Nr. 35/2020 vom 27.08.2020

Bourbone auf der Flucht

Spaniens früherer König Juan Carlos ist nach Korruptionsvorwürfen nach Abu Dhabi geflohen. Sein Image war nach zahlreichen Affären schon lange ramponiert – aber frühere Untersuchungen gegen ihn wurden auch mithilfe der SozialdemokratInnen eingestellt.

Von Dorothea Wuhrer, Sevilla

Kopf hoch, alter König, du hast noch Geld genug: Juan Carlos I. (links) 2014 bei der Übergabe seines Jobs an Thronfolger Felipe VI. Foto: Alain benainous, Laif

«Der Bourbonenkönig und sein Treiben, ich weiss nicht, ob er Elefanten jagte oder Prostituierte besuchte, das sind Dinge, die nicht erklärt werden können; da er seinen Bruder als Zielscheibe benutzt hat, sind jetzt Araber seine Stiefbrüder, und er bittet sie um Geld, um Waffen zu kaufen. Die Bourbonen sind Diebe.»

Wegen dieser und anderer Strophen aus einem Song über Spaniens König Juan Carlos I. wurde der mallorquinische Rapper Valtònyc 2018 zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Er habe die Krone verleumdet und beleidigt, so die spanische Justiz. Und weil das nach wie vor eine schwerwiegende Straftat ist, flüchtete Valtònyc nach Belgien.

Designierter Franco-Nachfolger

Denn bis vor kurzem waren das Königshaus und vor allem der Exkönig Juan Carlos noch unantastbar – doch mit der Flucht des unter Korruptionsverdacht stehenden Monarchen in die Vereinigten Arabischen Emirate ist sein Image nun endgültig ruiniert. Dabei war er Jahrzehnte sehr beliebt bei der Bevölkerung. Dass er als Achtzehnjähriger irrtümlich seinen Bruder erschoss und zahlreiche Geliebte hatte, schadete seinem Ansehen ebenso wenig wie die Tatsache, dass er die Krone Diktator Francisco Franco zu verdanken hat. Dieser holte 1950 den damals zwölfjährigen Thronfolger des Hauses Bourbon aus dem portugiesischen Exil zurück, um mit ihm die Monarchie zu restaurieren und ihn als seinen Nachfolger aufzubauen.

So wurde Juan Carlos 1975 nach dem Tod des Diktators zum König ernannt, er brach mit der Diktatur und unterstützte die Wandlung Spaniens zu einer parlamentarischen Monarchie. Nachdem er sich beim Putschversuch 1981 von Angehörigen der Guardia Civil und weiteren Militärs gegen die Regierung auf die Seite der DemokratInnen gestellt hatte, galt er seither für viele SpanierInnen als «Retter der Demokratie» und wurde nahezu verehrt.

Erst dreissig Jahre später erhielt sein Ansehen den ersten Kratzer. 2012, inmitten der Wirtschaftskrise, ging er mit seiner langjährigen Geliebten Corinna zu Sayn-Wittgenstein und weiteren FreundInnen in Botswana auf Elefantenjagd. Während in Spanien die offizielle Arbeitslosigkeit auf 26 Prozent kletterte, bezahlte der König laut Medienberichten 50 000 Euro Reisekosten für jede Person, die mit ihm an der Safari teilnahm. Bekannt wurde all das nur, weil er wegen einer Verletzung nach Spanien zurücktransportiert werden musste. Er entschuldigte sich zwar bei der Bevölkerung, aber das Ereignis führte schliesslich dazu, dass er 2014, im Alter von 76 Jahren, zugunsten seines Sohns Felipe abdankte – auch, um die Monarchie zu retten.

Doch statt seinen Ruhestand geniessen zu können, wurde er von weiteren Skandalen heimgesucht. Zu Sayn-Wittgenstein, mittlerweile seine Exgeliebte, die nach eigener Aussage vom spanischen Geheimdienst überwacht worden war, erzählte 2015 einem spanischen Kommissar, Juan Carlos habe von Saudi-Arabien eine Provision in Höhe von hundert Millionen Euro erhalten – für seine Vermittlung bei der Vergabe der Bauarbeiten zur Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke Mekka–Medina an ein spanisches Konsortium, dessen Kostenvoranschlag deutlich unter dem anderer Konsortien lag. Das Geld liege auf einem Bankkonto der Schweizer Bank Mirabaud, Juan Carlos habe aber weiteres Geld in anderen Steuerparadiesen sowie zahlreiche Immobilien weltweit, so zu Sayn-Wittgenstein. Der Kommissar hatte das Gespräch heimlich aufgenommen und veröffentlichte es 2018.

Prozess unwahrscheinlich

Daraufhin leitete der Nationale Gerichtshof eine Untersuchung ein, archivierte den Fall jedoch nur sechs Wochen später, wegen «mangelnder Glaubwürdigkeit» der Exgeliebten und «Fehlen von Beweisen einer kriminellen Verhaltensweise». Dabei gab es wohl auch politische Einflussnahme, gleich vier Mal lehnten es die sozialdemokratischen und rechtskonservativen Abgeordneten von PSOE und PP ab, eine Untersuchungskommission gegen den König einzusetzen.

Erst jetzt, da immer weitere Informationen bekannt wurden und die Medien das Thema neben der Coronapandemie zum Dauerbrenner machten, sah sich die Staatsanwaltschaft gezwungen, ein Vorverfahren wegen Steuerbetrug und Geldwäsche gegen Juan Carlos einzuleiten. Dass es zu einem Prozess kommt, ist jedoch höchst unwahrscheinlich: Am 3. August verliess Spaniens einst populärer König in einer Nacht-und-Nebel-Aktion das Land – vermutlich auf Druck seines Sohns, des Königs, und mit Wissen des sozialdemokratischen Regierungschefs Pedro Sánchez.

Seine Flucht vor der spanischen Justiz empört zwar das linke Spektrum und führt dazu, dass immer mehr SpanierInnen die Monarchie infrage stellen. Die Mehrheit scheint laut Umfragen weiter an ihr festzuhalten – trotz aller Korruptionsskandale. Felipe behauptet derweil, er habe nichts von den Geschäften seines Vaters gewusst, und teilte mit, er werde «auf einen Teil seines Erbes verzichten». Möglicherweise bleibt von Juan Carlos geheimem Vermögen ohnehin bald nicht mehr viel übrig: Er bewohnt derzeit in Abu Dhabi eine Suite, die 11 000 Euro pro Nacht kostet. Rapper Valtònyc hingegen ist immer noch in Belgien. Er wird nach wie vor von der spanischen Justiz verfolgt und singt weiter «Die Bourbonen sind Diebe».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch