Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Noch einmal mit Gefühl

Kapitalismus und andere Dämonen: Burhan Qurbani gelingt mit seiner Verfilmung von «Berlin Alexanderplatz» ein echtes Kunststück. Weit weg von einer oberflächlichen Aktualisierung eröffnet er einen ganz eigenen Dialog mit Alfred Döblins Roman.

Von Barbara Schweizerhof

Die Idee löst widersprüchliche Gefühle aus. Einerseits leuchtet sie sofort ein: Wenn schon einen Roman von vor hundert Jahren verfilmen, dann doch bitte mit einem Ensemble, das Diversität repräsentiert, und mit einem Akzent auf Themen, die ans Hier und Heute anschliessen. Andererseits könnte es aufgesetzt wirken, aus dem Lohnarbeiter Franz Biberkopf im Berlin des Jahres 1929 einfach einen Francis, Migrant aus Guinea-Bissau, zu machen. Denn was hat der eine mit dem anderen wirklich zu tun? Alfred Döblin hat in seinem Grossstadtroman «Berlin Alexanderplatz» viel Krisenhaftes erfasst, eine «Flüchtlingskrise» gehört nicht dazu.

Aber dann gelingt Burhan Qurbani (vgl. «‹Mit neunzehn magst du süssen Wein, mit fünfzig trockenen Bordeaux›») in seiner Adaption ein echtes Kunststück. Seine Umsetzung zieht von den ersten Bildern, ja von den ersten Tönen an in den Bann. Was wir hören, sind Atemgeräusche, ein Hecheln, das Anspannung und Angst signalisiert. Dann kommen Bilder dazu, Bilder von rot gefärbtem Wasser und zwei Menschen, einem Mann und einer Frau, die darin zu ertrinken drohen. Man hört die portugiesischen Worte «amor», «alma» und «espírito», die deutschen «Herz» und «Haut». So findet man sich sofort hineingeworfen in die Geschichte, «die Geschichte von meinem Francis», wie die Stimme einer Frau aus dem Off ankündigt, den es «an den Strand eines neuen Lebens gespült» hat und der einen Schwur tat: Von nun an wolle er ein anständiger Mensch sein.

Franz oder Francis

Der Einstieg überzeugt unter anderem deshalb, weil Qurbani hier die Gegenrichtung des Erwarteten einschlägt: Er macht aus Franz Biberkopf eben nicht einfach den Migranten aus einem afrikanischen Land, sondern er setzt Francis (gespielt von dem in Guinea-Bissau geborenen Schauspieler und Regisseur Welket Bungué) auf einen Pfad, der ihn erst noch dazu bringen wird, sich als «Franz» zu identifizieren. Nicht mit der literarischen Gestalt als solcher, sondern mit der döblinschen Idee dahinter: Franz als der Inbegriff eines «Proleten», eines Mannes, der eigentlich «nur anständig leben will», aber daran wieder und wieder scheitert. Nicht nur an äusseren Umständen, der Schlechtigkeit der Welt und den Widrigkeiten des Kapitalismus, sondern auch an seinen eigenen, inneren Dämonen – und vor allem der Unfähigkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Es ist ein Zugang, der anstelle einer oberflächlichen Modernisierung nach dem Motto «Berlin Alexanderplatz, aber jetzt mit Migranten» einen ganz eigenen Dialog mit Döblin eröffnet. Man muss dessen schwer zu lesendes Opus nicht mögen, um davon angeregt zu sein, wie Qurbani damit umgeht. Mit wenigen, entscheidenden Akzenten entzieht er den Figuren die Vertrautheit und macht sie neu wahrnehmbar: Aus dem Arbeitskollegen Otto wird Ottu (Richard Fouofié Djimeli), ein migrantischer Schicksalsgenosse; aus Herbert wird die Transfrau Berta (Nils Verkooijen), die mit Eva (Annabelle Mandeng), der «schwarzen Amazone», zusammenlebt.

Mitgefühl für den Teufel

Abgesehen davon hat Qurbani die Namen der Figuren weitgehend belassen. So heissen die für Franz wichtigen Frauen nach wie vor Mieze und Eva, sein grosser Antagonist ist der teuflische Reinhold, hinter dem der mächtige Unterweltsboss Pums steht. Gespielt wird Pums vom deutschen TV-Publikumsliebling Joachim Król, der seine Bonhomie so präzis dosiert, dass sie ins Bedrohlich-Eklige umschlägt. Aus Reinhold, der «kein Unhold» sein will, macht der geniale Albrecht Schuch einen faszinierenden Dämon, für dessen Verderbtheit man dann auch noch Mitgefühl entwickelt. Und Jella Haase, vielen nur als dreistes Dummchen Chantal aus «Fack ju Göhte» bekannt, verkörpert die Prostituierte Mieze wie gehabt als Berliner Göre, jedoch mit einer emotionalen Tiefe, die das Klischee von der Hure mit Herz von innen aushöhlt. Wenn sie auf Reinholds Frage, wie das sei mit der Liebe zwischen ihr und Franz, mit einem simplen «Schön ist das» antwortet: Das hat eine Wucht und eine Glaubwürdigkeit, wie man sie bei Döblins Text nie empfindet.

Verführt und abgestossen

Denn darin unterscheidet sich Qurbanis Auslegung ganz wesentlich von der Vorlage: in den Gefühlen, die der Film abbildet, wie auch in denen, die er beim Publikum evoziert. Wo Döblin auf Sachlichkeit aus war, aufs quasi teilnahmslose Beobachten, gelingt Qurbani eine Intensität, die vieles gleichzeitig auslöst. Man ist verführt und abgestossen, leidet mit und will wegschauen, man fürchtet um die einen und verwünscht die anderen, mit anderen Worten: Man ist nie gleichgültig.

Dafür sorgt nicht nur das Ensemble, sondern ein Zusammenspiel von Kamera und Soundtrack, das einen so kraftvollen Flow erzeugt, dass es einen gleichsam in den Sessel drückt. Ungeheuer treffsicher sind die Drehorte ausgesucht, von den verwahrlosten Plattenbaubaracken über die monokulturelle Ödnis der Berliner Grünanlagen bis zum Grossstadtglamour des neuen Alexanderplatzes. Dazu ein Sounddesign, das klassische Klänge mit naturalistischem Vogelgezwitscher, mit Stille und dann wieder mitreissendem Techno variiert. Realistisch, total zeitgemäss und zugleich in Sprache und Stil wundersam überhöht: So macht Qurbanis «Berlin Alexanderplatz» am Ende sogar Lust, Döblin wieder neu zu lesen.

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