Nr. 12/2020 vom 19.03.2020

Ohne Bomben kein Ich

Der vietnamesisch-amerikanische Autor Ocean Vuong erzählt in zärtlichster Sprache von der Aneignung einer fremden Welt. Nach dem Erfolg seines Romans «Auf Erden sind wir kurz grandios» wurden nun auch seine Gedichte auf Deutsch übersetzt.

Von Alice Galizia

Sich die neue Welt zu eigen machen, die um einen herum liegt, heisst auch Distanz schaffen: Schriftsteller Ocean Vuong. Foto: Celeste Sloman, Laif

Im Nagelstudio riecht es nach Formaldehyd, Toluol, Aceton, Reiniger und Bleichmittel. Es ist ein mit giftigen Dämpfen gefüllter Raum, manche bekommen Asthma, weil sie so viel Zeit darin verbracht, Hausaufgaben dort erledigt, mitgeholfen haben. Im Nagelstudio aufwachsen, das heisst auch dort kochen, und darum riecht es nicht nur nach Chemie, sondern auch nach Knoblauch, Zimt, Ingwer, Minze und Kardamom: In den engen Hinterräumen zischen Woks, knacken Kessel voll mit siedender Pho. Das Nagelstudio ist Arbeitsplatz, Küche, Klassenzimmer, Raum für Geschichte und Erinnerung. Aber Achtung, jetzt nicht romantisieren: Das Nagelstudio ist auch der Ort, wo Hoffnungen begraben werden, Symbol dafür, dass es den amerikanischen Traum nicht gibt.

Ocean Vuong ist an einem solchen Ort aufgewachsen: in Hartford, Connecticut, wo er 1990 im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie ankam, geflüchtet aus Vietnam. Sein Roman «Auf Erden sind wir kurz grandios», der letztes Jahr erschien, ist ein Brief von Vuongs Alter Ego Little Dog an seine Mutter, die diesen nie lesen wird, weil ihr Englisch dafür nicht gut genug ist und sein Vietnamesisch zu schlecht für eine Übersetzung. Er handelt vom Grosswerden in vergessenen Räumen, wo Little Dog von Mutter, Grossmutter und Tante aufgezogen wird. Sechs Tage die Woche arbeitet die unter posttraumatischer Belastungsstörung leidende Mutter im Nagelstudio, der Vater ist schon lange weg, die Grossmutter schizophren.

Zu Zärtlichkeit geprügelt

Auf Vuong aufmerksam geworden ist man im englischsprachigen Raum allerdings schon 2016, als sein Gedichtband erschien, der mit mehreren Preisen ausgezeichnet und nun auf Deutsch übersetzt wurde. «Nachthimmel mit Austrittswunden» heisst das Bändchen, das wie der Roman in sorgfältig gewählten Worten vom Ankommen erzählt, von Zugehörigkeit und vom Fremdsein. Von MigrantInnen erwarte man immer, dass sie – wenn überhaupt – eine Autobiografie schreiben, antwortete Vuong einmal in einem Interview auf die Frage, warum er Gedichte schreibe. Darauf habe er keine Lust gehabt. Trotzdem ist sein Roman autofiktional. Hier sehe er sich in der Tradition des US-amerikanischen autobiografischen Schreibens, sagt Vuong, er wolle ungefähr bei der Wahrheit anfangen – und mit Kunst enden. Seine Lyrik scheint derweil stärker noch als die Prosa eine Suchbewegung zu sein, ein Kreisen um wiederkehrende Themen, das Leerstellen erlaubt und Erklärungen auslässt.

Die Austrittswunden im Titel des Lyrikbands sind programmatisch für ein Schreiben, das von Gewalt durchzogen ist. Eine Gewalt, die zu Hause präsent ist und im Krieg, in den kaputtgearbeiteten Händen der Mutter, in ihren Schlägen und jenen der Kinder im Schulbus, in der Liebe, im Sex. «Ich weiss nicht / wie man einen Mann zart liebt», schreibt Vuong im Gedicht «In die Bresche» – «Zärtlichkeit / etwas, zu dem man geprügelt / wird.» Überhaupt schon aufzufallen kann in Gewalt enden, weshalb die Mutter im Roman Little Dog davon abrät: «Du bist schon vietnamesisch.» Migration hat viel mit Gesehenwerden zu tun, so hat man bei Vuong den Eindruck, mit der Frage, wer einen überhaupt wahrnimmt in der Fremde. Nur: Will man das – sicher sein, dafür unsichtbar?

