Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Halleluja!

Michelle Steinbeck geht ins Kloster

Von Michelle Steinbeck

Ich werde erhört. Vielleicht sollte diese Kolumne einen neuen Namen bekommen: Wunschbrunnen. Oder: Das Orakel. Oder: I rant, you grant. Im Ernst: Danke, Ueli und Bundeshaus-Friends! Die letzte Pressekonferenz war mir ein Schmaus. Erst verkündet die Präsidentin unter den sieben Weisen mit ihrem charakteristisch sphinxhaften Lächeln, dass jetzt endlich auch der hinterletzte Hecht im Zug hinter der Maske husten muss. Um gleich danach wie nebenbei zu droppen, dass die gekappte Hilfe für Selbstständige doch weiter verlängert wird. Halleluja! Danke, Banke.

So weit, so gut. Jetzt dürfen wir aber nicht übermütig werden. Wir müssen weiter solidarisch bleiben. Jeden Tag sollten wir uns fragen: Wem können wir heute helfen? Denn nicht alle werden vom Staat gleich gut unterstützt. Manchen reicht es nicht einmal für eine selbstgenähte Maske für die Fahrt von Herrliberg nach Schloss Rhäzüns. Gerade diese besonders schutzbedürftigen Randgruppen geraten strukturbedingt gerne in den toten Winkel: Sie werden vergessen. Das darf nicht sein. Für die mittlerweile nachgewiesenermassen am meisten diskriminierte Gruppe der alten weissen Milliardäre müssen wir Platz machen in den zurzeit eingeschlafenen, aber im nächsten Lockdown sicher wieder aufblühenden Fensterklatschaktionen. Chrigi, wir denken fest an dich! Hör nicht auf die fiesen Gören von der FDP, die so arrogant daherreden von «angeblich unterbezahlt». Wir wissen, was du geleistet hast, und darauf kommt es an. Wir schliessen dich in unsere Gebete ein.

Denn auch Facebook hat mir Gehör geschenkt und mich auf meinen neuen Pfad geleitet. In all den Jahren habe ich diesen Konzern viel Geld und viel Mühen gekostet in seiner Mission, mich und meine Begehren tief im Innersten zu erkennen. All die gezielten Ads von Lippenaufplustergeräten, Partnerbörsen, Hochzeitsplanung, Babykisten und unsichtbaren Brustpumpen sind bei mir auf unfruchtbarem Boden gelandet. Doch nichts ist verschwendet, Facebook gibt seine Schäfchen nicht auf – bis zuletzt. Und das ist jetzt: Mark schickt mich ins Kloster. «Für suchende junge Frauen gibt es unser Angebot ‹Kloster auf Zeit›. Informiere dich, informieren Sie sich.»

Und vielleicht hat Mark recht. Dass es nun einfach weitergehen soll wie vorher, kann es irgendwie nicht sein. Denn dieser Lockdown hat uns doch einiges gezeigt. Zum Beispiel, dass es auch ohne ständiges Pendeln und ganze Tage in der Deutschen Bahn bei 42 Grad geht. Dass sowieso die viel kriegen, die schon zu viel haben, und die andern sind Schmarotzer. Dass wir zu unseren eigenen Avataren mutieren, uns im Internet noch mehr Videos von der brennenden Arktis, von misshandelten Schweinen und all den schreienden Ungerechtigkeiten der Welt reinziehen und sich trotzdem nichts ändert.

Auch dass die Grünen keine Wassermelonen (aussen grün, innen rot), sondern Zuckermelonen (innen CVP-farben) sein wollen. (War auch Glättli mal eine suchende junge Frau?) Und dass vor allem ein Garten schon schön wäre.

Das Angebot aus dem Kloster trifft tatsächlich auch den Zeitgeist. In meinem Umfeld zumindest ist zunehmend das Motto zu vernehmen: Zurück in die Isolation. Wieso eigentlich nicht? Dort kann ich endlich ungestört lesen.

Michelle Steinbeck ist Autorin mit einem Herz für alternde Milliardäre und Klostergärten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch