Nr. 34/2018 vom 23.08.2018

«Warum wacht ihr nicht auf?!»

Mit seinem neuen Film sticht Spike Lee mitten ins Wespennest: «BlacKkKlansman» ist eine so überbordende wie subversive Anklage gegen die White Supremacy zu Zeiten eines Weissen Hauses unter «Agent Orange».

Von Franziska Meister

Ausgebuffter Vermarkter seiner selbst: Spike Lee präsentiert «BlacKkKlansman». Foto: Vera Anderson, Getty

Was soll denn diese Baseballmütze jetzt? «Blacka» (schwärzer) steht in Grossbuchstaben drauf, die beiden A deutlich als Symbol der Ku-Klux-Klan-Gesichtsmaske erkennbar. Spike Lee war schon immer ein ausgebuffter Vermarkter seiner selbst wie seiner Filme. Subtilität ist dabei seine Sache nicht: Wenn Lee sein zentrales Anliegen verhandelt – schwarze Identität und was es bedeutet, als SchwarzeR in den USA zu leben –, dann tut er das «in your face», schrill und provokativ. Das gilt für sein Auftreten ebenso wie für die filmische Ästhetik, mit der er Ende der achtziger Jahre bekannt geworden ist: grelle Farben, überlaute Tonspur, extreme Kamerawinkel und Figuren, die ihre Message im Close-up dem Publikum ins Gesicht schreien.

In seinem neuen Werk «BlacKkKlansman», das ihm in Cannes den grossen Jurypreis und in Locarno den Publikumspreis eingebracht hat, greift der Filmemacher auf viele dieser Stilmittel zurück. Und stilisiert sich mit seiner Mütze sozusagen zum oppositionellen «Grand Wizard», wie der Anführer des bis heute aktiven rassistischen Geheimbunds genannt wird. Lees Mütze führt direkt ins Zentrum der Geschichte – einer wahren Begebenheit aus den frühen siebziger Jahren: Ron Stallworth (John David Washington), der erste Schwarze im Polizeikorps von Colorado Springs, infiltriert als Undercoveragent den lokalen Ku-Klux-Klan. Das funktioniert am Telefon, nicht aber von Angesicht zu Angesicht, weshalb Rons Kollege Flip Zimmerman (Adam Driver) als weisser Stallworth zum Einsatz kommt. Er mimt den Rassisten so überzeugend, dass er zum lokalen Anführer gewählt werden soll und sogar hilft, den Grand Wizard David Duke (Topher Grace) nach Colorado Springs zu locken – für dessen Sicherheit wiederum Ron Stallworth abbestellt wird.

Dumpfbacken und Soziopathen

Eine so unglaubliche, ja absurde Geschichte drängt sich geradezu für eine Satire auf. Das Publikum an der Zürcher Vorpremiere lacht denn auch oft und laut. Tatsächlich aber geht «BlacKkKlansman» weit über eine Komödie hinaus – Spike Lee verfolgt mit seinem Film ein dezidiert politisches Anliegen: Er warnt vor dem White-Supremacy-Gedankengut, das mit Donald Trump (Lee nennt ihn in Interviews nur «Agent Orange») wieder salonfähig geworden ist.

Das macht er gleich zu Beginn mit einer doppelten Rahmung klar. Die ersten Filmbilder stammen aus dem wohl berühmtesten US-Melodrama der Filmgeschichte, «Vom Winde verweht» (1939), das um den Amerikanischen Bürgerkrieg angesiedelt ist und nicht nur den Way of Life der Südstaaten glorifiziert, sondern auch auf die Geburtsstunde des Ku-Klux-Klans 1865 anspielt. Darauf folgt eine Sequenz im Mockumentary-Stil: Alec Baldwin, bekannt als Trump-Parodist der US-Show «Saturday Night Live», mimt einen White-Supremacy-Ideologen aus den späten fünfziger Jahren, der sich an seinen rassistischen Ausfälligkeiten gegen Schwarze und Juden aus der Bürgerrechtsbewegung geradezu verschluckt.

Der oberste Klanchef David Duke wiederum führt oft den Trump-Slogan «Make America great again» im Mund. Noch deutlicher wird die Parallele, als Stallworths Vorgesetzter den schwarzen Polizisten einen Naivling schimpft, weil dieser es nicht für möglich hält, dass jemand wie Duke eines Tages Präsident werden könnte. «Why don’t you wake up?!» – die Stimme scheint nicht vom Vorgesetzten, sondern aus dem Off zu kommen. Ein brechtscher Zwischenruf des Regisseurs, bekannt aus seinen frühen Filmen «School Daze» (1988) und «Do the Right Thing» (1989), wo der Weckruf am Ende respektive zu Beginn des Films erfolgt. In «BlacKkKlansman» steht er im Zentrum.

