Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Im eigenen Land

Michelle Steinbeck hat kein Chalet

Von Michelle Steinbeck

Als Ueli Maurer feixend dazu aufrief, diesen Sommer für Sicherheit und Solidarität Ferien in der Schweiz zu machen, habe ich meine Pläne geändert. Eigentlich wollte ich ja ins Chalet in Gstaad und mit meiner Nachbarin Paris abhängen oder in die Villa in Herrliberg am See, um das 1.-August-Feuerwerk aus den 2,7 Millionen zu sehen. Dann habe ich gemerkt, dass ich gar kein Chalet habe. Wie sich herausstellt, habe ich auch keine Familie oder Freunde mit einem Chalet, nicht mal eine erschwingliche Berghütte habe ich auftreiben können.

Bleibe ich also zu Hause. Das Konzept «Ferien» ist in unseren Kreisen eh überholt; KünstlerInnen arbeiten immer. Und falls mal versehentlich eine Freizeit passiert, füllen wir sie schnell mit Projekten. Nur «Unglückliche» müssen in den Urlaub reisen, so steht es auch in der Berliner «taz». Die Glücklichen bleiben zu Hause und pflegen ihr nobles Burn-out.

Aber als ich sah, wie Ueli sich mit Fünflibern in den Augen die Hände rieb, dachte ich: Grad zleid! Der lauthals posaunten sogenannten Solidarität, die selbst nach dem Lockdown an nationalen Grenzen haltmachen soll, zum Trotz. Jetzt nehme ich mir frei und fahre zusammen mit all den vorbildlich Schweizli-Reisenden unauffällig durch den Gotthard. Aber im Gegensatz zu ihnen, die stocksteif an der Grenze stehen bleiben wie vor einer hypnotisierenden Schlange, renne ich einfach rüber und trinke meinen Kaffee dort. Ha!

«Familie Schweizer bleibt dieses Jahr im eigenen Land», schreibt die «Aargauer Zeitung». Die «glücklichen Wandersleute», «entspannten Camper» und «relaxten Stadtflaneure» – kurz: die «klugen Leute» – verlieben sich in Berge und Seen und in das Réduit. «Dank Corona werden diese Ferien zu den schönsten seit langem»: Statt dass sie mit Maske «nach Luft japsend durch die katalonische Gluthitze stapfen», stehen sich die klugen Leute vor der Seilbahn die Beine in den Bauch und holen sich einen stolzen Nasensonnenbrand. Das Beste dabei: Endlich wandert das Geld nicht mehr über die Alpen ab, sondern fliesst wie ein fröhlicher Bergbach direkt hinunter ins Tal.

Diese Propaganda der «Aargauer Zeitung» für Schweizer Tourismus zeigt ein Bild von einem Mann mit dem Attraktivitäts- und Sympathiegrad Houellebecqs, der mit Maske im ausländischen Meer schwimmt. Natürlich schwappt ihm die Welle trotzdem voll ins Gesicht. Typisch, ruft Familie Schweizer in Estavayer-Zältplatz am See, da sieht mans wieder! Wir brauchen keinen europäischen Maulkorb! Energisch rühren sie im Fondue auf dem Campingkocher und stecken sich einmal rund ums Caquelon mit dem «Pfnüsel» an. Familie Schweizer ist stolz auf ihren traditionellen Hauptansteckungsort.

Ennet der Grenze ist es übrigens ruhig. Ein Gefühl von Weite und Nebensaison. Heimliche Sorge und Scham verlieren sich im heissen Wind. Am Hals weht lässig die Maske, die beim Betreten eines jeden Gebäudes ganz ohne Aufhebens aufgesetzt wird. Ab und an hält einem ein netter Signore eine Pistole an die Stirn, zum Temperaturmessen. Reisen in Zeiten von Pandemie ist mit ein wenig mehr Vorsicht und An- beziehungsweise Abstand so horizonterweiternd wie zuvor: Es zeigt, dass es auch anders geht als zu Hause. Und dass es anders gar nicht mal schlechter ist. Die Infektionszahlen nicken zustimmend.

Michelle Steinbeck ist Autorin. Die Berge rufen sie nicht, und der erste August macht sie, wie ihre italienische Grossmutter zu sagen pflegte, nicht kalt und nicht warm.

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