Nr. 34/2020 vom 20.08.2020

Der Hunger als Verfassung

Eine Befreiung der Literatur aus dem Korsett des Romans: Die Autorin Dorothee Elmiger legt mit «Aus der Zuckerfabrik» ein brillant geschriebenes Buch vor.

Von Martina Süess (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Auch für abgedroschene Motive findet sie ihre eigene, bezaubernde Sprache: Dorothee Elmiger in Zürich mit Papaya.

1986 werden in einem Spiezer Gasthaus die Habseligkeiten des ersten Schweizer Lottomillionärs versteigert. Sieben Jahre nachdem Bauarbeiter Werner Bruni das grosse Los gezogen hat, ist er bankrott. In der Konkursmasse befinden sich zwei dunkle Holzfiguren, angeblich aus der Karibik, wohin Bruni kurz vor dem Absturz in die Armut eine letzte Reise unternommen hatte. Die Frauenfiguren provozieren Heiterkeit und anzügliche Sprüche: «Wer macht ein Angebot? Schaut nur diese Brüste an. (Lachen.)» Dann, nachdem sie für 35 Franken versteigert wurden: «Dann sind diese alten N----- auch weg da.»

Brunis Bankrott ist nur eine von unzähligen Geschichten, denen Dorothee Elmiger in ihrem Buch nachspürt, das es soeben auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat. «Zucker, LOTTO, Übersee» seien die Themen, die sie erkunde, schreibt die Autorin über ihre Arbeit. Und ausserdem: «Das Begehren». Das Begehren nach Zucker, nach Liebe, nach Ekstase, nach der «Eroberung der Natur oder der Jungfrau», nach dem «gewaltsamen Vordringen in neue Gebiete (Übersee)» oder nach «Bratkartoffeln im Überfluss».

Dichterin und Historikerin

Dorothee Elmiger, im Kanton Zürich geboren und im Appenzell aufgewachsen, gilt als eine der vielversprechendsten Schweizer SchriftstellerInnen, seit sie 2010 mit ihrem Debüt «Einladung an die Waghalsigen» Publikum und Kritik verblüffte. Der Roman der damals 24-Jährigen erhielt den renommierten Rauriser Literaturpreis. Es folgten ein zweiter Roman («Schlafgänger», 2014) sowie zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem der Erich-Fried-Preis 2015. Ihre Bücher seien «hochpolitisch, aber sie predigen nicht, sondern eröffnen mit einem Sturm nie zuvor gesehener Bilder Räume und überschreiten Grenzen, ohne ihr Geheimnis zu verraten», so die Jury.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen an das dritte Buch. Doch Elmiger übertrifft sie mit Leichtigkeit: «Aus der Zuckerfabrik» ist eine Befreiung der Literatur aus dem Korsett des Romans, ein Fest des Erzählens, eine tollkühne Forschungsreise in die Ökonomie der Macht und des Begehrens und in die Abgründe unserer kollektiven Phantasmen. Elmiger ist Dichterin, Historikerin, Analytikerin, Theoretikerin und begnadete Erzählerin in einem. Kurz gesagt: Sie kann richtig gut mit Texten umgehen.

Nicht nur mit ihren eigenen Texten, sondern auch mit jenen Texten, in denen sie die Geschichte unserer Gegenwart aufspürt: Fallberichte, autobiografische Aufzeichnungen, ökonomische Traktate, überlieferte Anekdoten, Kolonisationstheorien und natürlich die Literatur, die ja selbst immer aus historischen Quellen geschöpft und wiederum zur Geschichtsschreibung angeregt hat. Elmiger liest das Archiv, das unsere «Geschichte» darstellt, neu und hinterfragt so auch die Bedingungen, unter denen Geschichte entsteht und überliefert wird. Max Frischs «Montauk», Heinrich von Kleists «Verlobung in St. Domingo», Karl Marx’ «Kapital», Marie Luise Kaschnitz’ Aufzeichnungen, das Büchlein der Teresa de Ahumada, einer Heiligen des 16. Jahrhunderts, die Texte des Montauk Indian Samson Occom aus dem 18. Jahrhundert und viele mehr: Sie alle zeugen von jenem «Hunger als Verfassung», dem Elmiger auf die Spur kommen will.