Wenn man sich die Sprache zu eigen macht, den Ort, die Abläufe, wie es Little Dog irgendwann tut, wenn man zu verstehen beginnt, wo man ist, und sich einiges endlich erklären kann: dann ist man angekommen in einem Land, das nicht nur Schutz bietet, sondern auch das Land ist der Opioidkrise, der Ausgrenzung, des Rassismus. Ein Land, das wie das Heroin, das sich die Freunde von Little Dog in die Armbeugen spritzen, Verheissung bedeutet, dich auffängt und trägt, dich aber auch fallen lassen kann, weit runter. Und auch ein Land, in dem zwei schwule Männer in ihrem Haus verbrannt werden – einfach deshalb, weil sie schwul sind. Zeugnis davon ist bei Vuong eine leere Seite Gedicht mit Fussnoten, «Siebter Kreis der Erde». Die Auslassung als Zeichen für die Sprachlosigkeit, die einer solchen Tat folgt, die Fussnoten als lautestmöglicher Versuch, die Tat zu fassen: «Schatz, / schau. Schau mal, wie glücklich wir sind / niemand zu sein / & immer noch / Amerikaner.»

Ein eigener Raum

Aber sich die Sprache zu eigen machen und die neue Welt, die um einen herum liegt, heisst auch Distanz schaffen: zur Herkunft, zur eigenen Familie, vor allem zur Mutter, die das Englische nie richtig meistert. Schreiben bedeutet für Vuong Begreifen, aber es heisst für ihn auch immer und von neuem, sich von der Mutter zu entfernen. In einem Interview mit dem Radiosender NPR sagte Vuong, als Migrant über jene zu schreiben, die man liebt, bedeute immer Erhaltung, aber auch Betrug. Die migrantische Welt erfahrbar machen, das heisst auch, Geheimnisse auszuplaudern – die fehlende Sprache der eigenen Familie macht das Erzählte für sie unüberprüfbar. So heisst es in «Tägliches Brot»: «Ich weiss / nichts über mein Land. Ich schreibe Sachen / nieder. Ich baue mir ein Leben auf & reisse es entzwei / & die Sonne scheint weiter.» Schreiben als Hilflosigkeit, aber trotzdem als einziger Weg.

Die Distanz zur Mutter verstärkt sich im Roman auch durch Little Dogs Homosexualität. Als er ihr mit siebzehn Jahren davon erzählt, fragt sie, wann das passiert sei: Sie habe doch einen gesunden Jungen zur Welt gebracht, und er solle auf keinen Fall ein Kleid tragen. In der Beschreibung von schwuler Sexualität wird er an manchen Stellen explizit, schreibt von Schmerz und Unsicherheit, vom Erleben der Sexualität als ständiges Scheitern und Wieder-von-neuem-Versuchen – und davon, gerade darin Lust zu finden. Trotz der Scham und des anfänglichen Versteckens bedeutet die Sexualität für Little Dog auch das Ergründen eines eigenen Raumes, eines Orts, der ihm selbst gehört.

Aber die Familiengeschichte, der Krieg, Vietnam – sie bleiben, auch wenn Vuong selbst die Bomben nicht erlebt hat, die Sprache nicht besonders gut spricht und das Land nur aus Besuchen und Erzählungen kennt. «Ein amerikanischer Soldat fickte ein vietnamesisches Bauernmädchen. Deshalb gibt es meine Mutter / gibt es mich. Deshalb keine Bomben = keine Familie = kein Ich.», schreibt er im Gedicht «Notizbuchfragmente». Auch der Name Little Dog übrigens kommt aus dem kleinen vietnamesischen Dorf, in dem die Grossmutter aufgewachsen ist: Dort gibt man den kleinsten Kindern Übernamen wie Teufel, Bastard oder eben Hund – damit allfällige böse Geister, die vorbeiziehen, sie verschonen. Jemandem einen schäbigen Namen geben heisst also, ihn besonders zu lieben, ihn schützen zu wollen. Auch hier also: Nur wer unsichtbar ist, ist auch wirklich sicher.

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