Es erstaunt deshalb erst einmal, dass Spike Lee die Mitglieder des Ku-Klux-Klans aus Colorado Springs als vollkommene Dumpfbacken und Soziopathen der Lächerlichkeit preisgibt. Tatsächlich aber ist diese satirische Überzeichnung ein geschickter Schachzug. Einerseits distanziert sich der Filmemacher damit deutlich vom rassistisch-antisemitischen Gedankengut, das er so expressiv ausbreitet. Zum anderen kontrapunktiert er diese absurde Seite des Klans mit einer viel differenzierteren und keineswegs verharmlosenden Darstellung des nationalen Anführers Duke sowie einem Erzählstrang, der zentrale Themen schwarzer Identität unter dem Brennglas von White Supremacy verhandelt: Soll man den institutionellen Rassismus der Polizei von innen oder von aussen bekämpfen? Sind Privatdetektiv oder Zuhälter, die Helden der damaligen Blaxploitation-Filme, die richtigen Rollenmodelle für Schwarze?

Ein doppelbödiger Streich

Im Kern kreist die Auseinandersetzung um die Tatsache, dass White Supremacy die eigene Identität deformiert und existenziell bedroht, um das Phänomen des «passing», also das Ausgeben als WeisseR, sowie das sprachliche Codeswitching. Und hier geht Spike Lee für einmal mit subversiver Subtilität zu Werke. Nicht Stallworth, sondern Zimmerman, der sich bislang völlig selbstverständlich als Weisser verstanden hat, wird durch die Undercoverermittlung mit seiner jüdischen Identität konfrontiert. Und der Stachel des zentralen Streichs, der darauf beruht, dass Stallworth seinen sprachlichen Duktus weisswäscht und so den Klan täuscht, zielt letztlich direkt ins Filmpublikum: Wenn John David Washington als Stallworth auch in Situationen, in denen sein vermeintlich «schwarzer Duktus» Lacher produziert, eigentlich ganz «normales» Englisch spricht, bezeugt das vor allem, wie tief die letztlich rassistische Vorstellung eines «schwarzen Duktus» in unseren Köpfen verankert ist.

Spike Lee räumt in «BlacKkKlansman» überhaupt mit einem der zentralen kulturellen Eckpfeiler nationaler Identität auf: «Birth of a Nation» (1915) von D. W. Griffith wird noch immer als Pionierwerk und Meilenstein der Filmgeschichte gepriesen, sein rassistisches Gedankengut oft in einem Nebensatz weggewischt. Lee hingegen entlarvt den Film (ursprünglicher Titel: «The Clansman») in einer rasanten Parallelmontage als zutiefst unmenschliche Hymne auf White Supremacy.

Während die Vorführung des Films anlässlich von David Dukes Besuch beim lokalen Ku-Klux-Klan in eine orgiastische Feier mit Popcorn und viel Gegröle mündet, berichtet Harry Belafonte der still versammelten Black Student Union von Colorado Springs am Beispiel eines von einem weissen Mob misshandelten und schliesslich gelynchten Schwarzen, welch abscheuliche gesellschaftliche Folgen «Birth of a Nation» zeitigte. Die Geschichte ist historisch verbürgt, und Belafonte hält übergrosse Bilder der Folterszenen, die damals als Postkarten verschickt wurden, in die Kamera.

Realität überholt Fiktion

Harry Belafonte, und das ist wichtig, steht im Film für sich selbst als Bürgerrechtsikone mit historischem Gewicht. In Stallworths Geschichte existiert er nicht. Und er ist nicht der Einzige. Gleich mehrere zentrale Figuren in «BlacKkKlansman» sind frei erfunden respektive gegenüber der realen Vorlage stark fiktionalisiert. So war der weisse Kollege von Ron Stallworth kein Jude, Stallworths Freundin keine Black-Power-Aktivistin, und auch das Klischee eines rassistischen Polizisten, der zuletzt von der Polizei selbst zur Strecke gebracht wird, existierte so nicht.

Sie alle dienen Spike Lee als Mittel zur politischen Aufladung und Verdichtung der Story zu der einen Aussage, mit der «BlacKkKlansman» endet: White Supremacy und der Ku-Klux-Klan leben weiter und bedrohen uns alle – egal ob schwarz oder weiss.

Ursprünglich endete der Film mit dem Bild eines brennenden Kreuzes. Im Nachhinein hat Spike Lee dokumentarisches Material aus Charlottesville angehängt – Rechtsradikale und RassistInnen, die am 12. August 2017 mit Nazi- und Klansymbolen marschieren; David Duke, der wieder öffentlich Reden schwingt; ein Schwarzer, der vom Entsetzen gezeichnet in die Kamera schreit, er habe sich eben vor einem Auto retten können, das in eine Gruppe von GegendemonstrantInnen gerast sei; Bilder von Heather Heyer, die dieser Attacke zum Opfer fiel; und eines Präsidenten, der all dies billigt mit den Worten, es habe auf beiden Seiten gute und schlechte Menschen gegeben. Mitunter setzt die Realität der Fiktion noch eins obendrauf. «Why don’t you wake up?!»

Jetzt im Kino.

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