Nr. 44/2014 vom 30.10.2014

An der Amazonstrasse dem Tod ausweichen

Die Schriftstellerin Heike Geissler hat ein Buch über heutige Arbeitsbedingungen geschrieben. Präzise und schalkhaft berichtet sie aus dem Innern eines Amazon-Verteilzentrums.

Von Dorothee Elmiger

«Ich hatte die Vorstellung», so heisst es ungefähr in der Mitte des Buchs, «dass Sie und ich, immer wenn jemand sagt ‹So ist es und so bleibt es›, wenn einer also behauptet, nichts ändere sich jemals wirklich und nie zum Guten, dass wir dann zugleich hintenüber fallen und zu lachen beginnen. Wir hatten in meiner Vorstellung eine feine Choreographie des Fallens und Lachens und natürlich mussten wir oft fallen und lachen.» Es ist Sonntagabend, und bald beginnt die Arbeitswoche in der Versandhalle der Amazon Distribution GmbH an der Amazonstrasse in Leipzig von neuem.

Niemand lacht in diesem Moment, auch der Leserschaft ist nicht zum Lachen zumute. Denn schon auf den ersten Seiten des Buchs wurden Sie und ich, die Lesenden, von Autorin Heike Geissler losgeschickt, um eine Stelle «als Versandmitarbeiter für das Weihnachtsgeschäft» anzutreten und zu sehen, wie es uns ergeht an diesem Ort – ob wir uns besser schlagen als sie, die alles bereits hinter sich hat und aus Erfahrung spricht. «Sie gehen los, ich begleite Sie und sage Ihnen, wie alles ist und was Ihnen passiert», schreibt die Autorin und verpasst uns zwei Söhne, einen Mann und ihren Beruf, wir schreiben rote Zahlen, wir brauchen Geld. Zudem, so erfahren wir, weicht vom Moment unseres Eintretens in das Unternehmen das, was die Autorin «das Tödliche» nennt, nicht von unserer Seite.

Der Hinweis auf den Tod und die Betonung der Sterblichkeit, so schreibt der britische Sozialhistoriker Edward P. Thompson in seinem Essay «Blauer Montag – über Zeit und Arbeitsdisziplin», seien mit Beginn der Industrialisierung fester Teil jener Rhetorik geworden, die die ArbeiterInnen zur Anpassung an die neue Zeitdisziplin und zu höchster Produktivität anhielt. So stellte der britische Pfarrer Oliver Heywood im 17. Jahrhundert fest, die Zeit sei «ein allzu wertvolles Gut, um missachtet zu werden. Sie ist die goldene Kette, an der die ganze Ewigkeit hängt; der Verlust von Zeit ist unverzeihlich, denn er ist durch nichts wiedergutzumachen.»

Diesen nicht wiedergutzumachenden Verlust der Zeit – wenn auch aus der entgegengesetzten Perspektive der Angestellten – meint auch Geissler, wenn sie ganz zu Beginn ihres Berichts fragt: «Geht es hier eigentlich um Leben und Tod?» Haben die Arbeit in der Amazon-Versandhalle, der Verlust der Zeit am Arbeitsplatz mit dem Tod zu tun, auch wenn die Belegschaft das Gelände abends doch lebend verlässt? «Nicht direkt, aber irgendwie ja doch», schreibt die Autorin, «es geht darum, wie sehr der Tod ins Leben darf. Oder das Tödliche. Also das, was uns umbringt.»

Ins Tote legen

Als Lesende betreten wir nun das Gelände des Unternehmens, um an einem Bewerbungstag teilzunehmen, wir stellen unsere Fähigkeiten in den verschiedenen Arbeitsfeldern (Wareneingang, Wareneinlagerung, Kommissionierung, Verpackung) unter Beweis: Kisten müssen korrekt gestapelt, Produkte verpackt werden; und schon an dieser Stelle, wenn der Prüfer mit der Stoppuhr in der Hand dem älteren Testarbeiter, der vergeblich versucht, eine DVD ordnungsgemäss zu verpacken, zuruft, die Zeit sei um, geben wir der Autorin recht: Hier geht etwas Tödliches um.

Wir überstehen das Testverfahren und kehren an die Amazonstrasse zurück: Mit den Augen der Autorin betrachten wir alles und sehen ausgesprochen deutlich und klar, vieles fällt uns auf, was wir selbst nicht so scharf erblickt und verstanden hätten. Wir sehen die langen Regale, in denen die Waren liegen, Tassen, Käseraffeln, Spielzeug, Lampen. Wir begreifen einiges über das Amazon-Weihnachtsgeschäft, und wir begreifen es in all seiner Komik, weil Geissler mit der Sprache anfängt, weil sie der Frage nachgeht, was sich in der Sprache so zeigt, und weil sie einen feinen Sinn für Humor hat:

«Tote scannen
ASIN scannen
ASINs scannen, bis genug im Tote ist
Tote full
next Tote»

Artikel, lernen wir, müssen gescannt, dann «ins Tote» gelegt werden. «Tote, wie das klingt, sagt Hans-Peter. Wie im Krematorium, wo sind wir denn hier. (…) Norman macht klar: Ihr könnt das Tote ja Kiste nennen, aber es hilft euch nichts, denn das Tote heisst Tote und heisst überall Tote. Besser, ihr merkt es euch gleich.» Schleicht sich beim Scannen – von Plüschtieren zum Beispiel – ein Fehler ein, muss der «Problemer» gerufen werden. Der «prüft den Inhalt des Totes, sagt, Sie hätten zwei Gildehard Günsburg ins Tote gelegt, jedoch nur einen ins System gebucht. Alle einzeln scannen, sagt er. Aber, sagen Sie. Alle einzeln scannen, wiederholt er.»