Dabei liest sie die Texte gegen den Strich, ignoriert die eingefahrenen Deutungsmuster und entlockt den Quellen neue Geschichten. Zum Beispiel die Geschichte von Ellen West, die als berühmteste Anorektikerin in die Psychiatriegeschichte einging: «Ellen West, 1888 in Übersee geboren, übersiedelt mit ihrer Familie, von der es heisst, sie sei vermutlich jüdisch und vermögend gewesen, noch als Kind nach Europa.» In den berühmten Fallstudien des Psychiaters werden Wests Essstörungen als Ausdruck eines pathologischen «Lebens- und Machthungers (‹Ehrgeiz›) überhaupt» gedeutet und die Ursachen dafür in ihrer Biografie gesucht. Doch Elmiger verlässt sich nicht auf die psychiatrischen Zuschreibungen, sondern fragt sich, wie man der Biografie dieser Frau tatsächlich gerecht werden könnte. Sie liest Wests Tagebücher und Briefe und erzählt ihre Geschichte neu, befreit von der engen Perspektive der zeitgenössischen Psychopathologie, die in jeder unglücklichen Frau eine Hysterikerin sieht und weibliche Verzweiflung auf individuelle Ursachen zurückführt.

«Die passabelste Möglichkeit, noch einmal über EW zu schreiben, nachdem so viele es schon getan haben, liege vielleicht in der vollständigen Abkehr von der Analyse und den Studien», schreibt Elmiger und erzählt die Geschichte einer Frau, «die sich zweimal verlobt und diese Verlobung auf Wunsch des Vaters wieder löst, der kein Pferd zu gefährlich ist, die liest und sich für die politische Ökonomie interessiert, erst Revolution machen will, […] dann wieder Hals über Kopf in die Tiefe stürzt.» Eine Frau, die sich vor ihrem eigenen Lebenshunger fürchtet: «Wenn ich merke, wie viel ich essen kann, erwacht in mir eine furchtbare Angst vor mir selbst. Eine Angst vor dem Tierischen in mir. Eine Angst vor etwas Uferlosem, in das ich zu versinken drohe.»

Elmiger hat einen siebten Sinn für solch unerlöste Geschichten. Durch ihre raffinierten Verknüpfungen zeigt sie, dass gerade auch das Privateste politisch ist: Dass die Frage, wer was und wie viel begehren darf, immer an die herrschenden Verhältnisse gebunden ist – und sie wiederum bestimmt.

Träume und Selbstgespräche

Wer so hellsichtig liest, denkt auch über die Bedingungen der eigenen Texte nach: «Nachdem ich meine Notizen und Kopien lange Zeit in der ‹Zucker›-Mappe abgelegt und gedacht habe, den Ereignissen, den Personen und ihren Begehren, ihren Verstrickungen folgen zu können, ohne mich selbst ins Spiel zu bringen, verstehe ich, dass es sich dabei immer schon um ein Missverständnis gehandelt hat. Es ist mein Körper, der da liegt, zwischen den verstreuten Dingen anderer, der zutiefst verwickelt ist in alles, was passiert, und das, was ich zuvor als Material abgelegt habe.»

Die Konsequenz: Elmiger findet eine literarische Form, in der die eigene Verwicklung lesbar bleibt. Erzählstränge werden durch Träume, Kindheitserinnerungen, Selbstgespräche oder Interviews unterbrochen, in denen die Autorin über sich und ihr Vorhaben Auskunft gibt. Dazu kommt das gewissenhafte Protokollieren der eigenen Emotionen. Die Sehnsucht nach C., dem Liebhaber, der sich rarmacht, zieht sich als einer von vielen Strängen durch das Buch. In diesen Passagen beweist Elmiger, dass sie auch für abgedroschene Motive ihre eigene, bezaubernde Sprache findet:

«Ich möchte, schreibe ich noch in dieser Nacht an C., dich gern zum Essen einladen, ich kann eine hingebungsvolle Gastgeberin sein, ich serviere drei Gänge, und zum Schluss reiche ich Käse und frische Feigen oder wir begeben uns, plaudernd und rauchend, zum Papayabaum, wo ich die reifste Frucht direkt vom Stamm löse und mit einem Längsschnitt öffne, sodass die von hellem, süssem Fruchtfleisch umgebenen schwarzen Samen zutage liegen und mit einem Löffel entfernt werden können.»

Es gibt wenige Bücher, die so schön, so intelligent, so tiefgründig und verspielt und dazu noch so brillant geschrieben sind wie «Aus der Zuckerfabrik».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch