Nr. 23/2020 vom 04.06.2020

Tränen und Gelächter

Annette Hug staunt über die Intimität einer Feier auf Zoom

Von Annette Hug

Als Boris Johnson geheilt aus dem St.-Thomas-Spital in London entlassen wurde, machte auf den philippinischen sozialen Medien eine andere Meldung die Runde: Der 54-jährige Krankenpfleger Larni Zuniga war im selben Spital an Covid-19 gestorben. Die letzten zwölf Jahre hatte er in einem Altersheim in Surrey gearbeitet.

Seit über vierzig Jahren fördert die philippinische Regierung die Emigration von Arbeitskräften, während ländliche Gemeinden im eigenen Land kaum Personal für ihre Spitäler und Gesundheitszentren finden. Zurzeit wirbt Deutschland zu Tausenden Pflegekräfte auf den Philippinen an.

Eine, die dagegen protestiert hat, war Mercedes Lactao Fabros. Ihr Talent für dramatische Auftritte machte sie zu einer markanten Figur der Frauenbewegung. 1970 demonstrierte sie als Studentin gegen die US-Intervention in Vietnam und gegen den autokratischer werdenden Präsidenten Ferdinand Marcos. Mit einer Theatergruppe blieb sie auch noch aktiv, als Marcos das Kriegsrecht verhängt und die meisten linken Organisationen für illegal erklärt hatte. In der Adventszeit ging sie verkleidet von Haus zu Haus und sang politische Texte zu den Melodien von Weihnachtsliedern. Tausende von MitstreiterInnen verschwanden im Gefängnis.

Als ein Volksaufstand 1986 die Marcos-Diktatur beendete, gehörte Mercy zu jenen Feministinnen, die Gräben in der Opposition überwanden und neue Netzwerke schufen. Als Teil der Delegation einer breiten Frauenkonferenz wollte sie im Dezember 1989 Forderungen zur besseren Förderung der Gesundheit und Selbstbestimmung von Frauen an die Präsidentin Corazon Aquino überbringen. Ein Luftgefecht verhinderte den Gang zum Regierungspalast. Um den sechsten Putschversuch gegen Aquino zu vereiteln, hielten US-amerikanische Kampfflugzeuge konservative Rebellen aus der Armee in Schach.

Hier könnten noch viele politische Anekdoten folgen. Die Trauerfeier für Mercy Fabros, die am 24. Mai über 300 Leute via Zoom und Facebook-Livestream versammelte, dauerte vier Stunden. Totenwachen und Beerdigungen sind wegen Corona verboten. Stattdessen verbanden sich FreundInnen, Familie und MitstreiterInnen aus Südafrika, Australien, Europa, Kalifornien und den Philippinen online.

Ein ehemaliger Kongressabgeordneter, der in Bangkok gestrandet war, berichtete vom entscheidenden Moment vor der Abstimmung über ein Gesetz zur freien Information über Empfängnisverhütung im Jahr 2012. Ein Meilenstein in der Gesundheitspolitik, gegen den die katholische Kirche jahrelang Sturm gelaufen war. Mercy hätte die Legalisierung der Abtreibung bevorzugt. Sie war von der Überzeugung beseelt, dass die Entscheidungsmacht über den eigenen Körper eine Voraussetzung von politischer Macht, aber auch von Genuss ist.

Zwischen Tränen, Liedern und Zornausbrüchen, die während der virtuellen Trauerfeier aus privaten Zimmern in die Welt gesendet wurden, brachten sich mehrere Rednerinnen selber zum Lachen, indem sie an Mercys wunderbar derben Humor erinnerten. Zum Beispiel wiederholten sie ihre oft und gern getestete Falschmeldung, der G-Punkt befinde sich in der Kniekehle.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. Mit Mercy Fabros sprach sie zuletzt länger über ein Stagiaire-Abkommen, das die Schweiz mit den Philippinen abgeschlossen hat, um philippinischen Pflegekräften die befristete Arbeit in der Schweiz zu ermöglichen.

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