Nr. 33/2020 vom 13.08.2020

Die unheilige Mary

In der Pose des selbsternannten Genies katapultierte sie sich einst aus der Provinz heraus. Jetzt gibts das wahnwitzig präpotente Teufelsbuch der Mary MacLane endlich auf Deutsch.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Wie ein hyperventilierendes Kind unserer Epoche: Mary MacLane auf einer undatierten Aufnahme. Foto: The Newberry Library

Rhetorische Frage am 19. Februar 1901, der kürzeste Eintrag in diesem Buch: «Bin ich nicht unerträglich eitel?» Keine falsche Bescheidenheit hier, schon gar nicht in solchen schamlosen Selbstbezichtigungen.

Unerträglich eitel? Als ob das nicht von der ersten Seite an klar gewesen wäre. «Ich bin ein Genie», heisst es da, eine Selbstanzeige, die sie noch unzählige Male wiederholen wird, mit nur leichten Variationen. «Mein Gehirn ist ein Sammelgefäss energischer Vielfalt.» Später einmal stellt sich die Autorin vor, wie sie wohl aussähe, wenn sie ein Tier wäre, und bastelt sich dabei ein recht extravagantes Haustier: eine unheimliche Mischung aus einem Schwein, einem Leoparden und einem Stinktier. Was ist das für ein ungebärdiges Fabelwesen, das hier schreibt?

Rundum nur Raubbau

Mary MacLane ist neunzehn Jahre alt, als sie sich schreibend als Genie erfindet, gestrandet in der Provinz am Rand der Rocky Mountains. Geboren in Kanada, wächst sie in der Kupferstadt Butte im US-Bundesstaat Montana auf. Fernab der kulturellen Metropolen, rundum nur Raubbau an der Natur und Sand und Ödnis, auch das wird sie immer wieder betonen: «Mein Sand, meine Ödnis», so beschwört sie fast zärtlich die elementaren Grundfarben ihrer Einsamkeit. Einer komfortablen Einsamkeit, die aber nicht weniger existenziell ist, bloss weil sie vom überbordenden Narzissmus der Jugend überlagert wird.

Dabei will Mary MacLane vor allem auch ein Vorbild überbieten. Inspiriert von den posthum erschienenen Tagebüchern der französischen Malerin Marie Bashkirtseff (1858–1884), setzt sie im Januar 1901 zu ihrer Selbstdarstellung an. Ihre Maxime: Was diese Bashkirtseff konnte, kann sie auch, aber besser. Also tiefgründiger, leidenschaftlicher und nicht zuletzt: grossspuriger. «Wo sie erstaunliche Eitelkeit und Einbildung besass», schreibt Mary MacLane, «bin ich noch eitler und eingebildeter.»

Bis April führt sie fast täglich Buch, im Herbst 1901 schickt sie ihr Manuskript an den erstbesten Verlag nach Chicago. Schon der Titel, den sie darüber setzt, ist eine verlockende Provokation: «I Await the Devil’s Coming». Eine junge Frau, die nur darauf wartet, dass der Teufel sie heimsucht? Ein Affront zu einer Zeit, da weibliche Bekenntnisliteratur höchstens dann statthaft war, wenn sie der moralischen Erbauung diente und die schreibenden Frauen ihre eigene Tugendhaftigkeit demütig zur Nachahmung ausstellten.

Der Teufel schon im Titel, das war dann aber selbst dem skandalerprobten Verlag von Kate Chopins «Das Erwachen» (1899) zu anrüchig. Als das Buch im April 1902 erscheint, trägt es den unverfänglichen, aber auch irreführenden Titel «The Story of Mary MacLane». Es avanciert sofort zum Bestseller – und seine Autorin zur nationalen Celebrity. Zigarren, Drinks und andere Produkte werden nach ihr benannt, der Ruhm, den sie schreibend herbeigesehnt hat, ereilt sie praktisch über Nacht. Sie zieht nach Chicago und dann an die Ostküste, führt bis zu ihrem Tod 1929 jenes Bohemeleben, das sie in ihrem ersten Buch erträumt hat.

Jetzt, da diese Aufzeichnungen endlich auch auf Deutsch erschienen sind, reiht sich «Ich erwarte die Ankunft des Teufels» in den anhaltenden Boom autobiografischen Schreibens ein. Alles sei wichtig, schreibt Mary MacLane an einer Stelle, und es klingt wie eine vorweggenommene Kurzformel für die detailversessene Alltagsprosa eines Karl Ove Knausgard, der die neuere Welle der Autofiktion in der Gegenwartsliteratur losgetreten hat. Eine Welle allerdings, die sich formal längst in so vielfältigste Richtungen aufgefächert hat, dass sie kaum mehr auf einen Nenner zu bringen ist.

Oder was hat eine Annie Ernaux mit jemandem wie Ocean Vuong gemein, die ja gewissermassen zwei Extreme autobiografischen Schreibens verkörpern? Ernaux blickt in ihren Büchern auf fast aufreizend unpersönliche Weise auf sich selbst und findet – scheinbar paradox – gerade in dieser Distanziertheit zu einer hochgradig persönlichen Schärfe; Vuong schafft umgekehrt Distanz zum «eigenen» Leben, indem er dieses in einer ungemein poetischen Sprache literarisiert, in seinem Roman «Auf Erden sind wir kurz grandios».

