Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Wer das Sterben verlernt

Von Valerio Meuli

Es gebe kein «vielleicht» mehr, schreibt der Basler Autor und Theatermann Boris Nikitin in seinem Buch «Versuch über das Sterben». Gemeint ist damit der Zeitpunkt, ab dem feststand, dass sein Vater sterben würde. Dieser, einst ein ambitionierter Sportler, bekam die Diagnose ALS, eine unheilbare Nervenkrankheit.

Über diesen Schock zu schreiben, ist Nikitins Vorhaben. Darüber schreiben, was es für einen Menschen bedeutet, dem sicheren Tod entgegenzugehen. Wie verändert sich das Leben in einer solchen Phase? Lebt man erst im eigentlichen Sinn, wenn man weiss, dass man bald stirbt? Durch die Schilderung seiner Familiengeschichte macht Nikitin sich Gedanken über den Zusammenhang von Leben und Tod und versucht dabei, die Thematik auch in einem überindividuellen Rahmen zu beleuchten. Passend leitet er seinen Text mit einem Zitat von Heiner Müller ein: «Ihr habt das Sterben verlernt, deswegen seid ihr zu keiner Revolution mehr fähig.»

Kurz nach seiner Diagnose dachte der Vater laut darüber nach, sich mithilfe einer Sterbeorganisation das Leben zu nehmen. Für den Sohn war das der zweite Schock, ein Coming-out sozusagen. Der Autor webt nun seine eigene Lebensgeschichte mit ein, schreibt darüber, wie es war, seinen Mitmenschen mitzuteilen, dass er homosexuell ist. An dieser Stelle fächert Nikitin den Begriff des Coming-outs auf, bei dem es stets darum gehe, etwas Unausgesprochenes vor anderen zu veröffentlichen, sein Schweigen zu brechen. Für ihn ist dabei zweitrangig, ob es um Sexualität geht – oder eben um den Wunsch, zu sterben.

Der Versuch, intimste Geschichte niederzuschreiben, sich so der Verletzlichkeit preiszugeben und gleichzeitig in grossen Zusammenhängen über das Sterben nachzudenken, ist gleichzeitig Stärke und Schwäche dieses kurzen Buches. So wechseln sich eindringliche, in schnörkelloser Sprache geschriebene Passagen mit Stellen ab, die ins Abstrakt-Soziologische schweifen. Aber vielleicht ist es gerade diese Mischung, die diesen persönlichen Essay in seiner Balance hält: weder zu pathetisch noch zu abgeklärt.

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