Auch Bücher werden gescannt, die Autorin steht in der Versandhalle und scannt Bücher, weil von ihrer eigentlichen Arbeit, dem Schreiben, schlecht gelebt werden kann. Was ist Arbeit, was ist der Lohn dafür, und was fängt man an mit Gertrude Stein, deren Arbeit als Dichterin ihren Anfang jeweils beim Bad in der Wanne nahm?

Der Arbeitgeber bin ich

Artikel um Artikel wird gescannt, Waren werden bereitgestellt, um sie zu «receiven», die zugige Versandhalle wird gefegt, den Arbeitenden wird die Zeit genommen und ist durch nichts wiedergutzumachen. Tapfer schlagen wir uns, oft ziehen wir die Literatur zurate – es gilt: «Sie sollten das handhaben wie der beim ersten Versuch gescheiterte Held eines höfischen Romans: Sie müssen nochmals ausreiten und diesmal klüger handeln.» Als schon Schnee liegt und Weihnachten näher rückt, stellt uns die Autorin einige Zeilen von Helga Novak zur Seite: «Dem das Gefrierhaus gehört, der nimmt / meine Arbeit. (…) Ich, da mir nichts gehört, gebe ihm meine / Arbeit. ER ist der Arbeitnehmer. / Der ArbeitGEBER bin ich.»

Nicht Amazon allein ist das Thema – die 1977 im sächsischen Riesa geborene Geissler hat einen Bericht über Arbeit und heutige Arbeitsbedingungen «in ihrer geläufigsten Ausprägung» geschrieben, über schlecht bezahlte und befristete Beschäftigungsverhältnisse, wie sie vielerorts anzutreffen sind, über Frauen und Männer, Schichtarbeiter, Leiharbeiterinnen, die sich auf einem flexibilisierten Arbeitsmarkt behaupten müssen, kurz: über «die Übersetzung Ihrer Zeit und Kraft in Geld», die selten zum eigenen Vorteil ausfällt.

Und noch viel mehr steckt in diesem so schalkhaften, präzisen Text. Geissler breitet ein weites Panorama aus: Hannah Arendt und Elfriede Jelinek kommen darin vor, Paul Lafargues übermütige Gevatterinnen aus seiner Schrift «Recht auf Faulheit» von 1880, die Agentur für Arbeit (deren Türen spätestens beim Verlassen kaputt geschlagen werden sollten), gut verdienende Bekannte, die in ausladenden Wohnungen leben, neben dem Kinderbett Adornos «Minima Moralia», eine Mutter, die die Spuren der Arbeit am eigenen Körper davonträgt und trotzdem noch nicht ihre Ruhe haben soll.

Unproduktivität gepaart mit Frechheit

Uns Lesenden trägt die Schreibende auf, es besser zu machen als sie selbst und die Arbeit in der Versandhalle möglichst schlecht zu verrichten. Sie verkündet: «Wir gehen nicht aus dem Buch, ohne dass Sie gehandelt haben werden.»

Wie könnte dieses Handeln aussehen, fragen wir uns mit der Autorin, wie kann verhindert werden, dass sich das Handlungspotenzial der vielen, die sich Tag für Tag auf den Weg zur Versandhalle machen, verflüchtigt und nur die privaten Wünsche Einzelner übrig bleiben? «Sie sollten dem Arbeitgeber beweisen, dass Sie lebendig sind», ruft uns die Autorin zu.

Was also, wenn alle weitergingen, statt das Gebäude zu betreten? Könnte so dem Tödlichen etwas entgegengesetzt werden, oder wäre die Weigerung «nur Auslöser eines kleinen, vorübergehenden personellen Engpasses, der sich lediglich in einem Satz auf der Unternehmenswebsite ausdrücken würde: Aufgrund schlechter Witterungsbedingungen muss derzeit mit Lieferverspätungen von bis zu drei Tagen gerechnet werden. Wir entschuldigen uns für diese Unannehmlichkeit»?

Eine Handlung, ein Beweis für Lebendigkeit ist Geisslers brillanter Text selbst. «Unproduktivität gepaart mit Frechheit», schreibt Edward P. Thompson über das Zeitsparen im 19. Jahrhundert, sei noch schlimmer gewesen «als Bingo». Nachdem wir unseren Schulungstag bei Amazon absolviert haben, lässt die Autorin uns wissen, wir seien «die Tochter von Lottospielern, vertraut mit der Hoffnung auf Geld». Hundert Seiten später liegen wir auf einer Palette in der Versandhalle, wir liegen da, schauen in die Luft – und arbeiten nicht. Lesend sind wir hintenübergefallen und beginnen zu lachen.

Dorothee Elmiger ist Schriftstellerin. Von ihr ist 2014 im Dumont-Buchverlag «Schlafgänger» erschienen.

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