Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Auch grüne Männer lieben Technik

Von Bettina Dyttrich

Beim ersten Lesen tönt es toll: «Ab 2040 soll die Schweiz klimapositiv werden, indem sie dazu beiträgt, dass mehr Emissionen aus der Atmosphäre entnommen werden, als ausgestossen werden.» Das schreiben die Grünen in ihrem «Klimaplan», den sie am Mittwoch veröffentlicht haben. So solle die Schweiz ihre «historische Schuld an der Klimaerwärmung abbauen».

«Klimapositiv» heisst: Die Grünen wollen auf Carbon Capture and Storage (CCS) setzen. Dabei entnimmt man Fabrikabgasen oder der «normalen» Luft CO2 und lagert es unterirdisch. Viele WissenschaftlerInnen und auch der Weltklimarat gehen davon aus, dass sich die Ziele des Pariser Klimaabkommens ohne CCS nicht mehr erreichen lassen. Ob sie sich allerdings mit CCS erreichen lassen, steht in den Sternen. Dass das eingelagerte CO2 wieder entweicht, lässt sich zwar verhindern, indem man das CO2 mit Wasser und bestimmten Gesteinen reagieren lässt – so entsteht fester Kalkstein. Doch viele Probleme bleiben: Relevante Mengen CO2 aus der Luft zu entfernen, benötigt gigantische Mengen Energie und, wie der Umweltwissenschaftler Matthias Honegger letztes Jahr zur WOZ sagte, eine Infrastruktur, «die vergleichbar mit der globalen Infrastruktur der gesamten heutigen Energiewirtschaft ist» (siehe WOZ Nr. 5/2019). Viel sinnvoller, als solchen Gigantismus zu fördern, wäre es, die Emissionen so schnell wie möglich zu reduzieren. Das fordern die Grünen auch – doch der Traum von CCS kann illusorische Hoffnungen wecken, dass es vielleicht doch ohne grosse Reduktion geht.

Für eine Partei, die den Anspruch hat, ökologische und gesellschaftliche Fragen zusammen zu denken, ist der «Klimaplan» erstaunlich unkritisch gegenüber CCS. Autoren sind neben dem stellvertretenden Generalsekretär Urs Scheuss drei technikgläubige Männer: der Zürcher Nationalrat Bastien Girod, der Thurgauer Nationalrat und Maschineningenieur Kurt Egger und der Berner Kantonalpolitiker und Solarexperte Jan Remund.

Die Grünen geben sich betont feministisch. Gerade darum enttäuscht der «Klimaplan»: Grüne Feministinnen sollten die technischen Fragen nicht den männlichen Technikexperten überlassen.

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