Nr. 24/2020 vom 11.06.2020

Die Welt zwischen den Sprachen

In einem Land mit vier Amtssprachen wird jeden Tag unglaublich viel übersetzt. Von Menschen, die es als Handwerk gelernt haben – und von Maschinen, die laufend besser werden. Was bedeutet die technologische Entwicklung für die ÜbersetzerInnen in der Schweiz?

Von Raphael AlbisserMail an AutorIn (Text) und Christof Nüssli (Illustration)

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Ihr Blick fliegt über den Bildschirm. In rasendem Tempo wechseln sich Mausklicks und ein kurzes Rattern der Tastatur ab; hier einen Apostroph einfügen, da ein Wort ersetzen, dort eine Formatierung anpassen. Übersetzerin Carlotta Morelli arbeitet mit einem CAT-Tool, einem Datenbanksystem, das sämtliche ihrer bisherigen Übersetzungen als Textbausteine abgespeichert hat. Für fast jeden Satz des Werbeprospekts, an dem sie gerade arbeitet, hält die Translation Memory eine italienische Übersetzung bereit. Bei manchen gab es einen Volltreffer, genau so war er bereits abgelegt. Bei den meisten liegt zumindest eine teilweise Übereinstimmung vor, dort macht das Programm einen Vorschlag. «Dann muss ich es vielleicht stilistisch noch etwas umschreiben», sagt Morelli, «aber normalerweise funktioniert das ziemlich gut.» Zehn Minuten Arbeit hat das Projektmanagement für den Prospekt veranschlagt. Morelli bestätigt, klickt flugs ein paar Kästchen an, Fertigstellen, Speichern, «basta». Nächster Auftrag. Siebzehn hat sie heute auf der Pendenzenliste.

Es ist ein gewöhnlicher Arbeitstag für die 32-jährige Italienerin, die seit fünf Jahren für die Übersetzungsagentur Comtexto arbeitet, deren Büros im Zürcher Seefeld zu finden sind. Vor Ort hat nur ein Bruchteil der MitarbeiterInnen einen Arbeitsplatz, der Rest ist in der Schweiz und über die Landesgrenzen hinaus verstreut. Mit etwa 25 fest angestellten und 400 auf Auftragsbasis arbeitenden ÜbersetzerInnen dürfe man sich zu den fünf grössten Anbietern im Land zählen, sagt Geschäftsführerin Marie-Christine Waldburger. Die kleine Schweiz hat einen grossen Übersetzungsmarkt: Bei vier offiziellen Landessprachen gibt es unglaublich viel, was übersetzt werden muss. Jede Firma, jede Partei, jede Organisation, die sich über die Sprachgrenzen hinweg betätigt, ist darauf angewiesen. Als «verlängerte Werkbank» ihrer Kundenfirmen verstehe sich Comtexto, erklärt Waldburger: Möglichst umstandslos werden jeden Tag Dutzende Aufträge verarbeitet, und das bei Bedarf auch sehr kurzfristig. «Erstens unsere Qualität und zweitens unsere Flexibilität machen uns wettbewerbsfähig», so die gebürtige Pariserin.

Die einzige Konstante in dieser Branche sei schon immer die Veränderung gewesen. Die Geschäftsführerin arbeitete selbst seit den Neunzigern als Übersetzerin in der Schweiz und hat viele Umbrüche miterlebt: als der Computer die Schreibmaschine ablöste, als die Diskette und schliesslich die E-Mails kamen. Schon seit den nuller Jahren wird nun mit CAT-Tools gearbeitet. «Alles geht immer schneller», sagt Waldburger, «dafür ist Technologie schliesslich da.»

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2009 übernahm sie das Übersetzungsbüro, für das sie damals arbeitete. Sie gab ihm den heutigen Namen und investierte kräftig: nicht nur in eine firmeneigene IT-Abteilung, sondern vor allem auch in das Projektmanagement. Dem KundInnenservice komme im Schweizer Markt, in dem «extrem viel Wettbewerb» herrsche, eine zentrale Bedeutung zu, erklärt Waldburger. Mehrere Tausend Übersetzungsanbieter gebe es hierzulande, vom Einpersonenbetrieb bis zur mittelgrossen Agentur. Etwa zehn davon seien richtig professionell aufgestellt, schätzt die Unternehmerin. Auch eine ganze Reihe global tätiger Player, deren ÜbersetzerInnen in allen Zeitzonen verteilt und zu jeder Tages- und Nachtzeit einsatzbereit sind, mischen mit. Das erhöhe den Druck auf die Hochpreisinsel Schweiz. «Die Preise haben sich in den letzten zehn Jahren halbiert», sagt Waldburger.

