Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Fatale Sehnsucht nach Einheit

Von Florian Oegerli

Dass Europa ein Antisemitismusproblem hat, sollte spätestens nach dem Anschlag von Halle allen klargeworden sein. Judenfeindliche Einstellungen finden sich keineswegs nur bei sogenannten EinzeltäterInnen: JedeR vierte Deutsche, so eine Studie, ist etwa der Meinung, JüdInnen hätten zu viel Einfluss auf Finanzmarkt und Weltpolitik.

Nur: Woher stammen diese Wahnvorstellungen? In ihrem hochintelligenten Essay «Überlegungen zur Frage des Antisemitismus» sucht die liberale Pariser Rabbinerin Delphine Horvilleur in der jüdischen Überlieferung nach den Spuren des Hasses. Die rabbinischen Texte ermöglichen dabei einen entlarvenden Blick auf die Psyche des Unterdrückers aus der Perspektive der Unterdrückten. Dabei wird klar: JüdInnen sind deshalb Feindbilder, weil sie zwar Teil der Gesellschaft sind, jedoch nicht vollständig in dieser aufgehen. Ihre blosse Anwesenheit straft die Fiktion einer homogenen Nation Lügen. Schon im Alten Testament fordert deshalb der Berater des Perserkönigs die Vernichtung der «verstreut und abgesondert» lebenden JüdInnen, da diese angeblich die Einheit des Reichs gefährdeten. Ebenso weit zurück reicht der Zusammenhang von Antisemitismus und Misogynie. Horvilleur schlägt einen überzeugenden Bogen von der Abscheu, die das Alphamännchen Esau angesichts seines «weibischen» Bruders Jakob empfindet, zu den antisemitischen Traktaten der Moderne. Diese stellten jüdische Männer als «manipulativ», «schwach» und «hysterisch» dar, bedienten sich also derselben Rhetorik, die auch zur Abwertung von Frauen benutzt wurde.

Im Juden- und Frauenhass wird die Angst offenbar, sich die Unabgeschlossenheit der eigenen Identität einzugestehen. Mit fatalen Folgen: So sieht die Autorin den Aufstieg der Nazis auch in einer Sehnsucht nach männlicher Restauration begründet. Derlei Überlegungen demonstrieren die Aktualität des Buches. Fällt es doch schwer, bei solchen Stichworten nicht an die Beliebtheit von Trump, Bolsonaro und Co. zu denken. Es ist kaum Zufall, dass der gegenwärtige Aufstieg von Autokratie und der zunehmende Antisemitismus zeitlich zusammenfallen.

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