Mary MacLane wiederum, dieses Genie von eigenen Gnaden, wirkt im Reigen dieser neueren Autofiktionen kein bisschen aus der Zeit gefallen. So, wie sie sich in ihrem Teufelsbuch entwirft, erscheint sie manchmal gar wie ein hyperventilierendes Kind unserer Epoche. Ihr Hunger nach Ruhm, ihre hemmungslose Selbstbespiegelung, ihr hyperreflektierter Ennui: Wie ein Phantombild vereint sie eine ganze Reihe von Eigenschaften auf sich, mit denen man heute gerne die digitalen Millennials etikettiert. Aber das wäre verkehrt gedacht. Wenn schon, erinnert uns diese Mary MacLane daran, dass die obsessive Selbstbespiegelung, wie sie den Millennials nachgesagt wird, keineswegs ein Sondermerkmal welcher Generation auch immer ist, sondern ein Privileg der Jugend überhaupt, die ihren Narzissmus jeweils mit den Mitteln auslebt, die sie halt vorfindet.

Es wäre aber auch falsch, dieses Buch auf die Egozentrik der Autorin zu reduzieren, die diese so unverhohlen zur Schau stellt. Der penetrante Grössenwahn ist ja auch eine Form von Autosuggestion, mit der sich diese junge Frau aus ihrer geistigen Leere in der Provinz zu katapultieren versucht. Oder wie die Journalistin Juliane Liebert in ihrem Essay im Buch schreibt: «Die Geniepose ist der Code, der ihr zur Verfügung steht, um ihre Entfremdung und ihre Ansprüche auf das wilde Leben da draussen zu artikulieren.» Und Mary MacLane weiss, dass es nur ein winziger Schritt vom Genie zur Närrin ist und umgekehrt.

Flirt mit dem Teufel

«Habe ich sie liebgewonnen?», fragt sich denn auch die Übersetzerin, die Lyrikerin Ann Cotten, in ihrem Nachwort zur deutschen Ausgabe. Klare Sache: «Ja und nein.» Mary MacLane ist einsam, sie ist ein Genie, sie verhungert in ihrer Ödnis  – sicher, dieses Buch ist immer wieder enervierend in seiner Redundanz. Aber die Litanei dieser Frau hat auch etwas von einem Popsong. Sein Refrain sind ihre Verlorenheit, ihr Weltekel und ihr unbedingter Wille zum Glück.

Und da ist noch mehr, viel mehr. Da ist ihre Liebe zu einer früheren Lehrerin, die sie nur «meine Anemonendame» nennt. Ein Begehren, das platonisch bleibt, weil die Angebetete schon weggezogen ist. Da ist ihr abgründiger Flirt mit dem Teufel, von dem sie sich Erlösung erhofft, gerne auch in drastischen Unterwerfungsfantasien: Fifty Shades of Teufelsanbetung. Nie im Leben, schreibt sie, möchte sie «jenes abartige, gnadenlose Tier werden, jene missgebildete Monstrosität – eine tugendhafte Frau». Und da sind ihr untrügliches Gespür für richtig gesetzte Pointen, ihr böser Witz, wenn sie sich über stereotype Romanheldinnen lustig macht. Dezente Anmut, gezügelter Appetit: zum Teufel damit! Mary MacLane dagegen kann seitenlang schwärmen, wenn sie gerade ein blutiges Porterhouse-Steak verspeist hat.

In ihrer Freude am eigenen Körper taugt sie getrost zur Galionsfigur der Body-Positivity-Bewegung. Als sie zur Beschreibung ihres Körpers ansetzt, kommt ihr zuallererst ihre prächtige Leber in den Sinn, und ihr Darm räkelt sich dann «wie eine Schlange im heissen Staub». Nur ihr Herz ist verholzt in ihrer elenden Einsamkeit.

Bei aller fulminant vorgetragenen Abscheu über ihr trostloses Umfeld zeigt sie sich mittendrin plötzlich als Lokalpatriotin, wenn sie die atemberaubende multikulturelle Vielfalt in der Kupferstadt Butte feiert. Von den Arbeiterkämpfen, die in jener Zeit in der Boomtown toben, schneidet sie in ihrer Selbstbezogenheit kaum etwas mit. Aber wie sie einmal auf vier Seiten ihr ganzes privilegiertes Elend ins Bodenlose spiegelt, allein angesichts der sechs Zahnbürsten ihrer Familie, die immer so zermürbend ordentlich auf dem Badezimmersims stehen: grandios! «Ich fühle, was sein könnte», schreibt sie. «Und es gibt nichts. Es gibt sechs Zahnbürsten.»

In Passagen wie diesen erweist sich dieses Buch auch ästhetisch als durch und durch moderner Text. Ein «Dokument von drei Monaten Nichts» hat es die Autorin genannt. Man könnte auch sagen: ein Dokument von permanentem Aufschub und rasendem Stillstand. Sie wartet auf den Teufel, aber er kommt und kommt nicht.

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