Veredelte Maschinentexte

Dazu beigetragen haben auch die grossen Entwicklungssprünge maschineller Übersetzungsprogramme, die den Markt seit 2016 durchgeschüttelt haben. Programmiert als «künstliche neuronale Netze», sind sie lernfähig geworden – und darum in der Lage, auch längere Texte in immer besserer Qualität zu übersetzen. Nicht zuletzt deshalb sei man mittlerweile weniger ein Übersetzungsbüro als vielmehr ein Sprachdienstleister, so Waldburger: Zum Angebot gehören etwa auch Lektorate und das sogenannte Post-Editing, die «Veredelung maschinell übersetzter Texte», wie sie es nennt. Dass eine Software aber Dinge wie Werbeslogans eines Tages sinnvoll übersetzt, scheint praktisch undenkbar, weil diese in einer Wort-für-Wort-Übersetzung oftmals überhaupt nicht funktionieren. Überdies bietet der Schweizer Markt einen gewissen Schutz vor günstig arbeitenden ÜbersetzerInnen im Ausland. Besonders wichtig ist hierzulande nämlich die «Lokalisierung», also die Anpassung an regionale Sprachgepflogenheiten. Sonst steht da plötzlich «Strassenbahn» statt «Tram», oder noch schlimmer: «die Tram» statt «das Tram». Was es für die Firmenreputation bedeuten kann, wenn auf einem Plakat fürs «Grillen» statt fürs «Grillieren» geworben wird, musste Coop vor einigen Jahren erfahren.

«Das italienische Italienisch ist eigentlich schöner als das im Tessin», sagt Morelli, «aber sie wollen es so, also mache ich es.» Sie hat den nächsten Auftrag angeklickt, eine Qualitätssicherung einer bereits bestehenden Übersetzung. Es ist ein Whiskyprospekt. Sagen sie im Tessin nun «blended scotch whisky» oder «blended whisky scozzese»? Was ist gemälzte Gerste? «Orzo maltato», kann man das so sagen? Morelli hat eine WhiskyliebhaberInnen-Website geöffnet, im Fenster daneben den Langenscheidt. Reich an Torf, «ricco di torba»? Rauchig: «affumicato» oder «fumoso»? Am Schluss lässt sie die Datenbank mit ihren Anpassungen überschreiben. Das Programm soll schliesslich lernen. Hat sie nicht das Gefühl, auf lange Sicht ihre eigene Arbeit abzuschaffen, indem sie die Software trainiert? Nein, sagt Morelli: «Die Maschine ist mein Freund.» Alles geht schneller, vieles geht einfacher. Entspannter werde ihre Arbeit dadurch aber nicht, «ich mache einfach jeden Tag mehr Aufträge».

Der Umweg ist das Ziel

Oben im Buchsalon des Kulturhauses Kosmos in Zürich sitzen Karin Diemerling und Katja Meintel vor dem Publikum und reden übers Puzzeln. Genau das sei ihre Arbeit nämlich, sagen die Literaturübersetzerinnen: ein ständiges Ausprobieren und Zusammenfügen. Diemerling und Meintel sind Mitte Februar zu Gast bei «Unübersetzbar», einer Veranstaltungsreihe zum literarischen Übersetzen. Auch das Publikum darf miträtseln, wenn es etwa darum geht, mehrschichtige Wortspiele aus einem kongolesischen Roman irgendwie ins Deutsche zu retten. «Auf jeder Buchseite müssen Hunderte Entscheidungen gefällt werden», sagt Meintel. Wie transportiere ich dieses Stilmittel? Was mache ich mit Slangausdrücken? Welche Wörter stimmen, passen und haben vom Klang her dasselbe Potenzial? «Kann man noch etwas rumbasteln?», laute ständig die Frage.

Die Welt der Übersetzungsmaschinen scheint hier jedenfalls in weiter Ferne. Es geht um eine ausschweifende Auseinandersetzung mit Sprachen an sich, mit ihren Eigenheiten, Unterschieden und Unzulänglichkeiten. Zum literarischen Übersetzen gehört die Gewissheit, dass es praktisch unmöglich ist, in der Zielsprache eine auf allen Ebenen exakte Entsprechung zu finden. «Traduttore, traditore» lautet ein geflügeltes italienisches Wort. Auf Deutsch will es nicht so richtig zünden. Frei paraphrasiert: Beim Übersetzen begeht man fast zwangsläufig Verrat am Original.

Der Publikumsandrang im Kosmos an diesem Abend lässt darauf schliessen, dass diese Welt zwischen den Sprachen, in der gerätselt und getüftelt wird, eine grosse Faszination ausübt. Darauf habe man über Jahre gezielt hingearbeitet, sagt Gabriela Stöckli vom Übersetzerhaus Looren (siehe WOZ Nr. 6/2019), in dessen Namen die Veranstaltung stattfindet: «Wir möchten, dass der Übersetzer in der Öffentlichkeit als Teil der Wertschöpfungskette eines Buches mehr Beachtung erhält.» Dennoch werde bei Rezensionen am Radio oder in der Zeitung noch immer kaum je erwähnt, wer ein Werk ins Deutsche übersetzt habe. Selbst auf den meisten Buchumschlägen werde der Name der ÜbersetzerInnen nicht erwähnt.

Überhaupt haben LiteraturübersetzerInnen einen seltsamen Ruf, auch innerhalb des eigenen Berufsstands: Einerseits wird das literarische Übersetzen gerne als Königsdisziplin bezeichnet, andererseits aber auch eher abschätzig als schöngeistige Nebenbeschäftigung für Hausfrauen und Hobbydichter. «Tatsächlich gibt es in der Schweiz nur sehr wenige, die das hauptberuflich machen», sagt Nicole Pfister Fetz, die Geschäftsführerin des AutorInnenverbands der Schweiz (AdS), dem die LiteraturübersetzerInnen angeschlossen sind. Etwa 150 der gut 1000 AdS-Mitglieder sind als solche geführt – und die meisten von ihnen gehen daneben einer anderen Tätigkeit nach. Internationale Literatur wird hauptsächlich in Deutschland, Frankreich und Italien übersetzt, wo es günstiger ist; in der Schweiz mit ihrem ohnehin fragilen Büchermarkt lässt sich damit höchstens ein Leben am Existenzminimum finanzieren. Daran ändert auch nichts, dass die Kulturstiftung Pro Helvetia den Verlagen für manche Buchübersetzungen Honorarzuschüsse bezahlt, die den ÜbersetzerInnen bis zu sechzig Franken pro Normseite bescheren – wobei aber freilich vor allem die Amtssprachen berücksichtigt werden und wesentlich weniger die vielen anderen, die in der Schweiz auch noch gesprochen, geschrieben und gelesen werden.

Natürlich, wo im Akkord Unterhaltungsliteratur übersetzt werde, kämen maschinelle Übersetzungsprogramme durchaus zum Einsatz, sagt Gabriela Stöckli vom Übersetzerhaus Looren in Wernetshausen. Bei anspruchsvoller Literatur hingegen seien sie schlicht keine Hilfe. «Ein Text hat so viele Dimensionen, da steckt ein ganzer Schatz kultureller Tradition drin.» Sehr oft tauchten Zitate auf, explizit und versteckt, «aus der Popkultur, aus der Bibel, von Shakespeare». Die erste Aufgabe der ÜbersetzerInnen sei es, diese zu erkennen. Nur schon daran scheiterten die Programme.

Auch für Camille Luscher sind solche kein Thema. Die 32-jährige Genferin hat sich einen Ruf als Vertreterin einer jungen und selbstbewussten Generation von LiteraturübersetzerInnen erarbeitet, die für sich und ihre KollegInnen Anerkennung einfordern. Ihre Arbeit versteht sie ausdrücklich als Kunsthandwerk, und als solches hat sie es auch gelernt, an der Berner Hochschule der Künste, deren damals neuen Masterstudiengang sie 2013 als erste Absolventin abschloss. Auch wenn sie ständig mit dem Internet arbeite, dort recherchiere und Onlinewörterbücher nutze, seien maschinelle Übersetzungshilfen für sie keine echte Option. «Der kürzeste Weg funktioniert nicht immer am besten», sagt Luscher, «denn Übersetzen ist ständiges Zweifeln.» Manchmal sei gerade die Langsamkeit wichtig für den Prozess. Hin und wieder nehme sie bewusst einen gedruckten Dictionnaire zur Hand, um Wörter nachzuschlagen. «Beim Blättern denkt man anders», sagt Luscher.

Das braucht Zeit. «Zunächst muss ich das Buch lesen, um zu wissen, ob ich es überhaupt übersetzen will», sagt Luscher, dann übersetze sie jede Seite, meistens in mehreren Durchläufen. Und wenn alles fertig übersetzt sei, müsse sie auch die Druckfahnen noch autorisieren. «Ich will lieber gar nicht wissen, was ich damit pro Stunde verdiene», sagt Luscher. Vor über zehn Jahren hat sie ihre erste Romanübersetzung ins Französische gemacht, seither kamen neun weitere Werke hinzu; sie übersetze jeweils nur etwa ein Buch pro Jahr und sei dabei ziemlich wählerisch, «damit mir die Freude daran bleibt». Um sich das leisten zu können, arbeitet Camille Luscher in einem Fünfzigprozentpensum am Centre de traduction littéraire der Universität Lausanne. Das literarische Übersetzen empfinde sie fast schon als eine Art Lebensphilosophie, denn man sei dabei gezwungen, über Sprachen nachzudenken – und darüber, wie diese die Welt unterschiedlich zu beschreiben vermögen. «Was mich interessiert, ist die Differenz», sagt Luscher. Dass eine Computersoftware eines Tages Vergleichbares leisten könnte, sei unvorstellbar. «Aber die künstliche Intelligenz entwickelt sich so schnell und so krass», sagt Luscher. «Sie zwingt uns dazu, uns darüber Gedanken zu machen, was Literatur überhaupt ist, welchen Wert sie hat – und wer dafür bezahlt.»

Gefährlich schön verpackt

Computerlinguist Samuel Läubli hingegen lässt die mystische Aura von Begriffen wie «künstliche Intelligenz» und «Deep Learning» rasch verfliegen. Der 31-Jährige schliesst gerade sein Doktorat an der Universität Zürich ab und entwickelt für Text Shuttle, eine Spin-off-Firma seiner Uni, eigenhändig unternehmensspezifische Übersetzungssysteme. Er kann auf komplizierte Art erklären, wie ein künstliches neuronales Netz funktioniert: Dann geht es beim «Encoding» um «Zahlenvektoren», die «Subwörtern» in der Ausgangssprache zugewiesen und miteinander «verrechnet» und «in Schichten angelegt» werden. Viele Schichten ergeben ein «tiefes Netz», in dem «der Zahlenvektor jedes Worts in der untersten Schicht von den Zahlenvektoren der anderen Wörter beeinflusst ist». Beim «Decoding» hängt dann die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Wort in der Zielsprache eingesetzt wird, vom «modellierten» sprachlichen Kontext sowohl der Ausgangs- wie der Zielsprache ab.

Läubli kann es aber auch einfacher erklären. «Anders als frühere maschinelle Übersetzungsprogramme sind neuronale Systeme in der Lage, ein grösseres textliches Umfeld zu berücksichtigen», so der Computerlinguist. Letztlich bedeutet das vor allem, dass maschinell übersetzte Texte heute besser klingen. Was auch daran liegt, dass die Systeme fähig sind, menschliche Anpassungen zu registrieren und bei künftigen Übersetzungen zu berücksichtigen.

In der Aussenwahrnehmung werde dieses «Lernen» und das «Trainieren» der Software aber überbetont, findet Läubli: «Auch neuronale Systeme lernen weiterhin bloss an der Oberfläche.» Sie haben noch immer kein Verständnis von Grammatik, können Verben nicht von Adjektiven unterscheiden, und sie kennen schon gar nicht die Bedeutung einzelner Wörter oder Sätze. Was sie stattdessen so verblüffend gut macht, ist ihr unglaublich grosses Erinnerungsvermögen, das ihnen erlaubt, Regelmässigkeiten und Muster zwischen Ausgangs- und Zieltexten zu erkennen. Wenn eine Software also vor ein «dass» jeweils ein Komma setzt, dann nicht, weil sie diese Regel kennen würde, sondern weil die Zeichenfolge in ihrer Datenbank sehr oft auftaucht.

