Nr. 32/2020 vom 06.08.2020

Promis in freier Wildbahn

Ruedi Widmer über Intimität auf Distanz

Von Ruedi Widmer

Das Unheimliche an Häusern sind die Wände. Wände trennen Dinge voneinander ab, die sich nahe sind. Niemand weiss, wie es fünfzehn Zentimeter neben seiner eigenen Bettstatt aussieht, wenn dazwischen eine Wohnungswand ist und auf der anderen Seite ein anonymer Mietnachbar. Auch, was in den Wänden selber ist, ist beunruhigend. Vielleicht stehen unter dem Verputz unanständige Worte auf den Backsteinen, die mal ein Maurer hingekritzelt hat, und die immer neben einem versteckt sind. «So nah und doch so weit» (Erste Allgemeine Verunsicherung). Als Kind hatte ich einmal einen Traum, bei dem ich auf meinem Bett lag, und in der Wand war plötzlich ein breiter Riss im Verputz, und ich griff mit der Hand in diesen Riss hinein und brach ihn noch mehr auf. In der Wand drin war das All in Klein und ich hatte die Hände voller Galaxien; Sterne rieselten mir durch die Finger und zwickten mich, als stünden sie unter Strom.

Ich bin nicht besonders gut darin, Promis zu treffen. Natürlich habe ich schon prominente Personen gesehen, an Veranstaltungen, was kein Wunder ist in einem journalistischen Umfeld, wo politische Persönlichkeiten sich an die Journalistenhaut ansaugen wie Tintenfische.

Mit Promis treffen meine ich auf freier Wildbahn, wenn der Promi nicht mit seiner Prominenz hausiert, sondern sich privat bewegt. Genauer bin ich besonders gut darin, Promis nicht zu treffen, was ein Unterschied ist zu nicht gut sein im Promis-Treffen. Kürzlich bin ich sehr nahe an einer ehemaligen Bundesrätin vorbeigegangen, nämlich näher als die gesetzlich erlaubten 1,5 Meter, denn der Wanderweg war nicht besonders breit. Ich selber habe es nicht mal bemerkt, ich schaute nicht jeder Entgegenwanderin ins Gesicht, denn das waren sehr viele, weil ja alle Ferien in der Schweiz machten. Nach der Klärung des Umstands durch die Aufmerksamkeit meiner Frau machte ich ganz schnell ein Foto zurück. Darauf sieht man nur noch die Haare der um die Ecke verschwindenden Bundesrätin hinter einem Gebüsch. Ich habe viel mehr Freude an diesem komischen Bild, als ich an einem Selfie mit der Bundesrätin hätte (obwohl ich sie durchaus schätzte).

Vor einiger Zeit begegnete mir an einem eher abgelegenen Schweizer Ort ein international berühmter Schweizer Popmusiker und Weinbauer sowie Rindfleischhersteller. Auch das bemerkte ich nicht, obwohl dieser (noch vor Corona) 1,5 Meter hinter meinem Rücken durchging, während ich über ein Geländer gebeugt in einen Flusslauf starrte. Dank der Aufmerksamkeit mehrerer Bekanntschaften um mich herum wurde ich schliesslich darüber unterrichtet. Ich bin froh, Leute um mich herum zu haben, die mir sagen, was hinter meinem Rücken abläuft. Das heisst, ich sitze noch fest im Sattel meiner Macht als unaufmerksamer und gedankenverlorener Passant.

Ganz anders ist das beispielsweise bei Donald Trump, bei dem hinter dem Rücken eher getuschelt als vorbeigegangen wird. Trump, mein Amtskollege in Sachen Unaufmerksamkeit, fuhr übrigens mit seinem Begleittross letzten Januar nach dem Besuch des Wef Davos überraschenderweise durch die Autobahnumfahrung Winterthur zum Flughafen und hat mich dabei auch nicht gesehen, obwohl ich nur gut 1,5 Kilometer entfernt hinter seinem Rücken in meinem Atelier an Cartoons (sogar über ihn!) zeichnete. 1,5 Kilometer Entfernung sind bei einem weltberühmten US-Präsidenten etwa gleich intim wie 1,5 Meter bei einer ehemaligen Bundesrätin oder 1,5 mm beim neuen SVP-Präsi Marco Chiesa aus dem Tessin, dessen Nachname auf deutsch übersetzt «Martullo» bedeutet.

Einmal träumte ich von Trump, er war zu Gast in meinem Schulhaus von früher, und ich im Traum war ganz positiv überrascht von ihm, auch weil er so nahe war. Trifft man im Urlaub auf entfernte Nachbarn, die man sonst kaum grüsst, stehen sie einem in der Unheimlichkeit der Ferne ganz plötzlich seltsam nah, auch wenn der Wanderweg breiter als 1,5 Meter ist.

Ruedi Widmer ist Cartoonist und lebt in Winterthur.

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