die Welt mitten in einem alles verschlingenden Buschfeuer befände. Nun dominiert die eisblaue Kälte des gnadenlosen Egoismus.

Bereits in seinen früheren Comics, «Hellship» und «The End of Bon Voyage», ergründete Muralt, was Kriege und Katastrophen mit Gesellschaften anstellen. In «The Fall» löst er die Regeln des Zusammenlebens – Solidarität, Ehrlichkeit, Sicherheit – im Windschatten der Pandemie gleich ganz in Luft auf, um sie an unerwarteten Stellen wieder aufblitzen zu lassen. So dürfen wir uns nicht allein am zivilisatorischen Untergang ergötzen, sondern uns zugleich wundern, was Neues und Gutes aus diesem erwachsen kann.

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