Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Verloren im Dschungel Vietnams

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Schrille Farben, direkte Ansagen in die Kamera, von der Sprache bis zu den irrwitzigsten Handshakes wird schwarze Ghettokultur zelebriert: Kein Zweifel, «Da 5 Bloods» trägt die Handschrift von Spike Lee. Übersteigerung und Verfremdung sind zentrale Stilmittel, mit denen der afroamerikanische Regisseur immer wieder arbeitet, um dem Publikum eine dezidiert schwarze Perspektive im wahrsten Sinn des Wortes aufs Auge zu drücken. Demselben Prinzip sind die unvermittelt aufploppenden dokumentarischen Bilder verpflichtet – auf dass wirs uns nicht zu bequem im fiktionalen Raum der Geschichte einrichten. Die untote Vergangenheit soll uns immer wieder einholen.

In «Da 5 Bloods» setzt Spike Lee dieses politästhetische Programm ein, um den Finger in die nationale Wunde des Vietnamkriegs zu bohren. Da machen sich vier schwarze Veteranen nach fast fünfzig Jahren erneut in den Dschungel auf, um die sterblichen Überreste ihres damaligen Anführers Stormin’ Norman (Chadwick Boseman) nach Hause zu holen – inklusive einer versteckten Goldkiste, die Norman damals zur Reparationszahlung für das historisch erfahrene Unrecht der schwarzen Bevölkerung Amerikas erklärt hatte. In Rückblenden im quadratischen TV-Format, sekundiert von dokumentarischen Einsprengseln aus den Sixties, wird Norman zur Verkörperung des schwarzen Befreiungskämpfers stilisiert – einer Mischung aus Martin Luther King, Malcolm X, Muhammad Ali und Huey Newton.

Da ist viel übersteuerte Männlichkeit unter den vier Kumpeln, eine vielfach gebrochene Männlichkeit aber auch – gebrochen vom Krieg, vom rassistischen System, von der aktuellen Dynamik, die sich zwischen ihnen im Dschungel entfaltet. Genau dort verliert sich der Plot indes: Was als Hommage an John Hustons «Schatz der Sierra Madre» von 1948 angelegt ist, franst in den überlangen 154 Minuten ziemlich aus. Darüber kann auch die grandiose Performance von Delroy Lindo mit Trump-Mütze, Oxycontin im Sack und ungeliebtem Sohn im Schlepptau nicht hinwegtäuschen.

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