Um ein neuronales System zu bauen, brauche man grundsätzlich drei Dinge, sagt Läubli. Erstens ein Softwarekit, von dem vieles bereits vorgefertigt verfügbar ist und das man den jeweiligen Ansprüchen entsprechend anpasst. Zweitens eine Datenbank mit Texten, die in einer korrekten Übersetzung zwischen zwei Sprachen vorliegen. «Und zwar viele davon», sagt Läubli: Ab etwa fünfzig Millionen Sätzen sei es möglich, ein gutes System zu bauen. Man sucht sie sich meist aus öffentlich zugänglichen Quellen zusammen, etwa aus Parlamentsdebatten der Schweiz oder der EU oder auch aus Filmuntertitelungen, die in mehreren Sprachen vorliegen. «Und drittens braucht es eine richtig starke Maschine, um schnell zu rechnen», sagt Läubli. Seine eigene Firma habe deswegen jeden Monat eine Stromrechnung von mehreren Tausend Franken.

Anne-Sophie Meili hat sich als Fachübersetzerin auf eine ganze Reihe von Gebieten spezialisiert: neben Kultur und Kunsttechnologie auch auf Medizin, Gesundheit, Technologien und Medien. Mit zwei Kolleginnen betreibt die 54-jährige Genferin in Zürich das Büro Pro-verbial, zusammen bieten sie Übersetzungen zwischen Englisch, Deutsch, Italienisch und Französisch an, für Fachpublikationen, Geschäftsberichte, Websites, eigentlich für alles Erdenkliche. Mit Interesse verfolgte Meili die technologischen Entwicklungen der letzten Jahre, sie steht den neuen Programmen offen gegenüber, arbeitet damit, wo immer sie eine Hilfe sind. «Die neuronalen Systeme produzieren immer schönere, flüssigere Texte», sagt Meili. Aber genau das mache die Arbeit zuweilen noch schwieriger. Je besser ein Text nämlich klinge, desto eher übersehe man es, wenn der Inhalt nicht stimme. «Man denkt, das sei ganz gut gemacht, dabei ist es vor allem schön verpackt», sagt Meili. «In meiner Erfahrung haben 999 von 1000 maschinellen Übersetzungen inhaltliche Fehler.»

Es liegt in der Verantwortung der ÜbersetzerInnen, diese im Post-Editing zu erkennen. Und das sei kein bisschen weniger anspruchsvoll als das Übersetzen selbst, sagt Meili; es erfordere ein genauso hohes Mass an sprachlichem und fachlichem Wissen, zudem sei eine ganz andere Art der Konzentration erforderlich. «Und zwar die ganze Zeit», so Meili. Gleichzeitig seien aber die Preise für Fachübersetzungen allgemein spürbar gesunken, um etwa zwanzig Prozent in den letzten zwanzig Jahren. «Die Arbeit gefällt mir weiterhin sehr gut», sagt Meili. «Aber sie ist strenger geworden.»

Eine offizielle Statistik zur Preis- und Lohnentwicklung für Textübersetzungen in den letzten Jahren gibt es nicht. Es existieren nicht einmal genaue Zahlen dazu, wie viele Leute in der Schweiz überhaupt als ÜbersetzerInnen arbeiten. «Es ist eine relativ unübersichtliche Branche, weil es keine geschützte Berufsbezeichnung gibt», sagt Nicole Carnal, Leiterin der Vertiefung Fachübersetzen im Masterstudiengang Angewandte Linguistik an der ZHAW in Winterthur. Man gehe jedoch von etwa 3000 bis 3500 ÜbersetzerInnen aus: Sie sind Angestellte oder Freischaffende, übersetzen hauptberuflich oder in Teilzeit, sind spezialisiert auf die unterschiedlichsten Bereiche, und sie sind grösstenteils Frauen. Zwischen 20 und 25 Studierende schliessen in Winterthur jedes Jahr den Master in Angewandter Linguistik mit der Vertiefung Fachübersetzen ab, und auf sie wartet ein Arbeitsmarkt, auf dem Nicole Carnal eine wachsende Zweiklassengesellschaft wahrnimmt: «Auf der einen Seite gibt es die Fliessbandarbeit, bei der es einzig um die Schnelligkeit geht», so Carnal. «Auf der anderen Seite wird es aber immer auch das High-End-Segment geben – für Texte, bei denen alles garantiert einwandfrei übersetzt sein muss.»

Davon wird es in der Schweiz auf absehbare Zeit weiterhin viele geben, nur schon von Gesetzes wegen. Jede öffentliche Mitteilung, jeder Gesetzestext, jede Website der Bundesorgane und auch der mehrsprachigen Kantone muss hieb- und stichfest übersetzt werden. Allein die Sprachdienste der Bundesverwaltung haben zuletzt innerhalb eines Jahres etwa 270 000 Seiten übersetzt. Auch dort pflegt man einen pragmatischen Umgang mit den Maschinen. In einem Untersuchungsbericht der Konferenz der Sprachdienste wurde im Herbst festgehalten, dass der bekannte Onlineübersetzungsdienst «DeepL» derzeit zwar «zum Verständnis allgemeinsprachlicher Texte» eine «akzeptable Qualität liefern» könne, bei Fachtexten aber «eindeutig an seine Grenzen» stosse. Das Fazit des Berichts ist ein einfacher Ratschlag an die Bundesangestellten: Übersetzungen für das eigene Verständnis dürfen der Maschine überlassen werden – was aber an Dritte geht, sollen weiterhin ÜbersetzerInnen aus Fleisch und Blut machen.

Es ist eine Gewissheit, die schon seit einer Weile in die Schweizer ÜbersetzerInnenwelt zurückgekehrt ist. Als «DeepL» herausgekommen sei, hätten viele geglaubt, ihr Beruf sei dem Untergang geweiht, sagt Nicole Carnal, «aber genauso wie der Hype darum ist auch die Angst davor rasch wieder abgeflaut». Es sei auch nicht das erste Mal, dass technologische Entwicklungssprünge in der Branche für Existenzängste sorgten. Und bislang seien sie noch immer unbegründet gewesen. «Wir betreiben schliesslich keine exakte Wissenschaft», sagt Carnal. «Wir betreiben Text- und Spracharbeit.»

Die beiden in den Illustrationen verwendeten Zitate stammen aus Walter Benjamins «Die Aufgabe des Übersetzers» und wurden von «DeepL» in diverse Sprachen und schliesslich wieder ins Deutsche übersetzt.

«DeepL», Google und Co.

Aus dem Vollen schöpfen

Von Google über Microsoft und Facebook bis hin zu Amazon arbeiten viele Tech- und sonstige Grossfirmen an ihren eigenen Übersetzungsprogrammen. 2016 verkündete Google vollmundig, mittlerweile Texte produzieren zu können, die «von menschlichen Übersetzungen nahezu nicht zu unterscheiden» seien. Möglich machen soll dies das Prinzip des «Deep Learning», eine fortgeschrittene Form der Lernfähigkeit von «künstlichen neuronalen Netzen». Beides existiert in der Theorie schon seit Jahrzehnten, ist aber erst mit der Rechenleistung moderner Computersysteme praktikabel geworden.

Der Ansatz wird seither von diversen Anbietern vorangetrieben. Im deutschsprachigen Raum sorgte «DeepL» für Aufregung: Die kleine Firma mit Sitz in Köln lancierte im August 2017 ihren Onlineübersetzungsdienst mit der Ankündigung, im Vergleich mit bestehender Software die mit Abstand beste Qualität zu erbringen. Das habe ein Blindtest unter SprachexpertInnen ergeben, bei dem in diversen Sprachkombinationen die «DeepL»-Resultate dreimal öfter als jene der Konkurrenz als beste Übersetzung gewertet worden seien. Dass es der Firma gelang, sich sofort als neuer Branchenprimus zu etablieren, dürfte auf ihre Vorgeschichte zurückzuführen sein: «DeepL» ist aus Linguee heraus entstanden, einem digitalen Wörterbuch, das bereits seit 2009 online ist. Linguee verfügt gemäss eigenen Angaben über einen Datenschatz von einer Milliarde Textdokumenten in 25 Sprachen, aus dem nun auch «DeepL» schöpft.

Neben dem kostenlosen Onlineservice bietet das Unternehmen seit zwei Jahren auch eine zahlungspflichtige Option an, die KundInnen erlaubt, «DeepL»-Übersetzungen in ihre Arbeitsabläufe zu integrieren. Jüngst hat die Firma ausserdem ihr Sprachenangebot von ursprünglich sieben auf elf erhöht. Verglichen mit «Google Translate», das über mehr als hundert Sprachen verfügt, ist das wenig. Ausserhalb des deutschsprachigen Raums ist der Bekanntheitsgrad von «DeepL» denn auch wesentlich geringer.

Raphael Albisser

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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